burg-kopenick-um-850webEine Stadt in Berlin wird 800″ – so heißt es im Internet und auf offiziellen Drucksachen zu den Jubiläumsfeierlichkeiten anno 2009. Aber worauf beziehen sich diese 800 Jahre? Was geschah im Jahr 1209? Wie alt ist Köpenick wirklich? Diesen Fragen sind wir für Sie nachgegangen und werden hier und in der nächsten Ausgabe Antworten geben. An dieser Stelle herzlichen Dank an Gunnar Nath vom Landesdenkmalamt sowie an Dr. Michael Lindner von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften für die Informationen zum neuesten Stand der Forschung und für das Bildmaterial.
Köpenick ist neben Spandau der älteste Siedlungskern innerhalb des heutigen Berlins. Archäologische Funde belegen, dass hier bereits Geschichte geschrieben wurde, als im späteren Stadtzentrum noch Schwärme von Mücken anstatt von Touristen herumschwirrten und auf den wenigen Sandinseln im wahrsten Sinne des Wortes der Bär steppte. Umfangreiche Grabungen auf der Schlossinsel und in der Altstadt erbrachten seit den neunziger Jahren wichtige neue Erkenntnisse zur frühen Geschichte Köpenicks.
Das Areal am Zusammenfluss von Dahme und Spree war ein hervorragender strategischer Platz zur Ansiedlung, und die wald- und wasserreiche Umgebung bot Schutz vor Feinden und zudem satte Jagdgründe für Fisch und Wild. Den ältesten Nachweis menschlicher Besiedlung auf Köpenicker Gebiet stellt das Grab eines jungen Mannes auf der Schlossinsel dar, der dort während der Jungsteinzeit in Hockerstellung begraben wurde. Naturwissenschaftliche Datierungsmethoden ergaben ein Alter zwischen 2821-2660 vor Chr. Passend zu dieser Bestattung fand man Geräte und Waffen aus Stein sowie Keramikscherben aus dieser Zeit – einer Epoche, in der die Menschen bereits sesshaft waren und von Ackerbau und Viehzucht lebten.
Während der jüngeren Bronzezeit – die Menschen hatten inzwischen die Technik der Metallverhüttung erlernt und fertigten nun Waffen und Geräte aus Bronze, einer Legierung von Kupfer und Zinn – entstand zwischen ca. 1000 und 800 v. Chr. erstmals eine Burg auf dem Gebiet des späteren Köpenick.

Mit viel Aufwand wurde dafür der südliche Sporn der Altstadtinsel zwischen Dahme und Frauentog abgetrennt, so dass die neu entstandene Insel – die heutige Schlossinsel – eine hervorragende strategische Stellung abgab. Wälle mit Holz-Erde-Mauern und Gräben perfektionierten die Befestigung. Das Gelände vor der Burg war ebenfalls besiedelt, wie jungbronzezeitliche Siedlungsspuren in der heutigen Altstadt nachweisen.
Die Lage am Zusammenfluss von Dahme und Spree war nicht zufällig gewählt: Wasserstraßen dienten den Menschen als natürliche Verkehrswege, und der Handel mit Waren und Rohstoffen erlebte in der Bronzezeit eine wahre Blüte. Wie weit die Händler der bronzezeitlichen „Köpenicker“ tatsächlich reisten, belegt der aus dieser Zeit stammende berühmte Hortfund aus dem benachbarten Spindlersfeld: Seine Schmuckgegenstände legen Fernbeziehungen bis ins Rhein-Main-Gebiet, nach Süddeutschland, nach Pommern, Schlesien, Böhmen und Mähren und sogar bis ins Karpatenbecken nahe.

