Berliner Atelier-Not

Über Probleme und Lösungsversuche bezahlbare Arbeitsräume zu schaffen
Seit Jahrzehnten wächst die Zahl der in Berlin lebenden bildenden Künstler*innen. Ein Pluspunkt für die Kulturmetropole. Schließlich werden dadurch nicht nur Arbeitsplätze in der Kreativwirtschaft geschaffen. Eine blühende Kunstszene zieht auch Touristen in die Stadt und steigert die Lebensqualität. Leider sinkt die Zahl von subventionierten Atelierräumen genauso stetig, wie die Zahl der Kunstschaffenden steigt. Fast scheint der Kultursenat gegen Windmühlen anzukämpfen, denn die Probleme sind vielfältig.
https://youtu.be/siq2_xeWqiQ  

„Worte sind nur Luft, aber Kunst ist eine Tatsache.“ (Picasso)

Damit diese Tatsachen geschaffen werden können, benötigen Künstler und Künstlerinnen Raum. Nicht nur geistigen Freiraum, sondern vor allem auch einen Ort, sie wirken können: ein Atelier. Arbeitsräume zu finden, die zudem genug Spielraum geben, sich zu entfalten, wird in Berlin immer schwieriger.

Die weltweit anerkannte Kulturmetropole, die stolz auf ihre internationale Kunstszene ist, macht es den Kunst- und Kulturschaffenden nicht gerade leicht, sich hier ein- und auszuleben. Die Wohnraumproblematik ist bekannt. Horrende Mietpreise betreffen aber nicht nur den Wohnungsmarkt, sondern inzwischen auch jede andere Form von Räumen, beispielsweise Künstler*innen-Ateliers.


1300 geförderte Ateliers für 8000 Suchende

Obwohl die Stadt jährlich rund 600 Millionen Euro in die Kulturförderung investiert, wovon ein Teil auch in die Atelierförderung fließt, deckt das Angebot den Bedarf kaum. Auf etwa 1300 subventionierte Arbeitsräume für Berlin lebende bildende Künstler*innen, kommen etwa 8000 Suchende. Das Atelierbüro im Kulturwerk des bbk, des Berufsverbandes Bildende Künstler, ist vermittelndes Bindeglied, über das auch der Bewerbungsprozess abläuft. Im Januar 2023 gab es ganze fünf Ausschreibungen im Rahmen des Berliner Atelierförderprogramms. Vor zwanzig Jahren zeigte sich in diesem Bereich noch ein anderes Bild: Den damals 4000 bis 5000 Künstler*innen der Stadt standen knapp 1500 Ateliers und Atelierwohnungen zur Verfügung.

 

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Und eigentlich hat die Förderung der Kreativen in Berlin auch eine lange Tradition. Friedrich der Große hat es als erster verstanden, gute Bedingungen zu schaffen, die heimische Kunstschaffende unterstützen und weitere in die Stadt lockten. Wilhelm I und II taten es ihm nach und weitere folgten. Seit 2016 ist es die Aufgabe von Kultursenator Klaus Lederer über die kluge Verteilung der verfügbaren Mittel zu entscheiden. Bei ihm laufen die Fäden der Kulturförderung zusammen und bei ihm landen die Klagen, wenn sich diese Fäden verknoten oder gar zu reißen drohen.


Viele Probleme und zu wenig Lösungen

In einem Gespräch betont er, dass der Rückgang geförderter Arbeitsräume für bildende Künstler*innen natürlich bekannt sei, wie auch die damit verbundene Problematik. Doch „Ateliersterben ist relativ. Es gibt Bereiche, in denen Ateliers wegbrechen durch Gentrifizierung. Und wir haben den vergangenen sechs Jahren jetzt sehr intensiv daran gearbeitet, die Zahl der Arbeitsräume massiv auszuweiten. Und das klappt auch zunehmend besser.“

Zu diesem Zweck verfolgt die Behörde parallel verschiedene Strategien, um wegfallende Ateliers durch neue zu ersetzen. Während einerseits versucht wird, Räume aus dem freien Markt zu günstigen Preisen anzumieten oder direkt zu vermitteln, werden auch Immobilien der Stadt verfügbar gemacht.

