Abschied von einem der ältesten Ladengeschäfte Köpenicks


„Jegliches hat seine Zeit“ sang schon vor über einem viertel Jahrhundert der Friedrichshagener Rockbarde Dieter Birr in der filmischen Legende von Paul und Paula. Dort geht es auch um Veränderungen. Gravierende. Da werden Häuser und Beziehungen von Menschen zum Einsturz gebracht. Und mit den Jahren wechseln nicht nur die Zeiten, es verändern auch Häuser und Straßen ihr Gesicht, Menschen beziehen Häuser neu und Wohnungen, geben ihnen ein eigenes Gesicht und verlassen sie wieder – manchmal sogar im Rhythmus der Jahreszeiten.

Wer die Bölschestraße kennt, kann davon in den letzten zwanzig Jahren ein Lied singen. Doch manchmal ist es auch anders und es gibt Orte, die auf ganz besondere Weise das Bild einer Straße prägen. Und so ist das über nahezu ein Jahrhundert am Marktplatz in Friedrichshagen mit dem Haus No. 27 gewesen. Hier hatte die Firma Schirmer – zuletzt als „DER HERRRENAUSSTATTER – Sakkos und Hosen in allen Größen“ – ihren Laden und ihre Werkstätten.

1921 gründete Berthold Schirmer, ein gelernter Schneidermeister aus Ostpreußen, den es irgendwann nach 1910 mit seiner Frau Alma nach Friedrichshagen verschlagen hatte, eine Konfektionsschneiderei mit Laden. Der Betrieb gedieh unter seinen Händen. Nicht zuletzt das kaufmännische Geschick seiner Frau Alma, der „Familienmanagerin“, wie ihr Enkel Uwe heute sagt, die nicht nur die Fäden fest in der Hand hielt sondern auch selbst das Automobil der Familie, einen Opel, sicher lenkte und natürlich die geschäftliche Kreativität von Schirmers Geschäftspartners, Herrn Paulik, waren dabei sehr von Hilfe.

So konnte die Geburt des Sohnes, Kurt, 1925 als ein allseits freudiges Ereignis angesehen werden, denn die Zukunft des Jungen schien eine gute zu werden. Das blieb auch noch so, als Herr Paulik, ein Jude, Anfang der dreißiger Jahre das Land verließ und nach Kanada auswanderte.

Die nun folgenden Jahre überstanden Familie und Geschäft glimpflich – wenn auch nicht ohne (menschlichen) Schaden zu erleiden. So war es beispielsweise nur dem energischen Einsatz köpenicker Polizisten zu verdanken, das der Laden in der Nacht vom 11. November 1938 nicht von einer wildgewordenen Horde national-verrückter Banditen in der Annahme, Schirmer sei Jude wie sein ehemaliger Kompagnon, niedergebrannt wurde. Und als der Krieg schon fast verloren war, musste der 18jährige Kurt ins Feld ziehen und an der Ostfront sein Leben für das Vaterland zum Einsatz bringen. Die Meldung über seinen Opfertod hatte die Familie bereits erreicht und man sich mit Schicksal abgefunden, als Kurt Schirmer im April 1947 wieder in der Türe seiner Eltern in Friedrichshagen stand, wohin er auf abenteuerlichen Wegen durch halb Europa wieder gefunden hatte.

Kurt Schirmer schickte sich nun an, in die Fußstapfen der Eltern zu treten und das Geschäft mit viel unterneherischen Mut nach vorne zu bringen. Und das war nicht einfach in planwirtschaftlichen Mangelzeit. Nachdem Kurt Schirmer eine kaufmännische Lehre absolviert und auch den Schneidermeistertitel erworben hatte, konnte er das immer besser gehende Geschäft Ende der 50er Jahre übernehmen und es vergrößern. Es wurde in Mode gemacht – vor allem für den gediegenen Herren. Und wer sich Schirmers Maßanzüge nicht leisten konnte, der wurde wenigsten mit dem notwendigen Assessoiree im neuen Schneidereibedarfsladen versorgt. Und um dem unterneherischen Vorankommen die Krone, nein den Hut aufzusetzen, folgte den beiden ersten Läden ein Hutgeschäft gleich um die Ecke, so zu sagen, im Haus in der Assmannstraße 48.

Kurt Schirmer holte nun auch seine im Krieg verlorene Kindheit nach, wie seine Enkel heute sagen. Schnelle Autos, flotte Boote – und gerne auch in Begleitung hübscher Damen – wurden seinen Leidenschaft. Er zeigte nach außen gerne, was seinen Erfolg ausmachte, auch wenn man familiär noch immer eher beschieden hinter dem Laden lebte, wo schon der Vater Berthold seinen kleinen Schlafraum und das Esszimmer hatte. Als Kurt Schirmer dann die Frau seines Lebens, Alice, kennen lernte, kam mit der gelernten Laborantin wieder ein starke Frau in die Firma, wo sie zum Rückhalt für Geschäft und Inhaber wurde.

