Die Landsberger Allee

Schwer verhängt ein grauer Wolkenteppich den Himmel über Berlin, Blitze zucken, Donner grollen. Trübsalend bläst eisiger Wind und peitscht einen kalten Regen über die ausgetretenen Gehwegplatten. Verhalten ziehen Fahrzeuge in monotonem Tempo ihre Bahnen stadteinwärts, stadtauswärts. Niemand außer mir unterwegs zu dieser Zeit.

Herbert, der Orkan, hatte leichtes Spiel mit meinem Schirm und so trabe ich schutzlos und vollkommen durchnässt bergab, die Landsberger Allee, vom Leninplatz nach Osten. Vereinzelt blinzelt ein Lichtschimmer durch die mit schweren Gardinen verhangenen Fenster der Platte und sagt, hey mein Freund, so ist das Leben. Der Rest? In Frieden schlafen sie, die braven Bürger von Mitte, Lichtenberg, Friedrichshain und Marzahn-Hellersdorf, in Friede und innerer Glückseligkeit im gemeinsamen Leid. Wer noch nicht schläft, sitzt sinnierend rauchend am Fenster und hoff t, der Regen, der Wind, sie mögen bis zum Morgen vergehen, denn morgen ist Wochenende.

Platz der Vereinten Nationen. Ein großer Name für einen so unbedeutenden Platz. Niemand nimmt ihn je zur Kenntnis. Wo wohnen sie? Platz der Vereinten Nationen? Ist doch im Tiergarten, Regierungsviertel, schwangere Auster. Nein? Friedrichshain, Plattenbau, 18. Stock, ja is schon mal einer gesprungen… Früher war alles besser? Früher war alles ganz anders!

Einst wachte der große Revolutionär über seine Jünger und wies den Weg in eine verheißungsvollere Zukunft, immerhin 19 m hoch, und doch kostete es ihn nach der bernahme durch den Klassenfeind zum zweiten Mal den Kopf. Ein Natursteinsprudelfünfkontinentalsymbolbrunnen ziert statt des stattlich edlen, gemetzelten Kommunisten den bedeutungsschwangeren Platz der 3. Internationale. Nur: Inter ist bei uns nicht so populär, besser Multi-Kulti oder vereinte Nationen. Wort-Design par exellnce.

Vorbei an Bumerang und S-Block, bemerkenswert anzusehen aus der Vogelperspektive, was Städteplaner alles so beeindruckt und inspiriert, verdammter Größenbauwahn. Weiter trabe ich, erahne den Volkspark zu meiner Linken, am Pavillon brennt noch Licht, gefeiert wird unweit der öden Verdammnis, vorbei ziehen träge Krankenhaus, Kino, Shoppingcenter, Hotels und andere Investruinen, die nassen Schuhe klatschen ein schweres Lied auf dem Gehweg.
Irgendwo am S-Bahnhof lässt sich das Velodrom vermuten und noch kein Ende in Sicht. Noch mindestens 7 Kilometer liegen vor mir, so ungefähr stelle ich mir Moskau vor.
Mein Freund, willst Du Berlin verlassen, dann wähle die Landsberger Allee, der Abschied fällt dann gar nicht schwer.

Und weiter geht es: Platte an Platte, Wasserwerk, Siegfriedstraße, Heizkraftwerk, Ikea,Märkische Allee, ich wollte mal einen besuchen, der wohnte Hausnummer 278, vergebens gesucht, aber wenigstens die Hauptschlagader wiedergefunden, weiter diese verdammte Allee runter.
Puh und immer dieser Regen, meine Hände sehen schon aus wie die von Patrick Duff y. Und jetzt: Pyramide=Bauakademie> Nutzen f(x) lim 0, Sinn und Zweck Investruine.
Endlich am Pyramidenring mal etwas Erfreuliches, das ORWOHaus in der Frank Zappa Str. Weiter geht es, bald ist Schluss, nur noch 17 h Fußweg vor mir.


Johannes Großer

Ein Beitrag von Johannes Großer

Die Faust des Maulbeerblattes, Verlagskaufmann, Webentwickler und Fotograf aus Passion. Er ist das Allroundgenie beim Maulbeerblatt und zeitgleich THW-Helfer und Feuerwehrmann. Zitat: „Ich mach das alles sogar gerne!“