Klaus Ulbricht, ehemaliger Bürgermeister Treptow-Köpenick

UlbrichtWas ist für sie typisch Köpenick?
Der Hauptmann, der Müggelsee, das viele Grün Aber ich verbinde auch Arbeiten mit Köpenick. Früher war das die Industrie. Heute sind es Wissenschaft, Forschung und technologieorientierte Firmen. Eigentlich haben wir heute eine neue Industrialisierung – aber zum Glück nicht mehr mit rauchenden Schloten und anderen negativen Nebenerscheinungen.

Was lesen sie gerade vor dem Schlafengehen?
‚Gleichheit ist Glück von zwei Soziologen (Kate Pickett und Richard Wilkinson), die sich damit beschäftigen, wie sich die Einkommensunterschiede in der Bevölkerung auf sozialer und gesundheitlicher Ebene auswirken. Vor allem in entwickelten Industrieländern, die eine große Unterschiedsspanne aufweisen, entwickeln sich Neid, Missgunst und andere damit einhergehende Gefühle, die einen großen Einfluss darauf haben, wie wir miteinander leben. Leider sind auch wir in Deutschland auf einem „guten“ Weg dahin, den Unterschied zwischen Arm und Reich noch größer zu machen. Wir müssen da einfach sehr aufpassen. Am Ende der Bürgermeisterei fragt man sich – was macht man denn nun? Für viele sind das dann große Reisen, aber auf Dauer wurde uns das auch langweilig. In meiner Zeit als Bürgermeister, wurde man oft mit Entscheidungen konfrontiert, wo es Beratung durch Experten braucht. Da gibt es dann Politikwissenschaftler, die sich bei einem melden, aber das hat mir nicht gereicht. Irgendwann habe ich dann durch Zufall Kontakt zum Institut für Geographie der Humboldtuniversität gefunden, mit denen wir an verschiedenen Projekten gearbeitet haben. Als ich dann fertig war, habe ich den Professor gefragt, ob ich bei ihm Vorlesungen besuchen darf. Durfte ich. Seitdem gehe ich ein bis zweimal die Wochen zu Vorlesungen und Seminaren. Ich mach auch die schriftlichen Prüfungen – mit mündlichen Prüfungen möchte ich niemanden belasten Womit ich mich beschäftige, nennt sich Humangeographie. Diese beschäftigt sich mit den Menschen und den Wechselwirkungen mit Umwelt und Umgebung. In der Vorlesung zum demographischen Wandel wurde mir unter anderem dieses Buch empfohlen. Mich hat das Buch vor allem deshalb berührt, weil wir in unserer Gesellschaft ja mit vielen Erscheinungsformen zu tun haben, die uns Sorgen machen – so zum Beispiel der Werteverfall, wachsende Kriminalität, nachlassender Schulerfolg – und ich denke, wir sind bei der Beantwortung, der Frage ‚Warum? ein bisschen oberflächlich. So zum Beispiel das Thema Fettleibigkeit – da kommen dann alle immer gleich mit Ernährungsberatung, aber das Problem liegt eigentlich ganz woanders. Das ist eher Kummerspeck. In der Gesellschaft, in der wir heute leben, stehen alle unter einem bestimmten Bewertungsdruck. Alle müssen etwas leisten können. Da schaffen sich Menschen ein Auto an, obwohl sie es sich gar nicht leisten können – die Nachbarn würden ja blöde kucken, wenn man kein Auto hat. Das sind halt so die Themen, die mich interessieren. Natürlich quäle ich mich gerade auch durch Herrn Sarrazin hindurch. Ich denke, das darüber Reden ist das eine, aber es gibt viele, die reden darüber, ohne es überhaupt gelesen zu haben. Es ist eine Qual, da es im Gegensatz zum vorherig genannten Buch, das von Wissenschaftlern geschrieben wurde, einfach nur Rumrederei ist mit ein paar Fakten von hier und ein paar Fakten von dort. Ich kenne ihn natürlich persönlich, auch wenn ich mit ihm heute keinen Kontakt mehr habe. Aber ich würde ihn gern noch einmal treffen und ihm die Meinung sagen. Also Sie merken schon, mir gefällt das Buch nicht. Vor allem der zweite Teil ist einfach nur katastrophal – eine intellektuelle Entgleisung.

Von den materiellen Dingen, die sie besitzen – auf was könnten sie sofort verzichten?

