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Wie Alexander Osang Zeit tot schlägt, was eine interkontinentale Zeitglocke ist und warum es zeitgemäß ist, nach Tunesien in den Urlaub zu fliegen.

Herr Osang – Sie haben eine sehr ambivalente Tätigkeit: Sie sind Reporter (also auf der Straße unterwegs) und gleichzeitig Buchautor (der einsame Schreiber). In welchem der beiden Berufe steckt mehr von Ihnen?
Der Reporter ist meinem Temperament näher, ich bin ziemlich ruhelos, habe Angst vor Stillstand und fühle mich am wohlsten, wenn ich mich bewege. Aber in den Romanen steckt wahrscheinlich mehr von mir als in meinen Reportagen. Sie sind ja alle vier sehr autobiografisch.

Wie viel Zeit verbringen Sie täglich an ihrem Schreibtisch?
Dreiviertel des Jahres bin ich Reporter für den SPIEGEL. Das steht jedenfalls in meinem Vertrag. In der Zeit bin ich vor allem unterwegs. Ich recherchiere auch lieber, das Schreiben ist eher Quälerei. Schreiben bedeutet ja, die Wirklichkeit einzugrenzen, zu beschneiden. Ich recherchiere also so lang wie möglich und fange immer zu spät an, zu schreiben. Ich bin ein Deadline-Schreiber, was meine Redakteure und auch die Lektoren in den Verlagen ziemlich nervt, glaube ich. Es ist, fürchte ich, ein Mix aus Faulheit und Liebe zur Recherche. Je länger und tiefer ich etwas ergründe, desto mehr begreife ich, wie vermessen mein Beruf ist, und diese Vermessenheit versuche ich mit ausufernder Recherche zu bekämpfen. Das hat unschöne Seiten. Ich musste viele Nächte durchschreiben, weil mir Zeit fehlt und manchmal fallen mir die besten Sachen erst ein, wenn der Text schon gedruckt wird. Andererseits gehen mir rohe, noch nicht ganz ausgefeilte Texte oft auch näher als die ausgeschlafenen, geschliffenen, bei denen man merkt, wie der Autor Stunden lang über den ersten Satz nachgedacht hat. Man merkt ihnen den Schweiß und manchmal auch die Verzweiflung an. Es ist also schwer zu sagen, wie viel Zeit ich am Schreibtisch sitze, zumal ich auch im Bett schreibe, im Zug oder in der Küche.

Wann sind sie am ergiebigsten?
In New York habe ich viel nachts gearbeitet. Das lag auch an der Zeitumstellung. Ich saß dann in meinem Zimmer im 34. Stock, nachts um drei Uhr und wusste, dass die Kollegen in Hamburg gleich ins Büro kommen, ihre Computer anschalten und nach der Geschichte suchen, die ich ihnen für den Morgen versprochen hatte. Hundertprozentig versprochen. Ich wusste aber auch, dass sie sich noch nicht trauen, anzurufen, weil es bei mir in Amerika ja noch mitten in der Nacht war. In so einer kleinen, interkontinentalen Zeitglocke kann man sich ganz schön einrichten. Grundsätzlich schreibe ich gern früh, auch hier in Berlin. Mein Kopf ist dann noch ganz leer, ich schaue in die dunklen Fenster auf der anderen Straßenseite und habe das Gefühl, einen kleinen Vorsprung zu haben. Andererseits schlafe ich auch sehr gern lange. Schwierig.

