Mehr als Unterhaltung

Kathrin Wagner über Kunst, Politik und Menschlichkeit auf der Bühne
Kathrin Wagner ist leidenschaftliche Ringjongleurin, schreibt und performt eigene Texte in mehreren Sprachen und tourt die letzten Jahre mit ihrem Stück „I Was Told.“ quer durch Europa.

Die Zirkusartistin Kathrin Wagner jongliert mit blauen Ringen.
Foto: Lily Schlinker

Wann und wo hast du deine nächsten Auftritte?
Im Moment befinde ich mich mehr im Proberaum, zwischen zwei verschiedenen Kreationsprozessen, die jeweils im März und im Mai 2026 Premiere feiern dürfen. Zum einen Gaze on Balance, eine neue Produktion der Kompanie Klub Girko, zum anderen für Belonging, meine eigene Kreation und Produktion – ein interdisziplinäres Outdoorstück aus zeitgenössischem Zirkus und selbst geschriebenen Texten. Zudem spiele ich regelmäßig mein Stück I Was Told. , was im Frühjahr in Ravensburg am Bodensee zu sehen sein wird.

Hast du eine Botschaft, die du gern mitteilen möchtest?
Auf der Bühne geht es mir vor allem um eine ehrliche Verbindung zum Publikum, aus tiefstem Herzen. Raum für Verletzlichkeit und Menschlichkeit zu schaffen und so einen Kontrast zur aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung zu schaffen, ist mir ein Bedürfnis.

Was bedeutet die Berliner Zirkusszene für dich?
Die Berliner Szene ist der Grund, warum ich in diese Stadt gezogen bin. Ich genieße den Austausch, das Miteinander und die gegenseitige Unterstützung.

Was ist es, was du an deinem Beruf als Zirkusartist*in am meisten liebst, und was motiviert dich, in der Branche zu arbeiten?
Am meisten liebe ich den Prozess des Entwickelns, von der ersten Idee bis zum Stück – und ich sage bewusst nicht das „fertige“ Stück, denn eine konstante Weiterentwicklung des Kreierten gehört auch dazu. Außerdem liebe ich es, das Publikum zu bewegen, zu bestärken und gemeinsam zu lachen. Diese Momente motivieren mich, auch in weniger schönen Momenten weiterzumachen.

Was sind die größten Herausforderungen, mit denen du in deinem Beruf konfrontiert bist, und welche Unterstützung brauchst du, um diese zu bewältigen?
Zu den größten Herausforderungen gehören für mich die Vielzahl an Tätigkeiten neben der eigentlichen Kunst, welche in sich schon Vollzeitjobs darstellen. Dinge wie Marketing, Netzwerkarbeit, Verkauf der Stücke etc. gehören in der deutschen Zirkuslandschaft oft zum Alltag, da die Sparte noch nicht die gleichwertige Anerkennung in Politik und Gesellschaft genießt wie in anderen Ländern. Diese Anerkennung geht einher mit Fördermöglichkeiten und Berufen, die im Theater beispielsweise schon existieren.

Wie hat sich deine Perspektive auf die Zirkuskunst im Laufe deiner Karriere verändert, und was bedeutet dieser Beruf für dich persönlich?
Ich denke, ich bin über die Jahre in den Beruf hineingewachsen, vom Traum auf der Bühne zu stehen, als ich 17 war, bis hin zur ersten Stückkreation, -produktion und zum Touring in Europa in Eigenregie. In den letzten zehn Jahren durfte ich Teil eines wertvollen Netzwerks werden, das es mir erlaubt, mich weiterzuentwickeln. Seitdem ich mit meinem eigenen Stück auf der Bühne stehe, habe ich das Gefühl, meine Identität als Künstlerin gefunden zu haben und kann mir in absehbarer Zeit nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Jonglage begleitet und trägt mich seit meinem 13. Lebensjahr und bedeutet mir alles.

Welche Veränderungen oder Verbesserungen wünschst du dir für die Zirkusbranche, um die Arbeitsbedingungen und die Sichtbarkeit von Künstler*innen zu fördern?
Ich wünsche mir mehr Unterstützung aus der Kulturpolitik und ernsthafte Schritte hin zu einer Diversität im Publikum und auf der Bühne. Sichtbarkeit kann durch Festivals wie Zeit für Zirkus gesteigert werden, aber auch durch eine Offenheit von Spielstätten dieser neuen, jungen Kunstform gegenüber. Zeitgenössischer Zirkus schafft es, neues Publikum anzuziehen und hat das Potenzial, Diversität zu fördern. Ich glaube fest daran, dass Repräsentation in der Kultur einen positiven Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung und Einstellung haben kann, daher wünsche ich mir eine Unterstützung auf politischer Ebene und seitens Spielstätten. Rassismus, Sexismus und Ableismus könnten aktiv verringert werden, wenn es Mittel dafür gäbe.

Wie stellst du dir die Zukunft des Zirkus vor, und welche Rolle möchtest du dabei spielen?
Da ich aktiv an der Verbesserung von Sichtbarkeit und den Arbeitsbedingungen, vor allem im Hinblick auf Zugänglichkeit, mitwirken möchte, engagiere ich mich beim Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus und ich scheue mich nicht davor, gesellschaftspolitischen Status quo auf der Bühne zu thematisieren. Meine Rolle sehe ich darin, Menschen zu bestärken und zum Nachdenken anzuregen.

Das Projekt Circus Hub Berlin mit dem Teilprojekt „Act One – Kultur- und Arbeitsmarkt für Zirkus in Berlin (August 2025 – März 2026)“ untersucht erstmals die Berliner Zirkusszene systematisch. Ziel ist es, Arbeitssituation, Bedürfnisse und Chancen der Künstlerinnen zu erfassen, die Bedeutung der Zirkusszene für Berlin sichtbar zu machen und sie durch Öffentlichkeitsarbeit und Netzwerke zu stärken. Fokus liegt auf Berliner Künstler*innen aus Zirkus und verwandten Bereichen, die auch überregional und international aktiv sind. Im Rahmen des Projekts ist für Januar 2026 eine großformatige Plakatkampagne unter dem Titel „Zirkus: Hier und Jetzt“ geplant, um die Vielfalt der Zirkusszene abzubilden, Zirkusprofis in Berlin zu unterstützen und ihnen neue Möglichkeiten zu eröffnen. Durch Stärkung des öffentlichen Bewusstseins für die Kunstform sollen die Entwicklung der Zirkusszene gefördert und neue Zielgruppen erschlossen werden.

„Act One“ wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie durch das Land Berlin – Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt im Programm „Stärkung des Innovationspotentials in der Kultur III (INP III)" gefördert.


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