In den 70er Jahren wurde es den realsozialischtischen Wirtschaftsplanern dann im wahrsten Sinne des Wortes zu bunt mit den vielen lustigen kleinen Familienbetrieben im Staate DDR. Erich Honecker, seit 1971 Erster Sekretär des Zentralkomitee der SED, der de facto Machtzentral im Staat, empfand alles, was ihm nach Kapitalisten aussah, als suspekt und abschaffungswürdig. Und so analysierter der saarländische Genosse Dachdecker haarscharf, dass unter den Bedingungen des Sozialismus aus kleinen privaten Eigentümern große Kapitalisten geworden seien, ja „zu Millionären“… Und darob verstaatlichte man in großer Aktion und kurzer Hand im Februar 1972 die meisten der bis dahin noch verbliebenen Privatbetriebe in der DDR.

Doch die Schirmers hatten wieder einmal das Glück auf ihrer Seite und entgingen der Verstaatlichung – zum Preis vieler kleiner Arrangement mit den ungeliebten Machthabern. Für aber für die Nationale Volksarmee, kurz NVA, musste man in größerem Umfang Spezialanfertigungen produzieren: Termobeutel für den frierenden Grenzsoldaten. Dafür wurden in Berlin und den umliegenden Bezirken Hunderte Heimarbeiterinnen beschäftigt. In den Friedrichshagener Läden, wo man bis in die 70iger Jahre auch ausbildete, arbeiten zeitweilig um die 20 Verkäufer, Schneider, Dekorateure und anderes Personal. Auch solches, das man gar nicht unbedingt haben wollte: Staatlich reglementiert hatte der Betreib in den 80er Jahren auch Angestellte zu beschäftigen, die sich durch die Einreichung eines „Ausreiseantrages“ dem Staat gegenüber verdächtig gemacht hatten und dafür aus ihren eingelebten sozialen Umfeldern eliminiert wurden. Bis der Staat diese Leute endlich ziehen ließ, mussten sie für geringen Lohn allerlei Arbeiten verrichten.

Aber auch diese schwierige Zeit ging vorüber und die Schirmers führten ihren Laden weiter, schneiderten modische Waren für den Herren und wagten mutig den Schritt in die „freie Marktwirtschaft“. Was nun kam ist die Geschichte vieler privater Betriebe in der sogenannten „Nachwendezeit“. Man ging nicht unter, weil man den neuen Gegebenheiten im Wortsinn nicht Rechung tragen konnte. Nein, man veränderte sich und versuchte schritt zu halten mit den großen Veränderungen in der nun so weiten Welt, versuchte mit handwerklicher Qualität und wirklichem persönlichen Kundenkontakt die Käufer bei der vielzitierten Stange zu halten. Was zunächst auch mehr recht als schlecht gelang. Als Kurt Schirmer am 01. Januar 2003 stirbt, ist vielleicht das Schicksal der Firma bereits besiegelt. In den letzten Jahren wurde der Konkurrenzdruck der Massenfertiger immer größer und auch der neue Hauseigentümer im fernen Amerika hat offenbar andere Interessen mit dem Haus in der Bölschestraße 27 als den Mieter, der hier seit nunmehr 88 Jahren zu Hause war, zu halten…

Wer in den letzten Tagen die Zeit fand, etwas aufmerksamer durch die Bölschestraße zu gehen, hat es vielleicht gesehen, das Schild im Schaufenster von Schirmers großem Laden: Unverkennbar kündigt ein „ZU VERMIETEN“ die Schließung des Geschäftes an. Damit schließt nicht nur eines der ältesten Verkaufshäuser Friedrichshagens für immer seine Türen, auch einer der ältesten privaten Gewerbebetriebe endigt heuer und mit ihm verschwindet ein Stück Handwerk zugunsten industrieller Massenware – zu erwerben in den einschlägig bekannten Konsumtempeln.

„Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ wie heißt (Pre. 3.1) und der Autor ist geneigt, hier so dick aufzutragen, wenn er daran denkt, dass mit der Schließung Schirmers eines der letzten Originale des alten Friedrichshagen verschwindet – nun jedoch mit froher Aufmerksamkeit das Neue erwartet, was uns vom Himmel oder aus Amerika in die Bölschestraße 27 gesandt wird…

Dem Artikel liegt ein Interview mit Frau Conny Schirmer und Herrn Uwe Schirmer zu Grunde, wofür sich Autor und Redaktion an dieser Stelle herzlich bedanken möchten.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“