Sie arbeiten ein Dreivierteljahr für den SPIEGEL. Wie füllen Sie das Vierteljahr zwischen Januar und März, in dem Sie frei haben?
Ich schreibe an Büchern und schlage Zeit tot. Man muss sich als rasender Reporter an den Gedanken gewöhnen, dass man drei Monate Zeit hat. Ich lese, laufe durch den Park, liege allerdings auch viel auf dem Sofa rum und gucke solange Fernsehen, bis ich mich schlecht fühle. Kochshows zum Beispiel. Ich kenne echt alle. Und weil meine Schreibpause immer im Winter ist, kenne ich mich auch wirklich gut mit Biathlon aus. Man kann unwahrscheinlich viel Biathlon gucken, wenn man tagsüber nix vor hat. Ich habe auch schon gefastet, um in den Schreibzustand zu kommen oder bin weggefahren, auf einsame Inseln im Atlantik, zu schwedischen Leuchttürmen, auf Brandenburger Bauernhöfe oder in Thüringer Berghütten. Hilft alles nicht viel.

Hilft Briefe schreiben?
Ab und zu schreibe ich noch Briefe, aber meistens an irgendwelche Behörden. Ich bin ein Postkarten Schreiber. Ich reise ja als Reporter viel in der ganzen Welt umher und von jedem Ort, an dem ich bin, schreibe ich fünf Postkarten, immer an dieselben Leute.

Ihre Bücher entstehen also immer in den Pausen“ vom Journalismus. Comeback ist ihr vierter Roman und Ihr zweites Buch (1. Buch: Tamara Danz, 1999), in dem es um Musik als Metapher geht. Warum?
Musik spielt in allen meinen Romanen, in meinen Short Stories und auch in vielen Reportagen einen große Rolle. „Comeback“ begleitet eine fiktive Berliner Band namens „Die Steine“ über einen Zeitraum von etwa dreißig Jahren. Die Musiker haben Hoffnungen, machen Kompromisse und müssen irgendwann mit einem Bedeutungsverlust leben. Das hat mich bei den Ostbands immer fasziniert: diese plötzliche Identitätskrise mit der Wende, als die Mauer fiel, gegen die sie immer angesungen hatten. Aber es geht in „Comeback“ natürlich vor allem um Fragen, die mich beschäftigen. Wie altert man in Würde? Wie bleibt man sich treu und entwickelt sich gleichzeitig weiter? Erinnert man sich noch an die Dinge, die man sich irgendwann mal vorgenommen hat? Universelle Fragen.

Gehört Musik für Sie zum Tag?
Ja, auf jeden Fall. Ich höre Radio, ich habe einen iTunes-Account. Ich höre auch viel Schallplatten. Ich sammele sie nach wie vor.

Was gefällt Ihnen?
Alles mögliche. Bon Iver, Foo Fighters, Eels, Smashing Pumpkins, Black Keys, Calexico, Springsteen, je nach Stimmung auch Metallica, AC DC, George Moustaki, Simon & Garfunkel, The Clash o der E.L.O. Seit New York höre ich auch viel Country, Johnny Cash, Lyle Lovett, Alison Krauss, Hazeldine, Jayhawks, viel Singer- Songwriter wie Elliot Smith, Michelle Shocked, Ryan Adams, Ray LaMontagne und immer wieder Bob Dylan. Und die Beatles.

Ihr neues Buch hat auch viel mit der Band Pankow zu tun…
Pankow war der Auslöser. Ich liebe die Band und bin mit André Herzberg befreundet, der da singt. André kam vor ein paar Jahren mit einem neuen Song an. Der hieß „Ein neuer Tag in Pankow“ und klang nach Aufbruch, Comeback. Ich war bei den Proben dabei und habe die Band auf ihrer Tour begleitet, um das Comeback zu beschreiben, das ich erwartete. Ich dachte an einen Spiegel-Artikel oder ein Sachbuch. Es gab dann allerdings kein Comeback und ich dachte, ich begrabe die Jungs unter meinen hohen Erwartungen. So entstand die Idee für den Roman. Der hat mehr mit mir als mit der Band zu tun.

