NIK0058_final_printUta Köbernick back in Köpenick

Nach der Einsamkeit des Kleinkunstschaffenden befragt, beschreibt Uta Köbernick ihren Alltag ungefähr so: Mit Koffer, Geige, zwei Gitarren und im besten Falle auch noch Kinderwagen bepackt über den Bahnsteig hetzen und doch keinen Sitzplatz bekommen. Aufgewachsen ist sie im Köpenicker Allendeviertel. Sie tourt zur Zeit mit ihrem Programm „SonnenScheinWelt“, für das sie den deutschen Kleinkunstpreis 2009 erhielt, durch Deutschland und die Schweiz, wo sie auch lebt. Das Interview führte Martin Neuhaus. Der Schauspieler und Regisseur, der in Friedrichshagen zur Schule ging, ist seit ersten gemeinsamen Gesangsstunden 1991 in der Musikschule Köpenick mit Uta Köbernick befreundet. Für das Interview trafen sie sich an der Dampferanlegestelle Friedrichshagen. Oder besser – direkt daneben: Gestrandet am Müggelsee

N: Sag mal was, also das ist jetzt ziemlich nahe liegend, weil wir liegen hier ja auch ziemlich nahe, sag mal was zum Müggelsee.

K: Paddelboot fahren, Rübezahl. Das war so, dahinten die Spree runter, da hinten, also nicht der Müggelsee, sondern die Spree, da ist ein Bootshaus, da waren wir früher, als ich klein war, in so einem Verein, und da bin ich immer mit meinem Vater und meiner Mutter hier so lang gepaddelt, zu Rübezahl Eis essen und wieder zurück.

N: Was denkst du wenn du mich siehst?

K: Musikschule mit Herrn Meyer, Hauptmann- Gymnasium, Schöneweide, Straßenmusik, Spaghetti Carbonara, weil du so schön isst…

N: Haben sie mir auf der Schauspielschule ausgetrieben.

K: Jugendchor, viel schönes und auch unsägliches. Wie alt warst du da? 17?

N: Ich konnt noch nicht Auto fahren, jetzt bin ich 34. Warte, ich spul zurück. Also, damals hattest du jedenfalls die Haare kurz rasiert und wohntest in der Alfred-Randt-Straße bei deinen Eltern.

K: Ja, offiziell schon.

N: Ich hab ja die Freude gehabt, dass ich vorgestern im BKA dein Programm sehen durfte, und da hattest du ja auch Texte zu diesem Thema. Jetzt bist du selber Elter, also Mutti…

K: Ach, ich werd genauso viel falsch machen, wie meine Eltern und genauso, hoffe ich, auch ein paar Sachen richtig, was meine Eltern ja auch hingekriegt haben, ich aber natürlich in dieser Zeit niemals zugegeben hätte. Das war jetzt kein so druckbarer Satz, aber das ist ja dein Job.

N: Ich find’s zauberhaft und auch gleich zur nächsten Frage. Was ist ein Schüttelreim?

K: Schüttelreime sind ja richtig toll. Also, da hast du eine Zeile, und unten, also man muß, man kann das, bei einem Schüttelreim… Ich muß jetzt hier nicht rumspielen oder?

N: Doch.

K: Kannste eh nicht drucken. Ist alles in meinem Programm. Wollen wir uns nicht lieber in die Sonne setzen?

N: Du bist damals von Köpenick nach Weimar, hast da Gesang studiert und dann noch mal in Zürich Schauspiel. Jetzt machst du, wie sagt man, ein eigenes Liedermacher-Kabarett- Kleinkunst-Programm, wo war denn da der Schritt zum Profi?

K: Das hab ich jetzt gar nicht so entschieden. Ich war ja vorher an der Händel-Schule, dann hab ich Geige gelernt und hier in den Friedrichshagener Combos gespielt, Notschlachtung, Nice Surprise, Werner Brothers und so, und dann hat das mit dem Gesangsstudium geklappt und ich bin aber schon hin mit dem Gefühl, das ich nie so werden will, wie diese Gesangsstudenten, hab dann aber doch alles rausgezogen, was mich interessiert hat. Ich wollte nur nicht so klingen, wie die klassischen Sänger, sondern auch einfach auch mal ein Volkslied singen können. Und dann hab ich immer nebenbei geschrieben und Programme gemacht.