Auf das Auto kann man in dieser Stadt verzichten – das habe ich auch getan. In einer Stadt mit einem so guten öffentlichen Verkehrsnetz ist alles mit einer Umweltkarte sehr gut zu erreichen. Worauf könnte ich noch verzichten? Soviel materielle Güter habe ich nicht. Auf meine Familie würde ich nicht verzichten. Auf die Wohnung würde ich auch nicht verzichten. Auch auf den Fernseher und den PC würde ich nicht verzichten wollen, da Kommunikation wichtig ist. Angebunden zu sein an Information ist gerade heute sehr wichtig. Das Problem mit diesen Medien ist halt, dass man lernen muss mit dieser Fülle umzugehen. Ich wünsche mir, dass diese Fähigkeit des Herausfilterns in der Schule besser vermittelt werden würde. Aber das ist Teil eines viel größeren Problems des Lehrens an den heutigen Schulen – es geht in der Vermittlung von Fakten einfach zu viel unter. Das eine ist doch, dass man herausfinden muss – wie eigne ich mir Wissen an, wie lerne ich. Das andere ist – wie gehe ich mit diesen Information um. Das ist fast noch wichtiger als der erste Teil. Man muss sich nicht alles merken können, man muss wissen, wo es steht. Das verantwortliche Umgehen mit dem Wissen, vor allem mit der Masse der Informationen, ist essentiell.

Welchen Gegenstand würden sie auf jeden Fall aus ihrem brennenden Haus retten?
Die Fotosammlung der Familie – Eltern, Großeltern Erinnerungen, die dann einfach weg wären.

Einsame Insel. Wen nehmen sie auf gar keinen Fall mit?

Na, Herrn Sarrazin!

Was tun sie um wieder ‚aufzutanken?

Ich bin sehr gern mit meiner Familie zusammen – das ist mir sehr wichtig. Es ist auch eine Tradition in unserer Familie, dass man sich fragt, worüber konntest du dich heute freuen. Ich finde es wichtig, dass man nicht nur dem Beachtung schenkt, was einen ärgert, sondern auch für das Positive offen und dankbar ist. Als Bürgermeister ist man ja meistens 15 Stunden am Tag unterwegs. Meine Frau hat sich dann angewöhnt mich am Abend oft zu fragen – was war heute schön. Das hat mir sehr geholfen, das andere wieder abzuschütteln, weil natürlich nicht immer alles so läuft, wie man das gern hätte.

Zeitmaschine. In welche Zukunft oder Vergangenheit reisen sie und wen wollen sie dort treffen?

In der Vergangenheit würde ich gern meinen Vater wieder treffen und mit ihm über verschiedene Dinge aus seinem Leben noch einmal reden – zu einem Zeitpunkt, wo sein Leben schon zu Ende geht. Ich würde auch gern in 20 oder 30 Jahren voraus reisen und meine Kinder und Enkel noch einmal sehen, und schauen, wie es ihnen ergangen ist. Auch politisch wäre die Zukunft natürlich sehr interessant – wo ist das alles so hingegangen: Klimawandel, demographischer Wandel und so weiter. Haben wir die Probleme und Konflikte unserer Zeit lösen können?

Was war ihr Lieblingsessen als Kind?
Auf gar keinen Fall Spinat. Ich habe als Kind Essen nie sehr gemocht. Was aber doch gut war, waren Thüringer Klöße mit Braten und Rotkohl. Ich komme ja aus Dresden, da wurden die Klöße selbst gemacht aus rohen geriebenen Kartoffeln.

Woran glauben sie?

Ich glaube an das Gute im Menschen. Das ist eine Mitgift von meinem Vater – egal wie ein Mensch äußerlich erscheint, in ihm steckt ein guter Kern, man muss ihn nur herausfinden. Dann hat er noch gesagt – manche nennen das Gott. Er hat das nicht so genannt, unsere Familie war nicht religiös. Diese Sichtweise auf den Menschen habe ich ziemlich beherzigt.

Was bringt sie zum Lachen?
Ganz vieles – am meisten die deutsche Sprache mit ihren Vieldeutigkeiten. 11. Beschreiben sie sich mit nur einem Wort. Ausgleichend. Oder harmoniebedürftig. Aber nicht im Sinne von konfliktscheu – mein Ziel ist es in Situationen so weit zu kommen, dass wieder Konsens herrscht.

Was war ihr spektakulärster Misserfolg?
Der Müggelturm. Die misslungenen Versuche, die Infrastruktur in dem Wald- und Seengebiet wieder zu rekonstruieren. Im persönlichen Leben ist es das vollständige Abgewöhnen des Rauchens, das ich nicht geschafft habe Hin und wieder rauche ich mal ganz gerne.

