Bandportrait: Laien am Limit

Bandportrait: Laien am Limit

Sie sind alt, sie sind durstig und sie lieben Rock. Bert Scholz B, Rally, Säule Meyer, Bübchen und Carlos sind die „Laien am Limit“. Eigentlich war es eine Bierlaune, die diese Band zusammenführte und auch noch zusammenhält. Denn die Laien haben, wenn man es objektiv ausdrückt, nur einen sehr kleinen musikalischen Nenner. Warum man sich dann doch entschloss, gemeinsam eine Band zu gründen, war zum einen das handwerkliche Handycap, zum anderen die Tatsache, dass man sich schon aus Kindertagen kannte. Bis auf Carlos, der erst 1986 dorthin zog, sind alle Bandmitglieder in Oberschöneweide aufgewachsen. Das Leben im Arbeiterkiez mit viel Rock, Punk und Bier prägte die Hörgewohnheiten und so wollte Bübchen, Sänger, Bassist und einer der beiden Initiatoren, immer schon ‘ne Band haben, doch zu viele Kompromisse und die Arroganz sogenannter echter Musiker hielten ihn all die vielen Jahre davon ab. Als sich Freund Rally im zarten Alter von 41 Jahren ein Schlagzeug besorgte, war nach einigen Gehversuchen mit anderen Musikern die Zeit für die „Laien am Limit“ gekommen. Bert und Carlos, die eigentlich musikalisch eine andere Gangart bevorzugen, wurden als Stromgitarristen verpflichtet. „Bert liebt Yes“, so Bübchen. „Ich hasse Yes, denn auch mein großer Bruder liebte Yes. Wir teilten uns ein Zimmer und ich musste mir alle Platten mit anhören, grauenhaft“ Auch Carlos scheint aus der Art geschlagen, gab man ihm doch den Spitznamen, weil er gern Lieder von Santana nachspielt. Und doch harmonieren die Herren sehr gut. Da Herzblut und nicht das musikalischeHandwerk in dieser Band die erste Geige spielt, wechselt man sich auch gelegentlich an den Instrumenten ab. Rally rutschte freundschaftlich von den Drums rüber an den Bass, als Säule Meyer nach einem schweren Herzleiden wieder die Sticks in die Hand nehmen konnte. „Wir würden ja auch Speedmetal machen“, sagt Säule und grinst. „Aber der Schrittmacher verträgt bloß 140 bpm.“

Als ich die „Laien“ in ihrem Proberaum in Adlershof besuche, ist die Party voll im Gange, der erste Kasten Berliner schon über die Hälfte leer. „Na ja, Carlos trinkt ja nicht“, sagt Rally wie entschuldigend und bietet mir sogleich eine Flasche an. „Einer muß die Suffköppe ja wieder nach Hause bringen“, knurrt Carlos. „Nur deshalb bin ich überhaupt in der Band geduldet.“ Das stimmt nicht ganz, denn Carlos, der oft die Gitarrenriffs bringt, ist zudem auch meist zuständig für die eher verhalten eingesetzten Soloparts. Schnell werden noch die Gitarren gestimmt, die Stimme mit einem tiefen Schluck Berliner geölt (in Skandinavien heißt „Bier“ „l“), dann geht die Sause aber volles Rohr los. Gespielt werden Cover von Rockklassikern, Indie- und Punksongs; von Purple, Kings of Leon, den Sex Pistols, und auch Eigenes, wie die Liebeserklärung an den Verein Union, steht auf dem Programm. Bert Scholz B, südamerikanisches Halbblut, ist für den Rhythmus zuständig, trommelt den „La Grange“ von ZZ Top, dass meine Haut Ameisentitten bekommt. Nach dem zweiten Verspieler gibt es einen verbalen Schlagabtausch, in der die Herren mein Zwerchfell bis aufs ußerste strapazieren, im dritten Song fängt das Zeug an zu rocken. Ich nehme auf einer Bierkiste Platz, spüle mit einem tiefen Zug und schreibe diese Zeilen über einen extrem spaßigen Abend mit irren Typen und lauter, lauter Musik. Möge der Kater kommen


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)