kaiThe return of the Frühlingshasser

Blablabla, erwachen aus dem Winterschlaf, bla, Knospen, Blüten, trallala. Juhu. Und alles ohne Unterhemd, barfuß. Toll. Ich freu mich auch schon, wenn es erst einmal wieder richtig warm geworden und 24/7 volle Pulle Körperflächenpräsenz angesagt ist. Wenn monatelang imprägnierte und verhüllte Haut gierig unter Netzhemden und bauchfreien Tops hervorblitzt,
um UV-technisch optimal pigmentiert zu werden. Sollen die ja auch alle machen – nur nicht auf Kosten meiner Ruhe, bitte sehr! Aber als Südberliner hat’s sich – hoppihop – mit Beschaulichkeit und Abgeschiedenheit, wenn Mutta Sonne ihrer Bestimmung nachkommt. Dann ist Ausnahmezustand angesagt am Rand!
Die Radwege nach Müggelheim werden – wie jedes Jahr – verstopft sein mit rollerbladenden Freizeitsportlern
in viel zu engen Adidas-Leggins und „Rübezahl“ mutiert zur Tankstelle für Wochenend-Biker und anabolbehandelte Testosteron-Maschinen im Sonnenfaktor?-was-is-das-Look! Feinrippoberhemden versus Ray Ben Sonnenbrille. All die
Cindys, Nancys und Mandys im Human-Toast-Style zeigen ihre Delfin-Tattoos und laufen ihren allsommerlichen Arschgeweih-Contest im Po-frisst-Shorts-Outfit und auf Bambus-Stillettos, als gelte es, eine Jury aus schwulen Modelscouts und Castingdirektoren zu beeindrucken. – Fremdschämen inklusive. Volksfestartige Zusammenrottungen mit
chronischem Ballermann-Alarm – jede laue Frühlings- und Sommernacht, vom Spreetunnel bis zum kleinen Müggelsee.
Bald wird wieder alles, was nur ansatzweise als Liegewiese an vorhandenem Fließ- oder Standgewässer genutzt werden kann, voll sonnenhungriger Büronulpen oder pöbelnder Kindergangs sein, die einst unberührte Hunderundenstrecken zu einem Sardinenbüchsen-look-a-like-Contest mutieren lassen.
Gestern heulten noch einst polnische Wölfe ihren einsamen Soundtrack zum aufgehenden Mond in der Einöde des Müggelwaldes, heute verschachteln sich hier menschliche Körper umeinander – wie in einem gigantischen Ravensburger Horror-Puzzle. Ich möchte jetzt schon kotzen, um ein wenig vorzuarbeiten! Jaja, natürlich, sollen sie alle uns besuchen und schön finden. Wir sind nun mal Berlins Lunge, der grüne Punkt im Metropolengrau. Der schmale Grat zwischen Stadt und Land. Die Süd-Ost-Oase des deutschen Regierungssitzes. Die letzte Bastion vor Brandenburger Dunkelland … Kein Elitär-Wannsee oder Yuppie-Steglitz oder Botox-Wilmersdorf. Nein, der Rand! – Wir haben eine Pflicht und müssen teilen, schon klar, ist ja richtig. Na dann kommt doch alle her und scheißt mir den Wald zu, lasst die (zerkloppten) Wagenladungen
Leergut am Müggelsee liegen und gröhlt die ganze Nacht Wolle-Petry-Songs! Macht doch aus meiner geliebten Einöde einen Freiluft-Körperwelten-Showroom! – Nichts gegen Brüste, aber doch nicht so laut und so viel! Na los, ich verzieh mich derweil mit meinen brüderlichen Gedanken vom „Teilen-Müssen“ bis September nach Hellersdorf, um da meine Ruhe
zu haben! Hab ich’s schon gesagt? Ich hasse den Frühling!

 


Lypse

Ein Beitrag von Lypse

Maulbeerurgestein, schrieb als Lypse seit 2007 im Maulbeerblatt; heute freier Autor und Kolumnist, Hörbuchautor und Hörbuchredakteur Zitat: „Die Welt ist eine Schreibe.“