Was ist ihnen peinlich?

Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Vor einer großen Menschmenge zu sprechen, das hat eher was mit Lampenfieber zu tun. Peinlich ist mir das nicht. Ich bin ja von der Ausbildung her Naturwissenschaftler und da habe ich viele Erfahrungen sammeln können im Halten von Fachvorträgen. 1989 Anfang Dezember bin ich in die SDP eingetreten. Das ging alles sehr rasch – ich stand jedenfalls zwischen Weihnachten und Silvester auf einer Wiese in Karolinenhof vor hundert bis zweihundert Leuten und musste was zur SDP sagen Das war meine erste nichtwissenschaftliche Rede. Da haben mir ganz schön die Knie geschlottert. Ich mag es nicht mich in den Vordergrund zu spielen. Ich nehme mich lieber zurück.

Haben sie ein Mantra?
Habe ich eigentlich nicht. Aber im übertragenen Sinne versuche ich keinen unnützen Tag zu haben, sondern aus jedem Tag was zu machen, worüber man sich freuen kann. Was dem am nahesten kommt ist der chinesische Sinnspruch – nutze die Zeit, denn es ist schon später als du denkst. Ich habe keine Angst, dass ich zu spät bin, aber ich habe was dagegen die Tage so dahinschlampern zu lassen, ohne was daraus zu machen.

Was möchten sie in den nächsten 10 Jahren erreichen?

Ich möchte mich schon noch ein bisschen nützlich machen, in dem ich mich mit den Fragen der Zeit beschäftige und das dann zum Beispiel über Vorträge weitergebe. Warum sind wir so wie wir sind? Wie wir im Moment sind, haben wir eine Entwicklung durchgemacht, die nicht unbedingt für positiv erachte. Wir haben einen dramatisch vergrößerten Individualismus in der Gesellschaft, wodurch Solidarität in den Hintergrund fällt. Mich interessiert – wieso gehen wir in diese Richtung und wie kann man das eventuell wieder umdrehen.

Von all ihren schlechten Angewohnheiten – was ist ihre liebste?

Bier trinken.

Wen bewundern sie am meisten?

Ich achte Menschen wie Helmut Schmidt. Er hat es geschafft an Bedeutung zu gewinnen, nachdem er nicht mehr Bundeskanzler war. Er hat es geschafft die Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland und in der Welt zu interpretieren und in einer geeigneten Sprache die Menschen zu motivieren.

Was treibt sie an?
Die Ungeduld.

Wir treffen uns in einem ruhigen Erkerzimmer der Weißen Villa am Müggelsee. Draußen entfaltet sich der Oktober langsam als Herbst, drinnen sitzen wir bei Kaffee und Mangoschorle und reden, reden, reden. Kaum eine Frage, lässt sich einfach und schnell beantworten. Ständig schweifen wir ab – es gibt einfach so viel zu sagen und zu erzählen. Die erste Gemeinsamkeit, die wir entdecken ist, die Umweltkarte – ich gehöre zu den wenigen Menschen, die mit 34 Jahren noch keinen Führerschein hat; er gehört zu den wenigen Menschen, die ihr Auto abgeschafft haben. Klaus Ulbricht ist ein interessanter und interessierter Mensch, mit einem Erfahrungsschatz, der mich als Geschichtenerzählerin Bücher füllen lassen würde. Natürlich geht es in unserem Gespräch vor allem, um seine Zeit der Bürgermeisterei, sowie die Zeit kurz davor und die jetzige Zeit danach. Aber ich könnte hier noch viele Stunden sitzen, und etliche Themen wie Bildung, soziale Dynamiken innerhalb einer Gesellschaft und so weiter und so fort einfach nur genüsslich durchdiskutieren. Zeit ist aber leider etwas, was im Gegensatz zu Interesse und Redensleidenschaft, endlich und damit begrenzt ist� Wie kommt man als Naturwissenschaftler zur Politik? Auch wenn es nicht so selten ist (unsere Bundeskanzlerin arbeitete von 1986 – 1989 mit ihm am Zentralinstitut für physikalische Chemie der AdW in Berlin Adlershof), so erscheint der Weg doch ungewöhnlich bei einfacher Betrachtung. Meine Frage beantwortet Herr Ulbricht mit seiner Definition von Politik – es geht um so viel mehr als um die Zugehörigkeit zu einer Partei; es geht darum sich Gedanken über das menschliche Miteinander zu machen. ‚Das habe ich natürlich auch als Naturwissenschaftler gemacht. Ich hatte das große Glück mit einem sehr toleranten und großzügigen Chef zusammenzuarbeiten. Es wurde in einer geistig ziemlich freien Atmosphäre über vieles diskutiert bei uns und es gab nur wenige SED Mitglieder. Als in der UdSSR Gorbatschow und in Polen die Solidarnosc-Bewegung anfangen für Veränderungen zu sorgen, werden die Diskussionen auch am Zentralinstitut immer intensiver. Wie wird es hier weitergehen?

