Wenn Frau in unserer Gesellschaft etwas werden will, dann reicht es bei weitem nicht aus, allumfassend qualifi ziert, ideenreich, sprachbegabt, teamfähig, weltgewandt und verhandlungsstark zu sein. Von dieser schmerzvollen Erkenntnis ist das Töchterchen weit entfernt. Unter anderem deshalb schaltet es sich in die aktuelle Bundestagsdebatte zur Frau als Quotensubjekt gar nicht erst ein. Sie fi ndet das ganze scheinheilige Gezerre auch so wu?rdelos und zerreißt den Politikteil der Zeitung einfach wortlos. Dabei merkt sie gar nicht, wie viel das alles mit ihr zu tun hat. Erschu?tternd, aber wahr: Ihre Diskriminierung als Frau fi ng schon am Tag ihrer Geburt an. Da vermerkte die diensthabende Hebamme in den Akten als Geschlecht des Neugeborenen „männlich“.

Das wäre nun an sich keine Schande gewesen. Männer können sich ja auch auf die eine oder andere Weise nu?tzlich machen. Aber die Faktenlage sah nun mal anders aus. Kaum entlassen, ging die schleichende Herabwu?rdigung weiter. Allenthalben finden Leute das Kind „niedlich“. Niedlich! Also das ist doch der Todesstoß fu?r die Karriere einer Frau! Niedliche Schu?lerinnen widmen ihrem hello kitty-Radiergummi mehr Aufmerksamkeit als dem Unterricht. Niedliche Studentinnen immatrikulieren sich in Grundschulpädagogik oder Kunstgeschichte – und heiraten dann vor Studienende einen BWLer oder Ingenieur. Niedliche Frauen kriegen einen fi lmreifen Augenaufschlag hin, werden aber garantiert nie Vorstandschefi n. Da die Kleine mittlerweile erste Anzeichen eines veralteten Frauenbildes aufweist (interessiert sich fu?r Cremedosen, grabscht nach allem, was glitzert und strahlt Papa mehr an als Mama), ist Eile geboten. Um nicht sehenden Auges die Zukunft der Tochter zu ruinieren, haben wir statt auf- konsequent abgeputzt. Alle rosa, pinken und groß geblu?mten Babysachen sind aussortiert, der Kinderwagen in ein blaues Modell umgetauscht, der Plu?schhase musste einer Holzeisenbahn weichen. Morgen melde ich sie an einer technischem Hochschule an. Also, wenn das nicht zur Kanzlerinnenschaft reicht, dann weiß ich auch nicht weiter…


Anke Assig

Ein Beitrag von Anke Assig

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: "Das wird schon!"