muggelheimMüggelheim

Reisenden auf dem Weg nach Müggelheim wird ein kleiner Abstecher nach dem beschaulichen Berlin empfohlen. Der Gesamteindruck dieser provinziellen Bundeshauptstadt sei pittoresk und wäre ein rechter Geheimtipp, so könnte man das hochmütige gelbe Richtungsschild deuten, das in der gleichen Optik gestaltet wurde wie seine großen Verwandten, die überall auf unseren Bundesstraßen in Gebrauch sind. Das ist so maßlos nicht übertrieben, wenn man sich zum Beispiel den Müggelturm nimmt. Neben ihm mimen langer Lulatsch und Fernsehturm nur die kleinen Brüder. Was Müggelheim nicht alles zu bieten hat: Da wären außerordentlich erwähnenswert die zahlreichen Ausflugsgaststätten wie Rübezahl, L&B und so weiter, die ihre Kundschaft mit großzügigen Öffnungszeiten herzlich einladen, einen sparsam gebrühten Bohnenkaffee zu überzogenem und doch gerechtfertigtem Preis zu bestellen. Diesen dann noch zu erhalten und lauwarm zu verzehren – Kaffee soll der örtlichen Meinung zu Folge auch erfrischen und nicht nur beleben – fehlt dank dem gut geschulten Personal oft die Zeit in Form von Geduld. Der Dorfkern Müggelheim’s ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, die Pferde der Postkutsche brauchen einmal am Tag eine einstündige Trink- und Verschnaufpause auf ihrer drei Wochen währenden Fahrt. Die Gemeinde verfügt über eine großartige Infrastruktur mit zum Teil schon befestigten Wegen, einer Haupt- und einer Nebenstraße.
Der Dorfanger mit seiner exotischen Fauna ist fast schon eine Reise Wert. Südlich des Müggelseedamms befinden sich in einer starken Verästelung von Nebenstraßen malerische Eigenheime mit großer Selbstbau-Beteiligung, stumme Zeugen für die Bevölkerungsstruktur, die sich oft aus ambitionierten und pensionierten Handwerkern zusammensetzt. Auch aus der sich selbst verleugnenden intellektuellen Schicht sollen schon Leute hier hergezogen sein, erkennbar eine Minderheit – aber was dem SED-Bonzen sein Wandlitz war, das ist dem Bauluden sein Müggelheim.

Hier findet man sie, die stillen Revoluzzer, die trotz des Parteibuchs den Grundfesten des Arbeiter- und Bauern-Staates Stein für Stein das Fundament abtrugen; so manches Haus hätte auch gern ein weiterer Q3A Block werden können. Dank dem von ihnen gewählten dicken Helmut, einem entfernten Verwandten aus der Oberpfalz, erstrahlt hier alles im frischen Glanze der Farben von Obi und Co. Der Anteil von Migranten an der Bevölkerung ist hier schwindend gering, was aber nicht an einer braunen Gesinnung der Bewohner, sondern einfach am an Tristesse kaum zu überbietenden Gesamtcharakter von Müggelheim liegt. Hier gibt es kein Einkaufscenter, der Bewohner trägt seine Märchensteuer stets ins benachbarte Gosen. Gäbe es einen Volksentscheid, der M. wieder aus den Klauen des Berliner Bären entlässt, mein Ja wäre ein sichere Bank. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich schon sehr oft vergessen, dass es Müggelheim gibt, sogar an solchen Tagen, an denen man denkt, dass das Gute doch so nahe läge und man es zu finden nicht immer in die Ferne schweifen bräuchte.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)