Ein verstaubter Pharao mit magischer Tafel, ein verschobener Nachtwächter und ein Spritzer amerikanische Starbesetzung – so leicht erweckt Hollywood Geschichte zum Leben.

In Berlin geht es weniger magisch zu. Hier sind Geduld, Engagement und die Kraft, sich durch den ein oder anderen Stapel an Anträgen zu kämpfen, die Zauberwörter. Doch mit genau diesen faszinieren Marlies Böttcher und die ehrenamtlichen Helfer rund um den Zeitfluss e.V. Seit die erfahrene Lehrerin auf einem Schulausflug das Mittelalter-Projekt Megedeborch in Magdeburg besuchte und das Leuchten in den Augen ihrer Schüler sah, die mit Begeisterung und Eifer der praktischen, mittelalterlichen Arbeit nachgingen, möchte sie auch in Berlin mehr Licht in das dunkle Zeitalter bringen.

Auf dem Gelände der Gartenarbeitsschule in der Friedrichshagener Straße 7 soll im wahrsten Sinne des Wortes das Tor zu einer anderen Zeit entstehen. Seit mehreren Jahren arbeiten nun schon engagierte Helfer und der gemeinnützige Verein daran, das Projekt Mittelalter an der Alten Spree umzusetzen. Künftig soll die kleine Stadt Copnic Schüler jeder Altersklasse und jeden Schultypes das Mittelalter durch Begreifen begreifen lassen. Für die eintägige Zeitreise werden am Eingangstor moderne Kleidung, Handys und Namen abgelegt. Dann schlüpfen die Zeitreisenden in mittelalterliche Kleidungsstücke, Namen und einen vergangenen Alltag. Die Schüler nehmen die Geschichte in die Hand und lernen Stadtverwaltung, Handel und Handwerk des Mittelalters kennen. Es werden Gerichtsverhandlungen abgehalten. Der Stadtrat tagt. Die Klosterschule wird besucht und auch mal ein hoher Würdenträger erwartet oder sich über Steuererhöhungen geärgert.

Marlies Böttcher: „Die Schüler sollen nicht nur das Leben anfassen und das Mittelalter begreifen, sondern vor allem schätzen lernen, wie gut es ihnen heute geht.“

Nur Schritt für Schritt beginnt das Projekt zu leben, doch jede Hand und Euromünze hilft das Mittelalter in Berlin noch einmal erblühen zu lassen. Bei alledem stehen mittelalterliche Authentizität und Handarbeit im Vordergrund.

Nachdem der Bezirk das Grundstück in der Friedrichshagener Straße gestellt und der Verein es gepachtet hat, ist mittlerweile auch der Bauantrag genehmigt. Hierbei half vor allem der begeisterte Architekt Wolff, den riesigen Papierstapel an Anträgen schrumpfen zu lassen. Und mit etwas bürgermeisterlicher Unterstützung ging dann auch die Bearbeitung der Anträge gut vonstatten.

Endlich! Es kann losgehen. Mehrere ungefähr 15 m² große, mittelalterliche Fachwerkbauten sollen entstehen, wobei das Material für die ersten drei Bauten bereits gestiftet wurde. In einem Lager nahe dem Bahnhof Köpenick werden die Holzhäuser in Handarbeit vorgebaut und die Einzelteile dann nummeriert. Hoffentlich noch in diesem Frühjahr soll der ungewöhnliche Bausatz dann auf Fundamenten wieder zusammengesetzt werden. Es könnte so einfach sein, doch beständig müssen sich die Mittelalterbegeisterten durch das Vorschriftengewirr im modernen Bauwesen hangeln. Viel komplizierter kann der Hausbau auch im Mittelalter nicht gewesen sein!

Bei der Verkleidung der Häuser mit Lehm könnten dann bereits die ersten Zeitreisenden helfen, denn wenn die Häuser stehen, sind kleinere Vorgeschmäcker auf das folgende Projekt denkbar. Natürlich liegt noch viel Arbeit vor den Beteiligten. Doch der Blick auf unzählige Möglichkeiten und die Begeisterung der Schulkinder am praktischen Lernen lässt sie nicht nur weiterträumen, sondern gibt auch Kraft zum Weitermachen. Sobald die Stadt steht, werden sie vor allem rüstige Rentner und begeisterte Freiwillige bevölkern. Die Helferlein übernehmen einen mittelalterlichen Betrieb und bringen so den mutigen Zeitreisenden ein Handwerk näher, wobei ein kleiner Eintritt Materialkosten und andere Ausgaben decken könnte.

Auch wenn das Projekt noch im Aufbau ist, können Groß und Klein heute schon mittelalterliche Luft schnuppern und gemeinsam mit Marlies Böttcher auf den Festen der Späth’schen Baumschule basteln und werkeln. Hier ist das Mittelalter in Berlin schon seit Jahren fester Bestandteil und lädt mit selbstgemachten Bastel- und Werksstoffen jeden zum Mitmachen ein.

Mehr Infos:
am 09. + 10.05. von 11 – 19 Uhr auf dem Späth’er Frühling – mit Musik, Märchen, Monbijou-Theater und mittelalterlicher Bäckerei Späth’sche Baumschule (Späthstraße 80/81, 12437 Berlin)


Josephine Kuban

Ein Beitrag von Josephine Kuban

Geschichts- und Archäologiestudentin auf der Suche nach ihrem Traumberuf, die momentan Museum gegen Maulbeerblatt und Schaufel gegen Stift tauscht.