N: Du hast grade den deutschen Kleinkunstpreis bekommen. Hat sich da was verändert?

K: Das merkt vor allen meine Agentin. Ja, der Druck ist größer und ich muß jetzt zeigen, daß ich den auch verdient habe. Hab mich aber sehr gefreut. Klingt so abgeklärt, wie ich darüber rede, so mein ich das gar nicht, ich bin einfach nur müde.

N: Du hast gesagt, du stemmst ungefähr hundert Konzerte im Jahr, immer allein. In was für Locations, vor welchen Leuten spielst du da?

K: Na das Kabarettpublikum ist meistens älter als ich.

N: Ich frag andersrum. Du hast so eine Mischung zwischen Bühnenfigur, aber auch sehr viel persönlichem. Das hast du ja auch kultiviert.

K: Also, vor ein paar Jahren, da hatte ich mal eine Figur, die war weiter weg von mir, viel böser, wissender, aber das tat dann den Texten unterm Strich nicht gut. Jetzt steh ich da, einfach so, sag, mal kucken, was ich jetzt mache, und das gibt mir ja auch mehr Freiheit auf der Bühne und mehr Leichtigkeit, die den Texten oft entgegensteht. So, wie ja auch die eigenen Texte irgendwann zu Fremdtexten werden, wenn man sie oft genug sagt. So oft, wie ich das spiele, ist für mich die größte Arbeit dabei, die Sachen lebendig zu halten, mich selber zu überraschen.

N: Ich hab hier in einer Kritik gelesen: „Man weiß nie, ob sie diese Unbeholfenheit nur spielt. Die junge Berlinerin hat sich etwas bewahrt, was in der Branche Seltenheit besitzt: Unschuld.“

K: Ich mag den Satz. Er steht für eine Grauzone, die Grauzone, in der wir uns bewegen in unserem Beruf. N: Für wen schreibst du? Für dich? K: Dann könnte ich ja Tagebuch schreiben, das würde reichen.

N: Also bist du eitel?

K: Nein. Ja. Aber das hat nichts mit den Texten zu tun. Ich hab einfach große Lust an der Sprache, an Situationen. Befindlichkeiten auf den Grund zu gehen, damit zu spielen, das zu brechen, damit zu überraschen, in einer kleinen Geschichte, das macht mir einfach großen Spaß.

N: …und, ganz erstaunlich, viel Liebe zum Blankvers. Wie textest du? Ich mach das ja am liebsten in der Badewanne.

K: Es fällt mir schwer. Ich kann mir das nicht vornehmen. Es gibt Momente, da springt mich einfach was an und dann gehen die Stunden so hin. Aber jetzt geht’s grad schwierig, mit Kind und spielen und immer unterwegs. Also, daß ich jetzt hier sitze und sehe da den Sonnenschirm und denke hui… Aber sonst hab ich genauso geschrieben, das mir etwas auffällt oder querliegt und manchmal kommt dann auch was raus, was Substanz hat. Natürlich sitz ich auch da und denke manchmal, das interessiert jetzt keine Sau und lustig ist es auch nicht. Aber grad merk ich, dass mir das Spielerische beim Schreiben ein bisschen verloren geht.

N: Wie bei dem schönen Lied vom Scheitern auf deiner neuen CD. So, wir sind ja hier unter uns, du kannst dir wünschen, wie soll es weitergehen?

K: Also, ich will Theater spielen, ich will wieder in einem Ensemble spielen und Sachen sagen, die nicht von mir sind, ich will Zeit zum Schreiben haben. Ich vermiße mein Kind.

N: Vor zwanzig Jahren haben wir hier schon mal rumgestanden. Was ist 2020?

K: Das will ich gar nicht wissen. Ich will meinen Sohn soweit auf den Weg zu bringen, daß er das Rüstzeug fürs Leben ungefähr dabei hat. Den Rest macht er eh alles selber. Da hat man dann wirklich was geschafft.