Endstation ApokalypseAn Namenswechsel hat sich der Berliner gewöhnt. In der Wendezeit trennte sich der Berliner Stadtplan einigerorts von sozialistischen Altlasten und so weiter. Und doch setzt ein Ort in Berlin in diesem Spielchen Maßstäbe: der Ostbahnhof. Einst Frankfurter Bahnhof, dann Schlesischer Bahnhof, dann Ostbahnhof, dann alter Ostbahnhof, endlich, zur 750 Jahrfeier – Hurra – Hauptbahnhof. Dann kam Westgeld und Frau Merkel und der Neue Kanzler- Hauptbahnhof.
Ich weiß, der ist nicht auf ihrem Mist gewachsen, aber sie hat ihn gut im Blick, schön vom Schreibtisch aus. Vielleicht inspiriert er Frau Kanzler beim Regieren, vielleicht verbittert er sie, weil sie so denkt, ach, wie gern wär ich jetzt doch bloß am Ostbahnhof, mein schöner alter Hauptbahnhof. Und jetzt heißt der Hauptbahnhof Senior eben wieder Ostbahnhof. Und genau so spannend wie diese Geschichte ist eben auch das Leben des Taxi-Driver am Ostbahnhof. Rampe rauf, 900 Minuten Wartezeit, vorne Rampe runter und: los geht’s auf große Fahrt zum Wrangelkiez. 5 Euro glatt, Warten sie, junger Mann, ich hab´s passend. Ansonsten ist dort, wie ich schon sagte, von Sonntag bis Donnerstag fleißig tote Hose, ein Treffpunkt für Schnarchnasen, Ex- Stasis und Moslems im Ramadan, Du, bisschen Arbeit, das sieht Allah nicht. Gelegentlich bin ich in der Nähe und halte dort mal an, um den Stundenlohn nicht exorbitant in die Höhe zu treiben. Die Szenerie ist erschreckend.
Haben wir am Hauptbahnhof Junior unseren Clochard Adam, so wimmelt es hier von Pennern. Es ist spannend zu sehen, wie lange der Wachschutz braucht, um den Jungens wider ihren Willen zu ein wenig Frischluft zu verhelfen, wenn sie sich gerade zu einem kleinen Schlummertrunk in der Empfangshalle eingerichtet haben. Das gibt ordentlich Gezeter, denn bei minus 15 Celsius schläft es sich nicht gut auf dem Vorplatz. Anderseits sind die auch immer so breit, das sie keine andere Anstalt mehr aufnimmt. Bei mir auf der Couch ist auch gerade kein Platz, bei Dir vielleicht? Eine Schwangere Prostituierte offeriert mir einen Blow-Job, wenn ich sie nach Frankfurt-Oder führe. Ich lehne dankend ab und schenke ihr den Rest von meinem Tankstellen-Kaffee. Den genießt sie gierig und laut schlürfend zu einer am Boden gefundenen Kippe. Janz feine Herrschaften.
Am Wochenende ist Partystimmung am Osti. S-Bahnen im Minutentakt, eintreffende Vorort-züge bringen den Bauernsohn in die große Stadt. Ströme von Feierwütigen ergießen sich von hier aus in die umliegenden Lokalitäten. Berghain, Jam und Tresor, Maria und Kater Holzig, um nur einige zu nennen. Laut lärmen betrunkene Kids in allen Sprachen der Welt, Flaschen fliegen, Mädchen heulen, Jungens prügeln sich. Mittendrin Oma und Opa Schulze, waren auf Butterfahrt im Reisebus, beladen mit allem, was das Herz nicht braucht, standen 7 Stunden zwischen München und Nürnberg, gönnen sich eine Taxe. 
Opa verfehlt die Bordsteinkante und schnüffelt liegend am Auspuff. Ich verfrachte ihn und seinen Koffer ins Taxi. Der Koffer ist schwerer als Opi . Zum Helenenhof.
Ich frage mich, wie die den Koffer die 5 Treppen hoch tragen wollen. Kein Fahrstuhl. Ich bin zu gut für diese Welt und muss das Ding auf jedem Treppenabsatz absetzen. Die waren bestimmt in Vegas, das Ersparte verzocken und haben im Anschluss Fort Knox ausgeräumt. Für mich gibt`s zum Fahrpreis noch nen halben Euro Tipp. Verbrechen lohnt sich wieder.
Morgens um 4.30 bin wieder da. Das Treiben am Osti erreicht seinen Höhepunkt. Schlägerei, 6 gegen 1. Sieht auf den ersten Blick nicht unbedingt fair aus. Mir reicht´s, ich steige aus und will schlichten. Der Delinquent liegt am Boden, die anderen lassen von ihm ab, er steht auf und geht plötzlich auf mich los. Ich gebe einem willigeren Nahkämpfer den Vorzug. Ich setze ich mich wieder in meinen Vanillepanzer und schließe die Fenster. Die dämmen ganz gut gegen die apokalyptische Geräuschkulisse. Eine verängstigte junge Frau in feinem Zwirn möchte nach Woltersdorf, kennen sie das? Da bin ick doch jeboren und ab. Hat die ein Glück, dass sie nicht bei Captain Spaulding eingecheckt hat, bei dem wär Taxifahren keine Option. 
Neulich hatte ich mal wieder ne Fuhre vom Ostbahnhof. 5 junge Männer, sechse hätten Platz in meinem Schweineopel. Ob ich keine Angst hätte, sie könnten mich überfallen? Jungs, sage ich entspannt und drehe mich bei Tempo 80 zu Ihnen um: Bei allem Respekt, aber Ihr seid doch nur zu fünft…


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)