Einblicke in ein Trauma – „Katte – ein Prozess“

Geschüttelt vom Albtraum wacht Friedrich auf und ruft nach Katte. Sein toter Freund ist nicht da, stattdessen aber Voltaire und sein Vater, Friedrich Wilhelm, die immer wieder Belehrungen in nervenaufreibend langsamen Tonfolgen singen. Friedrich alleine mit Ihnen in einer Zelle, gequält und verfolgt von seinen Schuldgefühlen. Lärm, Rauschen, Dissonanzen, Text- und Musikfetzen begleiten Projektionen von Krieg, Paraden, Landschaften und Personen auf der hinteren Bühnenwand.
Die Regisseurin Birgit Grimm inszenierte KATTE – EIN PROZESS wie einen Einblick in die geistigen Zustände Preußenkönigs Friedrich des II. Es scheint als befände sich der Zuschauer direkt in Friedrichs Kopf. Dort, gefangen wie in einer Einzelzelle, können sie dessen Kampf gegen Ängste und Schuldgefühle beobachten. Dargestellt von Ralf Grawe, erscheint Friedrich als ein verletzter gebrochener junger Mann. Ständig mit ihm auf der Bühne, die quälenden Truggestalten von König Friedrich Wilhelm, gespielt und gesungen von Thorsten Oliver Huth (Bass), und Voltaire, gespielt und gesungen von Nadja Saleh. Die einschneidenden Erlebnisse Friedrichs werden in der Handlung angespielt. Die brutalen Übergriffe des Vaters, Friedrichs kindhaftes Schwanken zwischen Liebe und Abscheu zu ihm, Zuneigung und Bruch zu Voltaire, Schuldgefühle ob der eigenen Handlungen im Krieg, Anspielung auf die von Ihm verfassten aufklärerischen Schrift den „Antimachiavelli“ und Zuwiderhandlung dessen durch seine eigene Regierung werden immer wieder angerissen und suggeriert.
Der Jungendfreund Katte (Hans Hermann von Katte), der für sein Mitwissen an Friedrichs Fluchtversuch geköpft wurde, taucht lediglich im Dialog, als Erinnerung im Albtraum, auf. Friedrich musste zur Strafe bei der Hinrichtung des Freundes zusehen. Hauptsächlich diesem Erlebnis schreiben Historiker eine traumatische Verstörung und die daraus resultierende Unzugänglichkeit Friedrichs zu. Darauf beziehen sich die Rahmenhandlung und der Titel der Inszenierung. Die Premiere des Stückes fand am 05.11.2009 im Schlosstheater Köpenick, einen Tag vor Kattes Todestag dem 06.11.1730, statt. Da Katte auch im Wappensaal des Schlosses Köpenick der Prozess gemacht worden war, lässt der Titel eine Auseinandersetzung mit dem Prozess um Katte erwarten. Doch das Stück will, unterstützt von der entschleunigten Musik Helmut Ohrings, den Geräuschen und den Projektionen, dem kranken Gemütszustand Ausdruck verschaffen. Es liefert Eindrücke eines inneren Dialogs über Schuld, Angst, und ungetane Pflicht der nicht zur Ruhe kommt und über die Jahre in Friedrichs Leben fortwährt. Umspült von Geräuschen, Bildern, Textausbrüchen und Gesang der Darsteller erhält der Zuschauer eine Idee des Leides. Es werden viele Probleme angeschnitten aber eine Erlösung oder ungeahntes Fazit entwickelt sich bis zum Ende nicht.
Zumindest der Zuschauer darf sich letztlich aus dem gezeigten Trauma lösen und daran erfreuen, dass es ihm nicht wie Friedrich geht.
…oder vielleicht doch manchmal auch ein bisschen so ähnlich, wer weiß?
Foto: Marcus Lieberenz


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