Wann ist ein Thema für Sie eine große Herausforderung?
Wenn es mich interessiert. Meist fängt es damit an, dass mich irgendjemand oder irgendetwas überrascht. Für die Menschen, die ich beschreibe, geht es, im übertragenden Sinne, ums überleben. Im politischen, im sportlichen, im beruflichen Umfeld. Wie verhalten sie sich in einer bestimmten Situation? Und warum? Oft suche ich bei ihnen nach Antworten auf Fragen, die ich mir selbst stelle. Gerade begleite ich Sigmar Gabriel, um herauszufinden, wie man gleichzeitig mit Angela Merkel und gegen sie arbeiten kann. Zuletzt habe ich einen Text über das einzige nordkoreanische IOC-Mitglied geschrieben. Das ist ein Mann, der ständig zwischen der seltsamen Welt seines Landes und der bizarren Gesellschaft von Ölscheichs, Prinzen und ehemaligen rumänischen Gewichthebern im IOC hin– und her wechselt.

Wie sind Sie auf ihn gestoßen?
Ich habe ihn zufällig auf einem Kongress in New York getroffen, als ich über den IOC-Präsidenten Thomas Bach geschrieben habe. Normalerweise rennen Nordkoreaner ja immer vor einem weg, aber der kam auf mich zu, redete und redete und gab mir dann seine Visitenkarte mit einer Adresse in Wien. Ein nordkoreanischer Funktionär mit einer österreichischen Adresse. Sehr seltsam. Ich habe die Karte zwei Jahre aufgehoben, und dann habe ich die Nummer angerufen. Mister Chang war gleich am Telefon. Drei Tage später bin ich nach Wien geflogen, dann habe ich ihn zu Olympischen Kongressen in Malaysia und Lausanne begleitet und auch seine Familie kennengelernt. Ein Mann mit mindestens zwei Leben. Faszinierend.

Sie können in ihrem Beruf viel reisen, eine Ausnahme heute. Für den Spiegel waren sie lange in New York. Wie nah steht Ihnen Big Apple?
Für die Kinder ist es ein Stück Heimat, sie und auch wir haben noch viele Freunde dort. Wir waren ja acht Jahre da (1999 bis 2007). 2013 sind wir noch einmal für 14 Monate nach New York gezogen.

Willkommen und Abschied – mit den Gefühlen dahinter müssen Sie öfter umgehen als die meisten. Wie war das beim Comeback in New York?
Es war eine seltsame Rückkehr, schön, aber auch heilsam, vor allem für mich. Ich bin die Sehnsucht nach New York nie richtig los geworden. Inzwischen geht es. Ich reise ja auch so unglaublich viel und wir sind als Familie mindestens einmal im Jahr in New York. In diesem Jahr verbringen wir Weihnachten da.

Wie haben Sie sich gefühlt, als sie Freitagnacht von Paris hörten?
Ich war den ganzen Tag mit Sigmar Gabriel im Ruhrgebiet unterwegs. Spätabends bin ich dann mit seinem Sprecher zurück nach Berlin gefahren. Wir haben im ICE gesessen, als die Nachrichten kamen. Der Zug stand irgendwo vor Hannover für zwei Stunden still, weil sich jemand auf die Schienen geworfen hatte. Es war alles sehr betrüblich. Ich war dann nachts um eins zuhause und habe stundenlang weiter fern gesehen. Das war alles seltsam vertraut. Die Reflexe der Menschen auf den Straßen, die der Politiker, die ständige Angst, die Kontrollen, die Rufe nach Krieg, das kenne ich irgendwie. Man denkt, man muss irgendetwas machen, irgendwie reagieren. Ich denke das heute nicht, vielleicht, weil ich nicht in der Stadt war, wo es passierte. Vielleicht aber auch, weil ich erlebt habe, was der 11. September an sinnlosen, furchtbaren Dingen ausgelöst hat, sowohl in den USA, aber auch im Irak und in Afghanistan. Es ist der traurigste Tag meines Lebens. In vielerlei Hinsicht.