Als der EOS-Antrag seines Sohnes 1988 abgelehnt wird, erfährt Herr Ulbricht bei einem Spaziergang mit dem Schulrat, dass es an ihm, dem Vater, liege. Wenn er ein bisschen mehr den Staat unterstützen würde Natürlich stellt sich in solch einer Situation auch für Familie Ulbricht die Frage – gehen wir auch weg oder bleiben wir hier und verändern etwas. Diese berlegungen führen unter anderem dazu, dass das Ehepaar Ulbricht 1989 die entstehenden Diskussionsgremien mit viel Interesse verfolgt und besucht. Das Programm der SDP entdeckt er in einer Kirche in Lichtenberg und nimmt es mit. ‚Das war schon was! Da stand eben nicht nur drin wogegen sie sind, sondern auch was sie wollen. Bei den Diskussionen des Neuen Forums war man immer sehr schnell dabei zu diskutieren, was so alles Mist ist, aber wo sie hinwollten blieb dabei auf der Strecke.

Als im Dezember 1989 Angelika Barbe in der Bekenntniskirche in der Plesserstrasse in Berlin Treptow die SDP vorstellt, gefällt es Herrn Ulbricht so sehr, dass er sich entschließt: ‚Heute trete ich ein. So fing das alles an Sein Beruf macht ihm viel Spaß, daher auch kein Gedanke daran, seinen Beruf aufzugeben, als er im Mai 1990 bei der Kommunalwahl für die nunmehr SPD kandidiert und zum Fraktionschef in der Bezirksverordnetenversammlung gewählt wird. Er arbeitet weiterhin an der Akademie in Adlershof, wo sein Institut für physikalische Chemie zu diesem Zeitpunkt wie alle wissenschaftlichen Institute der ehemaligen DDR vom Wissenschaftsrat der Bundesrepublik evaluiert wird, um zu entscheiden, was aufhebenswert ist und was abgewickelt werden soll. Seine Arbeitsgruppe wird der ersten Gruppe zugeteilt und wird später der Bundesanstalt für Materialforschung angeschlossen. Als im April 1991 der damalige Stadtrat für Wirtschaft und Finanzen zurücktritt, wird nach Herrn Ulbricht gefragt. Er sagt ja. Aufgrund des noch unterschiedlichen Wahlrhythmus West/Ost ‚hatten wir damals unheimlich viele Wahlen. 1992 ist es wieder soweit – diesmal wird Klaus Ulbricht zum Bezirksbürgermeister von Köpenick gewählt. Er hat diesen Schritt nie bereut. Hier entdeckt Herr Ulbricht auch viele Gemeinsamkeiten zwischen seinem ehemaligen Arbeitsfeld (einem Grenzbereich zwischen Physik, Chemie und Informatik), welches sich mit der Analytik von Strukturen und bestimmten Stoffen befasst und seiner Arbeit als Bürgermeister. In beiden Gebieten geht es darum Menschen zusammenzubringen, die aus verschiedenen Bereichen kommen und sie zu motivieren zusammenzuarbeiten.

