Jetzt aber wirklichwirklich!
Liebe Mitmenschen, 08-Überleber und Temporär-Checker!
Hallo hier und jetzt zur ersten Kolumne im neuen Jahr. Lasst uns „Prost!“ rufen und allen schlechten Prognosen zum Trotz die Gläser heben auf …
Aber von vorn. Wann bietet sich „von vorn“ besser an als am Beginn eines neuen Jahres? Also:
Lasst uns vor allem anderen erstmal viel vornehmen. Dinge, die möglichst schwer, im Idealfall überhaupt nicht zu schaffen sind; Dinge wie „Die Umweltverschmutzung stoppen!“ oder „Weltfrieden!“ oder „Gesund ernähren und nix dafür ausgeben und weiterhin bei Rewe kaufen!“ – Sowas kommt immer gut. Fangt gar nicht erst an mit „Ich will nicht mehr rauchen!“ oder „Weniger Sex mit der Sekretärin!“ oder „Kein Bier vor vier!“ Lächerlich. Das wird nebenbei abgefrühstückt, während wir die weltweite Finanzkrise angehen und Britney Spears aus der Scheiße helfen.
Das ist schön. Das ist edel. Das ist gut. – Scheitern als Chance. War das nicht die neue Berlin-Parole?
Sorry, ich zappe! – Auch das bringt dieser unfassbare Neujahrs-Kick mit sich!
Plant auf jeden Fall alles Mögliche – ganz, ganz wichtig! Kommt, lasst uns planen, mit dem Roller rückwärts und nur mit einem Lutscher als Verpflegung, durch die Wüste Gobi zu fahren, lasst uns planen, den 10000-seitigen Roman zu schreiben, für den wir schon seit Jahren diese geile Idee haben: Der Protagonist will diesen 10000-seitigen Roman schreiben … – Ach, das wird herrlich.
Wir werden Gipfel erstürmen, die nur auf uns gewartet haben, unsere Grenzen spüren, und das wird uns zu besseren Menschen machen. Wir werden ganz anders als 2008 sein, wie Phönix aus der Asche … wie der Falter aus der Raupe … wir werden sein wie der Jackson, Michael nach seinen unzähligen (nie wirklich nachzuweisenden, die Anwälte Jacksons) Operationen – ein anderer Mensch in einer anderen Haut – strahlend, glänzend, scheinend und vor allem BESSER! Besser als vorher! So gut wie noch nie!
Das hat 2009 verdient. Dieses arme, gebeutelte Jahr, das schon, bevor es begonnen hat, niedergemacht und als schlimmstes seit Jahrzehnten bezeichnet wird. Und das nur wegen der Dinge, die mit Sicherheit vielleicht passieren. Da ist doch gar kein Platz mehr für böse Überraschungen! – Und das ist unsere Chance, wir könnten, wir müssten, äh, wir sollten …
Puuuuh … Gerade merke ich, dass mir ’n bisschen die Puste ausgeht.
Also mir steckt noch dieses fürchterbare 2008 in den Knochen. Die kleine Sau die. – Und eigentlich hab ich echt noch ’n bisschen zu tun. Der Müll muss raus, das Leergut schimmelt, und da sind schon ’ne Weile so Spinnweben in den Zimmerecken …
Naja, ich sag mal so: 2010 ist eigentlich auch viel cooler für ’n Neuanfang. Schon so als Zahl auch …

 


Lypse

Ein Beitrag von Lypse

Maulbeerurgestein, schrieb als Lypse seit 2007 im Maulbeerblatt; heute freier Autor und Kolumnist, Hörbuchautor und Hörbuchredakteur Zitat: „Die Welt ist eine Schreibe.“