Teeparty im Wunderland

Im Dezember steht wieder „ALICE – ein Punkquartett“ von und mit The Metafiction Cabaret auf dem Spielplan der ABC Theaterbühne
Salomé Klein ist die Kostümbildnerin des neuen Bühnenstücks im Schlossplatztheater. Wir haben sie in ihrem Atelier besucht und mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Salomé Klein mit Teetasse in ihrem Atelier
Foto: Matthias Vorbau

Der Tisch ist einladend gedeckt. Der Tee wird mir aus vornehmen Sammeltassen serviert. Es werden Minipilze mit Keksstiel, weißen und gelben Schokohütchen – dazu poppigfarbener Puffreis gereicht. Mit am Tisch sitzt eine zierliche Stoffkatze. Vor ihren Pfoten blinken Fischlein aus Metallpapier: Willkommen zur Teeparty!

Wir haben in einem Salon mit hohen Wänden und großen Fenstern an einem winzigen Teetischchen platzgenommen. Der Raum dient Salomé Klein gleichzeitig als Atelier und Wohnzimmer. Um uns herum vereint ein ganz wundersamer Kosmos die Arbeit mit dem Leben der Kostüm- und Bühnenbildnerin: hohe Stapel von Büchern, Farben, Stifte, Stoffe, Schränkchen, Schubladen, Garnrollen, Kleider auf Bügeln, Figürchen in Setzkästen, Hölzer, Draht und noch so mancherlei seltsam anmutendes Accessoire. Manches ist alt, anderes halb, manches fremd und alles scheint hier zusammengekommen, um neu zu entstehen.

An einer Hutgarderobe neben Salomé hängen helle und in zarten Tönen gefärbte Blusen und Röcke hübsch aufgereiht. Das werden die Kostüme für das Punkquartett ALICE. Einer der Röcke hängt noch im Farbbad, um die gewünschte zarte Tönung anzunehmen. Gelb und grün wachsen langsam nach oben. Eine Handvoll Vogelfedern erwartet einen neuen Anstrich und ein Winterhermelin gesellt sich nobel zu dem Ensemble.

Salomé kam zum Studium nach Berlin – da bereits mit zwei Kindern im Gepäck. 2016 schloss sie ihr Studium an der Kunsthochschule Weißensee ab. Das Feld des Figurenbaus hat sie sich autodidaktisch erschlossen und zum Thema ihrer Diplomarbeit gemacht. Mit einem Elsa-Neumann-Stipendium in der Tasche inszenierte sie im Anschluss ein Figurentheaterstück an der Schaubude in der Greifswalder Straße.

Heute ist sie Mutter von vier Kindern und arbeitet freischaffend. Sie gibt Workshops und arbeitet für verschiedene Bühnen. Bei einem Workshop in der Alten Möbelfabrik lernte sie die Gruppe um das Metafiction Cabaret kennen, die gerade an dem Lewis-Carroll-Stoff arbeiteten. Schnell wurde dabei klar, dass ALICE Salomés einfühlsamer gestalterischer Fähigkeiten bedarf. Die Figurenvielfalt des Wunderlandes verlangt schließlich eine Meisterin.

Wir sprechen über die neue Inszenierung des Schlossplatztheaters. ALICE – Ein Punkquartett. Alice auf der Suche nach Identität, zwischen den Spiegeln der wunderländisch socialmedialen Selbstinszenierung. Die Farbe Weiß biete sich dafür an, sagt Salomé. Die Neutralität eigne sich hervorragend für allerlei Projektionen. In ihnen offenbart sich das Wunderland in eigentümlichen Details, die die Figuren zeigen – ineinander, übereinander und miteinander. Während der Bühnenproben und im Zusammenspiel mit den Schauspielern und der Regie wird sich zeigen, inwieweit ihr Konzept konkret umgesetzt werden kann. Inspiration fand sie u. a. in den Unterkleidern und Trachtenblusen ihrer Großmutter aus dem Frankenland. Sie zeigt uns einige davon und wir staunen: In den aufwendig durchbrochenen Puffärmeln glauben wir bald die Schwingen eines Greifen zu erkennen.

 

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Wir plaudern noch ein wenig, natürlich auch über Corona. Nur kurz, denn das Thema erschöpft uns alle. Ihre Erfahrungen während der Lockdowns hätten zwar keinen direkten Einfluss auf Ihre Arbeit an ALICE gehabt. Aber ihre Wahrnehmung hat sich durchaus verändert: Die gegenseitige Kontrolle, die Nachbarn, die plötzlich zu Denunzianten werden, die verhindern, dass die Familie zum Luftschnappen auf den Spielplatz geht oder die eigene Schwester im Umland besucht. Das sei ein Aspekt, den sie sich vor drei Jahren so nicht hätte vorstellen können. Der Figur des Kontrolleurs in der Inszenierung widmet Salomé daher eine besondere Aufmerksamkeit.

Meine Teetasse ist leer. Die Stoffkatze hat sich inzwischen abgewandt. Wann genau, habe ich nicht gesehen. Die Fische blinkern zum Abschied. Wir erheben uns, werden wieder groß und ich kehre zurück wie aus einer anderen Welt – nun mit einiger Neugier auf die Premiere im Dezember.


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