Ich frage nach Angela Merkel. ‚Ja, die war damals auch dabei in der Plesserstrasse, aber sie ist zu Eppelmann gegangen zum Demokratischen Aufbruch Ich bin ja immer wieder gefragt worden, wie es denn gekommen ist, dass Frau Merkel Christdemokratin geworden ist und ich Sozialdemokrat. Wir hatten damit kein Problem. Uns war klar, wir müssen was tun – aber wir müssen nicht derselben Partei angehören. Sonst wäre das ja wie vorher gewesen. In einem demokratischen System braucht es mehrere Parteien. Angela Merkel ist eine kluge Frau und war eine hervorragende Wissenschaftlerin. Ihre Arbeit als Bundeskanzlerin kann Herr Ulbricht nicht beurteilen – nur zu gut weiß er, dass man in der Politik nur zu 5 Prozent das tun kann, was man wirklich möchte. Der Rest ist ständiger Kompromiss. Gab es noch andere in seiner Arbeitsgruppe, die den politischen Weg eingeschlagen haben? Nein. Als er am Tag nach der Plesserstrasse auf Arbeit verkündete, dass er in eine Partei eingetreten sei, war die Verwunderung groß. ‚In eine Partei eintreten klang damals noch immer sehr nach ‚in die Partei eintreten. ‚In der Partei war es ja so, da gab es Montag eine Parteiversammlung und Dienstag hatten die dann wieder eine Meinung. Dieses Klischee war noch so drin, dass es sehr abwegig schien, in irgendeine Partei einzutreten. Seine Familie hat die Kandidatur unterstützt – ‚das ist die Vorraussetzung, da man ja in dieser Position für die Familie ausfällt. Für meinen Jüngsten, der damals in die sechste Klasse kam, war das schon etwas schwieriger. Wenn ich zu ihm dann gesagt habe, so jetzt habe ich eine Stunde Zeit für dich, hat er mir geantwortet – Papa, das ist nett von dir, aber gestern hätte ich dich mal gebraucht Er bewundert alle, die ein politisches Amt bekleiden und dabei eine Familie mit noch kleineren Kindern haben. Aber letztendlich gibt es auch Menschen, die keinen zeitraubenden Beruf haben und trotzdem nicht für ihre Kinder da sind. Es liegt immer an der Einstellung der einzelnen Person.

Dann irgendwann – der erste Tag als Nicht-mehr-Bürgermeister. ‚Ich kann mich an den Tag noch gut erinnern. Ich kann nicht sagen, dass es ein Gefühl von Leere war, aber es hat ganz heftig was gefehlt. Aber das ist ja kein Geheimnis, dass Menschen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, nicht die Möglichkeit haben es langsam auslaufen zu lassen, sondern ganz plötzlich aufhören müssen. Mir wurde vorher schon gesagt, dass es mindestens zwei bis drei Jahre dauern wird, bis ich mich an den Zustand gewöhnt habe. Das war auch so. Das sind zwei schwere Schritte im Leben – wenn man in die Schule kommt und wenn man in Rente geht. Bis Mai dieses Jahres war er aber noch Kreisvorsitzender der SPD, das hat sehr geholfen. ‚Andererseits hatte ich auch – das klingt jetzt etwas theatralisch – den Wunsch meiner SPD, was zurückzugeben und mich im Bezirk einzubringen. Die Bundesrepublik gibt aber auch etwas zurück – das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, das er dieses Jahr überreicht bekam. Macht diese Form der Anerkennung einen Unterschied aus, in dem wie er auf seine Amtsjahre zurückblickt? Wenn auch natürlich der Ansporn eines jeden Menschen darin liegt, Anerkennung für seine Arbeit zu erreichen, so ändert sich seine Sicht auf seine Verdienste und Leistungen nicht. ‚Es bringt höchstens die Frage auf – was kann jetzt noch kommen? Wars das jetzt schon? Sargdeckel zu? Es hat eben auch etwas sehr Abschließendes. Hat ihn die Auszeichnung überrascht? Ja, sehr. Am Tag der bergabe wollten alle Familienmitglieder dabei sein. Das hat ihn sehr gefreut, besonders weil bis dahin eine strikte Trennung zwischen Amt und Familie herrschte – Frau Ulbricht wollte nie, Frau Bürgermeister sein. Da waren sie dann zu zehnt bei Klaus Wowereit – ‚selbst mein Sohn, der mit seiner Familie in England lebt, meinte dass er selbstverständlich kommen würde. Das alles hat den Tag noch schöner gemacht.

