Vor einiger Zeit las ich, dass der Mellowpark geschlossen wird und umziehen muss. Das ist schade, sehr schade!

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Mein Sohn, total verschwitzt, steht im Zimmer und erzählt aufgeregt von Dirt und Skatern und BMX Rädern und Sprayer, kaum dass er Luft holt, ist er schon wieder raus, schnappt sich sein Fahrrad Marke „Everlast“ und ward nicht mehr gesehen.

Zwei Stunden später war er wieder da, das Fahrrad in Vorderrad mit Lenker und restlichem Rad sauber in zwei Teile getrennt. Er, zum Glück noch in einem Stück, erklärte mir, dass die Jungs vom Mellowpark meinten, mit seinen 1,84 m und 75 kg seien Überschläge im Dirt vielleicht nicht so gut – er wäre wohl mehr ein Long-Board-Man. – Sprach’s und am nächsten Tag hatte er ein Skateboard von ca. 1,20 m Länge. Unglaublich, was der Bursche damit für eine Geschwindigkeit hinlegte. Fortan ging mein Sohn ohne Long – Board nirgendwo mehr hin. Bevor ich nicht das Rattern der kleinen Rollen seines Boards auf dem geriffelten Pflaster des Fußweges vor unserem Wohnblock hörte, kriegte ich kein Auge zu. Oh lieblicher Klang, er war gesund zurück – so gegen 4 Uhr früh.

Kurze Zeit später zeigte er mir stolz seine ersten Graffiti – Entwürfe. Zuerst auf Papier, später auf Video, dann beim Autofahren durch Köpenick. Sah gar nicht schlecht aus und ich war beruhigt, dass nach dem „Bombing“ die Gebäude noch standen (das ist der Szene – Begriff fürs Sprayen).

Seit damals sind einige Jahre ins Land gegangen und aus dem jungen Wilden ist ein ruhiger, sportlicher und immer noch künstlerisch begabter junger Mann mit Freundin, Wohnung, zwei Katzen, Studium und Mini – Job geworden ohne Fahrrad, und das Long – Board hängt verstaubt im Keller.

Doch wer weiß, eines nicht allzu fernen Tages steht vielleicht ein verschwitztes, aufgeregtes Kind vor meinem Sohn und sagt: „Vadda, da gibt’s einen tollen Park, im Dirt.“
Bis dahin schwelgen wir zwei in Erinnerungen und schauen uns Filme an, wie „Bomb the System“ – interessante Einblicke in die Graffiti – Szene Amerikas. Tipp von mir: Film wenn möglich im englischen Original sehen, da die Synchro schlecht ist. Absichtlich??

Oder aber „Dogtown Boys“ – ein Film über die Anfänge des Skateboarding und dessen Kommerzialisierung, u.a. mit dem gerade verstorbenen Heath Ledger, und natürlich „Status Yo“ – ausschließlich mit Laiendarstellern aus der Berliner Szene rund um Hermann – und Heinrichplatz gedreht. Authentisch!

Einen Tipp der älteren Sorte hätte ich auch, ja hätte, wenn der Kult Klassiker „Beat Street“ endlich auf DVD erscheinen würde, ja wenn, vielleicht liest ein Verantwortlicher diese Zeilen, bitte bitte, mit Zucker obendrauf.

Also, geht mit offenen Augen durch die Stadt und vielleicht seht ihr einige der jungen Wilden und deren Kunst oder ihre riskanten sportlichen Übungen. Dann übt Nachsicht, denn nur wer sich ausprobiert und seine Grenzen austestet, wird sich entwickeln. Seht ihr dabei einen jungen Mann mit je einem halben neuen Fahrrad in der Hand, das könnte mein Sohn sein.
Bleibt gesund und schaut mal rein!

Euer Mathias