Stille umgibt mich. Bis auf mein pochendes Herz, ein zischendes Geräusch beim Einatmen und ein lautes Blubbern beim Ausatmen höre ich nichts. Angenehm kühles Nass hüllt mich ein, trägt mich, lässt mich schweben. Ein Gefühl der Ruhe, der Geborgenheit stellt sich ein. Mein Blick wandert über Felsen die, wie von der Hand eines Riesen verstreut, in einer Wiese wiegendem Seegras liegen. Suchend tasten meine Augen den blauen Raum über mir ab. Das Pochen meines Herzens wird etwas schneller, die Atemgeräusche intensiver. Da, etwas sinkt herab zu mir. Erst ist es nur ein dunkler Schatten, dann im Schatten eine blitzende Reflexion, wie Glas in der Sonne … Aus dem Schatten wird ein bunter Körper, hinter dem blitzenden Glas zwei Augen, aufgeregt hin und her blickend, suchend …, dann erleichtert meine Augen findend. Mein Sohn macht das O.K.-Zeichen mit Daumen und Zeigefinger, lässt zischend etwas Luft in sein Tarierjacket und pendelt sich gekonnt auf meiner Tiefe ein. Zwölf Jahre alt, der Bursche, und taucht so cool wie ein Profi. Immer wieder beindruckend. Ich zeige auf einen großen Felsen Richtung offenes Meer.

Er nickt und gibt ein weiteres O.K. Mit ruhigen Flossenschlägen steuern wir auf den Felsen zu. Der Meeresgrund fällt leicht ab und der Druck in meinen Ohren nimmt zu. Ich sehe zu meinem Sohn hinüber, der gerade den selben Effekt verspürt und mit zwei Fingern seine Nase zudrückt, um den Druckausgleich durchzuführen. Ich blicke auf den Tiefenmesser und lese 22 Meter ab. Das ist tief genug für einen kleinen Jungen und einen vorsichtigen Vater. Ich packe meinen Sohn am Bein und als er sich zu mir umblickt, deute ich mit der flachen Hand eine horizontale Linie an und er zeigt wieder sein O.K. Alles klar, Vadda, wir bleiben auf dieser Tiefe. Ich kontrolliere seinen und meinen Luftvorrat. Beide Finnimeter zeigen etwa 110 bar an. Unsere Zehn-Liter-Pressluftflaschen sind also noch gut halb voll. Zeit, über den Rückweg nachzudenken. Ich blicke meinem Sohn nochmal in die Augen. Alles o.k.?

Alles o.k.! Das Wasser ist unser Freund, die Natur überhaupt, das habe ich ihm beigebracht. Kämpfe nicht gegen die Natur, sondern verbünde dich mit ihr, und sie belohnt dich mit den schönsten Erlebnissen und Eindrücken. Ein wohliges Glücksgefühl durchströmt meinen Körper. Ich spüre die Nähe zu meinem Sohn. Wir sind wie zwei Astronauten im All, untrennbar miteinander verbunden, einer den anderen beschützend. In meiner Euphorie fasse ich einen Entschluss. Als spannenden Abschluss dieses Tauchganges werden wir den vor uns liegenden großen Felsen umrunden und dabei einen aufregenden Blick ins offene und an dieser Stelle mehrere hundert Meter tiefe Meer haben. Danach tauchen wir zum Ufer zurück. Ich werfe einen letzten Blick auf meinen Kompass und kontrolliere den eingestellten Ring mit der Markierung für den Rückweg. Alles klar. Dann zeige ich auf den Felsen vor uns und deute einen Kreis an. Mein Filius versteht sofort, was ich meine, und gibt mir ein enthusiastisches O.K.. Na dann los. Er taucht voraus und biegt an der schroffen Kante des Felsens links ab. Für einen kurzen Moment ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. Wieder erhöhen sich Puls und Atemgeräusche. Verdammt, daran werd ich mich nie gewöhnen. Ich schlage kräftiger mit den Flossen, erreiche die Felskante und biege ab.

Im nächsten Augenblick packt mich etwas und wirbelt mich herum, als ob ich ein Blatt im Wind wäre und nicht ein 90 Kilo Mann mit noch mal 20 Kilo Tauchausrüstung. Ich versuche verzweifelt, die Felskante zu ergreifen, doch zu spät. Sekundenschnell zieht mich eine unvorstellbare Kraft vom Felsen weg in die Tiefe. Meine Flossen peitschen den Atlantischen Ozean zu Schaum, ohne Erfolg, schon ist der riesige Felsen nur noch ein schemenhafter dunkler Fleck. Ich beginne wild mit den Armen zu rudern, atme viel zu schnell und zu tief, dafür ist der Atemregler nicht gemacht und sofort stellt sich Atemnot ein, ich spüre erste Anzeichen einer Panikattacke, in meinem Kopf hämmert mein Puls und eine Stimme kreischt: „Alex, wo ist Alex?“ … Fortsetzung folgt. Dass die gewaltigen Kräfte der Natur nicht zu unterschätzen sind, bemerkt auch Emile Hirsch in Sean Penns fünfter Regiearbeit „Into the wild“ etwas zu spät. Ein kraftvoller, tragischer Film, nach einer wahren Begebenheit.

Ganz großes Kino. Auch so der zweite Tipp: „There will be blood“ mit Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle. Er spielt den Aufstieg eines Albarons zu Zeiten des ausklingenden 19. Jahrhunderts wie eine Naturgewalt und erhielt dafür zurecht einen Oskar. Wuchtiges, pures altes Kino, für das man sich aber Zeit nehmen muss. Sehenswert. Zeit ist es vielleicht auch mal wieder für den Film „Auf Messers Schneide“ mit einem grandiosen Anthony Hopkins und dem stark spielenden Alec Baldwin oder für „Im Rausch der Tiefe“ mit Jean Reno und Jean Marc Barr. Filme mit atemberaubenden Naturbildern, die uns Menschen die Macht und die Kräfte der Natur und unsere Winzigkeit ihr gegenüber zeigen. Packend. Also dann, geht mal wieder raus, erlebt Abenteuer, genießt die Zeit ohne Hektik, bezwingt Berge, Wälder, Wüsten, Meere, Seen und reißende Flüsse, aber werdet nicht übermütig und habt Respekt vor diesen Kräften … Sonst erfahrt ihr möglicherweise nie, wie mein Tauchabenteuer ausging.
Seid vorsichtig, bleibt gesund und schaut mal wieder rein, euer Mathias.