Es ist ihm wichtig zu betonen, dass der Erhalt des Bundesverdienstkreuzes auch mit viel Dankbarkeit den Menschen in Treptow-Köpenick verbunden ist – vor allem denjenigen gegenüber, die durch ihre Zusammenarbeit mit ihm erst vieles möglich gemacht haben. ‚Es gibt viele Akteure, mit denen ich diese Auszeichnung gern teilen würde. Es gab viele, die dafür gesorgt haben, diesen Bezirk voranzubringen – das war ja nicht nur meine Leistung. Rückblickend ist er am dankbarsten, dass es gelungen ist aus dem dramatischen Niedergang um die Wendezeit herum, einen Aufschwung zu inszenieren – vor allem in Friedrichshagen, ist das ja sehr schön zu sehen. Oder auch die Menschen in Oberschöneweide, denen er erstmal immer wieder sagen musste – es liegt nicht an euch, ihr seid weder zu dumm, zu träge oder zu faul Die industrielle Struktur ist aber eben so nicht lebensfähig. Es freut ihn zu sehen, dass so viele trotz aller Schwierigkeiten, was aus sich gemacht haben – ein Unternehmen gegründet, eine Umschulung gemacht oder sich noch mal ganz anders definiert haben. Was sind seine Gedanken anlässlich des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung? Sicherlich gibt es unterschiedliche Sichten an dieser Stelle. Anstatt Mauerfall und Wiedervereinigung bevorzugt er den Begriff 20 Jahre friedliche Revolution. Aber das Ereignis inspiriert ihn schon dazu noch einmal in sich zu gehen und sich zu fragen – wie war das eigentlich alles damals. Es gibt viel Grund sich zu freuen, dass sich alles so entwickelt hat, auch wenn im Detail natürlich viel schief gegangen ist und hätte besser gemacht werden können, so zum Beispiel die Strategie der Treuhand – erst verkaufen, dann sanieren. Aber das ganze war eben ein Prozess, der nicht vorzudenken war – so etwas gab es ja vorher nicht.

Kritisch steht er vor allem der gesellschaftlichen Entwicklung gegenüber. ‚Wir sind der Bundesrepublik beigetreten, ohne so richtig zu wissen, dass es auch da viel Reformbedürftigkeit gab. Es gibt aber auch heute viele Probleme, die mit diesem 20-jährigen Jubiläum nichts zu tun haben. Wir sind heute eine andere Gesellschaft – nicht durch die Wiedervereinigung, sondern auch durch andere Prozesse. Die Globalisierung, Veränderung des Arbeitsprozesses In meiner Generation gab es ja noch, dass jemand einen Beruf gelernt hat und diesen Beruf dann ein Leben lang ausgeübt hat, manchmal sogar am gleichen Arbeitsplatz. Das gibt es ja heute so gut wir gar nicht mehr. Es gibt eine große Zahl von Menschen, die mit prekären Arbeitsverhältnissen leben müssen – Praktika, Zeitarbeit, Teilzeit usw. Das hat sich aus den allgemeinen weltweiten Prozessen entwickelt, aber auch aus dem Zustand der Bundesrepublik-Alt, auf den wir ja zurückgefallen sind. Sicherlich wäre es schöner gewesen, wenn sich nach dem Beitritt der DDR, die Werte neu verständigt hätten und auch notwendige Veränderungen in der BRD gleich mit angegangen worden wären. Aber dafür war keine Zeit, der politische Wille war auch nicht so richtig da und vielleicht war es auch einfach die Angst der Bundesrepublik-Alt, dass sie sich verändern muss. Als er 1993/94 im Städteaustausch die Stadt Aachen besucht, hat er das Gefühl, dass dort das Wort Wiedervereinigung fast unbekannt ist – ‚das war alles ganz weit weg. Mit einer solchen Einstellung, ist Veränderung natürlich nicht möglich. Es gab ja in diesem Sinne auch nicht wirklich eine Wiedervereinigung, bei dem zwei Teile einen dritten neuen Teil entstehen lassen, sondern einen Beitritt der DDR mit allen Konsequenzen.

Den größten Veränderungsprozess der letzten 20 Jahre gab es ja nur im Osten – ‚von einer Zuteilungsgesellschaft zu einer Antragsgesellschaft. Vorher musste man sich um kaum etwas kümmern, wenn einer in Rente ging, dann kriegt er das schon zugeschickt. Wenn man heute vergisst irgendwo irgendein Formular auszufüllen, dann hat man Trauer. Diese Fähigkeit der Ostdeutschen sich dieser immensen Veränderung anzupassen, ist schon eine enorme Leistung. Das Gespräch könnte noch lange weitergehen. Ich habe noch viele Fragen und große Lust noch eine ganze Weile zuzuhören. Aber ich muss los und Herr Ulbricht möchte es heute noch ins Fitnesscenter schaffen. Wir gehen gemeinsam die Bölschestrasse hinunter und erzählen weiter. Wir trennen uns an der Straßenbahnhaltestelle – er hat ja eine Umweltkarte. Ich laufe die Bölsche weiter runter und genieße das Ideentummeln in meinem Kopf, das sich immer nach einem saftig-guten Gespräch in Gang setzt.