Brandenburgery18°22`04„N, 64°56`32„W

Wo im Frühjahr die Virgin Islands Race Week jährlich Hunderte von Regattaseglern anzieht, betrieb der Große Kurfürst vor mehr als 300 Jahren eine Kolonie -Brandenburgery auf den West Indies
Wenn in Friedrichshagen die Boote und Yachten abgeslippt werden und hierzulande mit Verbandssegen angesegelt wird, herrscht zwischen den Virgin Islands am Nordostrand der Karibik bereits Wettfahrt-Hochstimmung. Hunderte Segler-Crews aus vielen Ländern haben sich dann schon auf den Weg gemacht, entweder auf eigenem Kiel oder per Flieger zur Charterbasis, um an den jährlich laufenden Frühjahrsregatten im Rahmen der Virgin Islands Race Week auf den Leeward Islands gleich östlich Puerto Ricos teilzunehmen. Zu den Wettfahrten, die in der Szene wegen ihrer sportlichen Ausrichtung, ihrer guten Organisation sowie des Party-Faktors wegen einen guten Ruf haben, zählen neben der British Virgin Islands (BVI) Spring Regatta mit dem BVI Sailing Festival auch die internationale St.Thomas Rolex-Regatta. Die Termine sind so gelegt, dass eine Crew mit ihrer Yacht mühelos und grenzüberschreitend – denn die Inseln gehören nach wie vor zu zwei verschiedenen Staaten – an zehn Tagen beide Events miterleben kann. Die Reviere lohnen es wegen steter, frischer Winde und angenehmer Temperaturen allenthalben. So verwundert es kaum, dass es unter den aktiven Seglern von Wiederholungstätern nur so wimmelt, auch mehrere deutsche Crews sind traditionell darunter.

Doch nur wenige der Segler wissen um die Historie der Inselgruppe, die geografisch nördlich Venezuelas, an der Nordseite der Karibischen See, zu verorten ist. Dabei ist die an Größenwahn, Menschenverachtung, Brutalität – aber wohl auch an Kuriosität – kaum zu übertrumpfen. Denn wer hätte gedacht, dass es, nur zwei Jahre nach der ersten deutschen Ansiedlung in Germantown, im Jahre 1685 zur Gründung eines brandenburgisch- preußischen Handelsstützpunktes ausgerechnet auf der Antilleninsel St. Thomas gekommen war, über 7.500 Kilometer Luftlinie von Dahme und Spree entfernt? Klar ist heute, dass das vorrangige Interesse derartiger Handelsgesellschaften nicht etwa geo- oder bevölkerungspolitischer, sondern ausschließlich wirtschaftlicher Natur war. Auch das Interesse Brandenburgs unter Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten, machte da keine Ausnahme: Die Aktivitäten waren darauf gerichtet, durch überseeische Stützpunkte eine bessere Teilhabe am damaligen Welthandel zu erlangen. Zu diesem Zweck schloss der kurbrandenburgische Marine- Generaldirektor Benjamin Raule (er residierte im Tierpark-Schloss Friedrichsfelde) am 24. November 1685 mit Vertretern der Dänisch- Westindisch-Guinesischen Compagnie einen Vertrag über die Vermietung eines Teils der seit 1666 zu Dänemark gehörenden Antilleninsel St. Thomas an Brandenburg.

Die Souveränität der Insel St. Thomas blieb zwar beim dänischen König, Brandenburg wurde aber Grund und Boden zur Nutzung überlassen. Außerdem wurde ein auf 30 Jahre befristeter Freihandel, vor allem für Sklaven, vereinbart. Das brandenburgische Pachtgebiet, Brandenburgery genannt, lag in unmittelbarer Nachbarschaft zum dänischen Hauptort Charlotte Amalie, benannt nach der Nichte des Großen Kurfürsten und Gemahlin des Dänenkönigs Christian V. Es bestand aus einer Siedlung für Europäer mit Wohn- und Verwaltungsgebäuden sowie Lagerhallen und der Residenz des Generaldirektors. Immerhin lebten im Jahr 1688 auf St. Thomas 300 Brandenburger! Die weitere Entwicklung war von einem Auf und Ab der brandenburgischdänischen Beziehungen geprägt. Es gab dänische Eingriffe in brandenburgischen Besitz. Obwohl der Handel weiter florierte, verlor die preußische Krone nach erfolglosen Versuchen, auf anderen westindischen Inseln Fuß zu fassen, mehr und mehr ihr Interesse an überseeischen Besitzungen. Der brandenburgische Teil von St. Thomas wurde schließlich 1693 ohne Widerstand – und entschädigungslos – von Dänemark beschlagnahmt. 1727 ließen die Dänen erstmals brandenburgisches Inventar und 1738 auch die letzten preußischen Besitzungen versteigern. Der letzte brandenburgische Generaldirektor J. Bordeaux ist 1735 ohne Nachfolger auf der Insel verstorben. Nach ihm sind auf St. Thomas heute noch einige Straßen und ein Berg, der Bordeaux-Hill, benannt.

Nach der Niederlage im deutschdänischen Krieg von 1864 boten die Dänen den verbündeten Preußen und Österreichern schließlich Dänisch-Westindien an, um Teile Schleswigs behalten zu können. Die noch alliierten deutschen Großmächte besaßen indes kein Interesse. 1896 machte Dänemark erneut den Vorschlag, einen Teil Nordschleswigs gegen die dänischen Jungferninseln, zu denen St. Thomas damals gehörte, zu tauschen. „Entrüstet“ habe Wilhelm II. es abgelehnt, deutsches Gebiet abzutreten. Aus Sorge um die dänische Neutralität im Ersten Weltkrieg und die Errichtung neuer deutscher Militär- Stützpunkte kauften die USA 1917 den Dänen kurzerhand mehrere Inseln, darunter auch St. Thomas, ab, die seitdem die U.S. Virgin Islands („Jungferninseln“) bilden. Nur einen Halbtages-Törn in nordöstlicher Richtung liegen die BVI („British Virgin Islands“) mit den Hauptinseln Jost van Dyke, Tortola, Norman-, Peter-, Salt-, Cooper- und Ginger Island sowie Virgin Gorda und dem Korallen- Eiland Anegada.

Dazwischen ziehen heute wie selbstverständlich zum Beginn jeder karibischen Segel-Saison Hunderte von farbenfrohen Spinnakern aus vielen Ländern friedlich ihre Bahnen – rund um eine geschichtsträchtige Inselgruppe, an dessen dunkle Historie heute lediglich einige architektonische Überbleibsel, ein paar Straßennamen und die Bezeichnung eines Berges auf der Insel St. John erinnert.