Glauben Sie, dass sich die Menschen in Mitteleuropa an ein Leben mit ständiger Terrorgefahr gewöhnen?
Ich weiß nicht. Ich hab gesehen, wie schnell New York wieder zum Alltag übergegangen ist. Menschen gewöhnen sich an alles. Wenn man drei oder vier Tage in Kabul ist, lässt die Angst auch da ein bisschen nach. Was ich nicht mehr so richtig hören kann, sind die Leute, die jetzt Angst um ihre Werte haben. Die jetzt Bundesliga-Fussball spielen oder sogar Bundesliga- Fußball gucken, um ein Zeichen gegen den Terrorismus zu setzen. Ich war im August für eine Reportage in dem tunesischen Hotel, in dem ein Attentäter Anfang des Sommers 37 Touristen erschossen hatte. Die Besitzerin wollte das Hotel offen halten, weil sie sich einfach nicht ergeben wollte. Rundherum waren schon alle Hotels zu und auch in dem Fünf Sterne Luxushaus lagen in den 800 Betten nur noch etwa 40 Touristen. Die großen Reiseveranstalter der westlichen Welt hatten sich wegen des einen Anschlages aus Tunesien zurückgezogen, England, Holland und Belgien haben Reisewarnungen ausgesprochen, hunderte Flüge wurden gestrichen, die Strände und die Märkte sind leer. Inzwischen hat auch das Hotel, das ich besuchte, geschlossen. Tunesien lebt vom Tourismus, die arbeitslosen Kellner, Köche und Animateure setzen sich in die Flüchtlingsboote oder gehen zum IS nach Syrien. Wer wirklich ein Zeichen für unsere Werte setzen will, kann ja mal nach Tunesien in den Urlaub fahren.

Mit den Folgen der gesellschaftlichen Umbrüche von heute sind morgen vor allem unsere Kinder konfrontiert. Aus den Medien erfahren Sie verschiedene Wahrheiten. Die Schule bereitet die Kinder auf das Leben vor. Sie sind als Eltern beide Journalisten. Wie können Sie Ihre Kinder in Sachen Recherche anregen?
Wir versuchen, ihnen klarzumachen, dass es sinnvoll ist, auch in der Realität zu recherchieren, Leute, Betroffene, konkret auf der Straße zu befragen, Interviews zu führen.

Wie viel Zeit verbringen Ihre Kinder täglich am Schreibtisch?
Meine beiden Söhne wohnen nicht mehr zuhause, bei denen bin ich mir nicht so sicher, ob sie je am Schreibtisch sitzen. Meine Tochter ist 17 und sitzt viel am Schreibtisch. Sie ist sehr systematisch, sehr fleißig und auch weitaus schlauer als ich. Auf jeden Fall, was Naturwissenschaften angeht.

Welche klassischen Recherche-Quellen benutzen Ihre Kinder für ihr Wissen und ihre Meinungsbildung?
Meine Kinder lesen alle sehr viel. Meine Tochter, bei der ich das zur Zeit am besten einschätzen kann, recherchiert natürlich im Internet, sie hört auch Pod-Casts und intelligente Radiostationen. Lexika benutzt sie nicht mehr, ich allerdings auch nicht. Die stehen bei uns so weit oben im Bücherregal, da kommt man gar nicht mehr ran. Sie benutzt aber auch noch Papier, was ich, als jemand, der im Papiergeschäft arbeitet, natürlich sehr beruhigend finde. Sie liest zwei, drei Romane im Monat und wünscht sich zu Weihnachten ein Abo von ZEIT-Wissen. Unfassbar oder?

Kennen Sie eigentlich das Maulbeerblatt, für das ich Sie hier befrage?
Nein. Ich kannte eine Gaststätte auf der Bölschestraße, die hieß – glaube ich – „Maulbeerbaum“. Dort war ich öfter mit der Mutter meines großen Sohnes, die aus Friedrichshagen kommt.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Foto: Andreas Labes