Unter dem Schlosshof liegt heute – unsichtbar für uns – ein Hügel, der aus den Resten der bronzezeitlichen und späteren Befestigungen besteht. Als die Slawen im 9. Jahrhundert n. Chr. hier ihre Burg errichteten, muss der alte Wall noch sichtbar gewesen sein. Vielleicht liegt hier der Ursprung des slawischen Ortsnamens „Copnic“: Das nämlich heißt so viel wie „Siedlung auf einem Hügel“ oder „Inselort“.
Nach der Einwanderung und Ansiedlung der Slawen im Havel-Spree-Raum im frühen Mittelalter begannen sie im 9. Jahrhundert auf der Insel am Zusammenfluss von Dahme und Spree mit dem Bau einer Befestigung in unmittelbarer Nähe eines Flussübergangs. Dank der Dendrochronologie – der Jahrringmessung an Holzstücken, die die Jahrhunderte im Boden überdauert haben – wissen wir heute sehr genau, wann das war: Die ältesten Proben datieren die erste Köpenicker Slawenburg auf 849 n. Chr.

Von dieser Zeit an war die Schlossinsel ununterbrochen besiedelt. Nachdem die erste Burg abgebrannt war, wurde sie durch eine neue Anlage überbaut. Um 1000 schüttete man den Graben zu, der bis dahin Vor- und Hauptburg voneinander getrennt hatte, damit die Burg weiter wachsen konnte. Die spätslawische Burg nahm dann den Raum der gesamten Schlossinsel ein und stellt den Höhepunkt der slawischen Entwicklung in Köpenick dar.
Diese Blüte fällt in die Herrschaftszeit Jaxas von Köpenick zwischen 1145 und 1176. Jaxa (auch Jacza, Jaczo) erhob 1150, nachdem der Hevellerfürst Pribislav kinderlos verstorben war, Anspruch auf dessen Erbe: das Gebiet um Brandenburg. Doch auch ein anderer wollte diese Ländereien für sich: Albrecht der Bär, ein Hochadliger aus dem Anhaltinischen, der sich Markgraf von Brandenburg nannte. Albrecht vertrieb Jaxa aus Brandenburg. Im Dahme-Spreebereich allerdings konnte sich Jaxa behaupten, denn er ließ über einen längeren Zeitraum Münzen mit der Aufschrift „Jaxa de Copnic“ prägen, die seine Herrschaft in Köpenick belegen. Ein dendrochronologisch auf 1145 datierter Holzpfahl aus der Böschungssicherung zeigt zudem, dass zu Jaxas Zeiten an der Burg gebaut wurde.

Nach Jaxas Tod 1176 herrschten wahrscheinlich die Pommernfürsten Bogislaw und Kasimir in Köpenick. Von hier aus unternahmen sie 1179 Einfälle in die Lausitz und das Land Jüterbog. Dies löste eine scharfe Gegenreaktion der Wettiner und des Magdeburger Erzbischofs aus, die sich anschaulich in der bei den Ausgrabungen auf der Schlossinsel gefundenen Brandschicht und den in ihr enthaltenen Pfeilspitzen widerspiegelt. Diese Brandschicht markiert das Ende der slawischen Burg auf der Schlossinsel und deren Übernahme durch die wettinischen Markgrafen der Lausitz um 1180 …
Was sagen uns nun diese Fakten – wie alt ist Köpenick tatsächlich? 4830 Jahre – nach der frühesten Datierung des auf der Schlossinsel bestatteten jungsteinzeitlichen Mannes? Oder 1140 Jahre, weil das Areal seit dem Bau der ersten Slawenburg kontinuierlich besiedelt war? Natürlich wissen wir nicht, ob der Ort zu dieser Zeit schon Köpenick hieß. Was wir aber wissen ist, dass auf Jaxas Münzen, die aus den 1150er Jahren stammen, „Copnic“ steht, und Köpenick damit mindestens 50 Jahre älter ist, als es die 800-Jahr-Feier suggeriert.
Aber selbst wenn man die eindrucksvollen Jaxamünzen ignoriert und nur urkundliche Quellen gelten ließe, bewegen sich die Damen und Herren Jubiläumsplaner auf sehr dünnem Eis. Warum? Dazu mehr im nächsten Maulbeerblatt. Nur eines sei schon verraten: Das Jahr 1209 stimmt auch nicht …