„Allerdings ist vor allem die Herrichtung der eigenen, der landeseigenen Immobilien sehr, sehr zeitaufwendig. Die müssen zum Teil saniert und als Atelierräume hergerichtet werden.“

so Lederer. Bei Anmietungen achtet die Stadt vor allem darauf, dass es sich um langfristige Mietverhältnisse handelt. Trotzdem „sind wir bisher nicht in der Lage, das zu kompensieren, was in den vergangenen Jahren weggebrochen ist. Aber es ist sozusagen der oberste Schwerpunkt bei uns.“ 

Leicht zu durchschauen sind die verschiedenen Zuständigkeiten dennoch nicht. Fast mutet es wie ein Pingpong-Spiel an, auch wenn Lederer dieses vehement verneint: „Es gibt kein Behörden-Pingpong im eigentlichen Sinne. Es gibt im Kern eine Verantwortlichkeit des Landes für das Atelierbauprogramm und für das Arbeitsraumprogramm. Das heißt, das machen wir gemeinsam mit der Landes-Immobilien-Gesellschaft, mit der BSE, als einer treuhänderischen, gemeinnützigen Gesellschaft. Und wir haben jetzt seit zwei Jahren die Kulturraum GmbH an Bord, die sozusagen das operative Geschäft machen: Räume anmieten, Räume herrichten und dergleichen mehr. Also es gibt auch in den Bezirken zum Teil Immobilien, bezirkliche Immobilien. Da finden wir es natürlich gut, wenn die dann auch für solche Zwecke bereitgestellt werden. Aber es ist nicht so, dass die Bezirke da große Spielräume haben, weil die Zahl der Immobilien im bezirklichen Bereich einfach auch begrenzt ist.“


Ein Kulturfördergesetz hilft keinen Schritt weiter

Die Ver.di sieht die Lösung vieler Probleme in diesem Bereich in einem Kulturfördergesetz, was das Ziel hat, bildenden Künstler*innen eine definierte Finanzierung auf verschiedenen Ebenen zuzusichern. Diese Forderung kennt der Kultursenator. Er glaubt jedoch nicht, dass man damit das gewünschte Ziel erreichte. Schließlich könne man „in ein Gesetz alles Mögliche reinschreiben. Aber wir müssen es am Ende umsetzen, wir müssen in der Lage sein die Räume zu schaffen. Da hilft uns so ein Gesetz keinen Schritt weiter. Entscheidend ist, dass der Gesetzgeber, der Haushaltsgesetzgeber, uns die Mittel bereitstellt, dass die Finanzverwaltung und die Stadtentwicklungsverwaltung an der Entwicklung von Räumen arbeiten und, dass wir die Ressourcen haben, Räume anzumieten oder herzurichten. Wir fangen jetzt erstmal mit dem Bibliotheksgesetz an. Dann wollen wir noch ein Musikschulgesetz machen. Und dann schauen wir mal weiter.“


Künstler*innen-Kollektive fallen durchs Raster

„Weiter schauen“, davon können die 26 Künstler*innen der Treptow Ateliers ein trauriges Lied singen. Ihr Kampf um geeignete Atelierräume geht nun schon ins vierte Jahr. Nun ist er eskaliert, denn aus ihrer privatwirtschaftlich bereitgestellten Zwischenlösung mussten sie Mitte Januar ausziehen, ohne Aussicht auf andere Räumlichkeiten. Beim Kollektiv ist man frustriert. Nicht nur über die gescheiterte Übernahme der alten Berufsschule in der Wilhelminenhofstraße – die Kulturverwaltung hat für dieses Objekt eigene Pläne – sondern auch über die bürokratischen Hürden, die Kollektive bei der Anmietung landeseigener Räume ausschließen. Denn die Antragsberechtigung hängt vom jeweiligen Einkommen des Kunstschaffenden ab. Wege, sich als Gruppe zu bewerben, gibt es aktuell nicht. Auch Lederer weiß:

„Das ist ein Problem. Das können wir auch nicht ohne Weiteres lösen. Wir haben zum Beispiel die Treptow Ateliers.“
 

Den haben wir dann zwei Orte angeboten. Die kamen für sie aber nicht infrage. Sie haben sich ein Objekt ausgeguckt, was wir aber gerade herrichten. Also in der Wilhelminenhofstraße. Das wird durch die BIM gerade erst hergerichtet. Da sind wir jetzt in der Planungsphase, kurz vor der Fertigstellung, dauert alles ewig. Aber diese Räume sollen natürlich im Arbeitsraum Programm über den BBK, den Berufsverband, an Menschen, die von Jurys ausgewählt werden, vergeben werden, weil wir eine soziale Komponente drin haben. Es gibt ja Künstler, die können recht gut von ihrer Kunst leben, die meisten können es eher nicht. Aber es entscheiden Jurys darüber und da kann man natürlich keine Kollektive berücksichtigen. Das ist derzeit noch eine Leerstelle.“


Kein Austausch trotz Konzept

Dem Künstler*innen-Kollektiv Treptow Ateliers ist bewusst, dass die momentanen Regelungen für die Vergabe von subventionierten Ateliers, keinen Spielraum lassen, davon als Gruppe profitieren zu können. Über ihr Konzept, welches sie für die Immobilie in der Wilhelminenhofstraße ausgearbeitet hatten, hätten sie sich aber zumindest gern mit den zuständigen Ansprechpartnern, zu denen auch Klaus Lederer zählt, ausgetauscht. Denn das enthielt auch einen Ansatz, wie man die Förderung von Künstler*innen-Gruppen künftig vielleicht regeln könnte.


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