Auswahl aus dem Chaos

Der Filmkomponist Peter Michael Gotthardt

Was verbindet die rockenden Puhdys mit dem smarten Jan Josef Liefers und diesen auf gleiche Weise mit der Brutalokapelle Knorkator und diese nun wiederum mit einer Softkombo wie Amor & die Kids? Sie alle sind nicht nur leidlich erfolgreich in ihrem jeweiligen Genre unterwegs und alle in der seit mittlerweile 20 Jahren verflossenen Arbeiter- und Bauernrepublik mehr oder minder glücklich zu dem (gemacht) geworden, was sie heute sind. Nein, sie singen alle auch die gleichen Lieder – zumindest manchmal und im Speziellen dann, wenn es darum geht, eines der berühmtesten Filmkunstwerke der verblichenen DDR zu feiern: Die Legende von Paul und Paula. So geschehen im vergangenen Jahr anlässlich einer DVD- und CD-Hommage auf den Filmklassiker mit Kultstatus.

Für Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf und Regisseur Heiner Carow, für die Schauspieler Angelica Paula Domröse und Winfried Paul Glatzeder wurde der Film schon 1973 die ganz große Nummer – und ihre Namen von nun an sehr, sehr bekannt. Bekannt wurden auch die damals noch fern der Rockerrente paukenden Puhdys. Deren Legende begann quasi mit der von Paul und Paula und mit den dort erstmals zum Besten gegebenen Songs von Liebe und Leben, mit „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“.
Bei all dem Getöse, das dabei entstand, blieb Vielen jedoch der Name des Mannes, der maßgeblich am außergewöhnlichen Erfolg von Film, Darstellern und Band beteiligt war, sozusagen den Taktstock dazu schwang, unerhört: Peter Gotthardt. Als dieser seine Noten zu besagten Titelsongs setzte, war er 32-jährig, hatte sich an der bereits damals renommierten Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin in Dirigat und Komposition, am Klavier und zur Korrepetition ausbilden lassen. Während dieser Zeit entstand seine erste Filmmusik. „Studentinnen“ hieß der Dokumentarfilm von Winfried Junge, der das Leben junger Akademikerinnen an einer Technischen Hochschule beschrieb.
Zunächst sammelte Gotthardt an der Komischen Oper in Ost-Berlin musikalische Erfahrungen als Ballettrepetitor. In dieser Zeit zählte er zweifelsohne bereits zu den auffällig begabten Jungkomponisten Ostdeutschlands. Und so nimmt es nicht Wunder, dass ihm die Möglichkeit zuteil ward, zu arrangieren und zu komponieren für Ernst Busch, einen der politischsten Sänger des roten Deutschland, den mit der markanten Reibeisenstimme. Für Busch verfasst Gotthardt später, 1971, „Sieben Stücke für großes Orchester“, wie er überhaupt die Arbeit als Komponist für klassische Orchesterbesetzung pflegt. Dabei wird es zu seinem Markenzeichen, sogenannte U- und E-Musik, also Unterhaltungs- und Ernste Musik, zusammenzuführen. Es entstehen weitere sinfonische Arbeiten, so 1981 die Kantate Nr. 1 „Geht sorgsam um mit Euren Träumen“ oder 1985 „Face to Face“, ein Stück für großes Streichorchester, Perkussion und verschiedene „Rock“-Instrumente.
Als musikalischer Leiter des kammermusikalischen „Ensemble 66“ tourt Gotthardt am Ende der 60er Jahre durch die halbe Welt, vor allem die sozialistische. Sein Können zeigt er dem Publikum aber nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in gypten und Syrien, in Dänemark und Norwegen.
Doch der Film und vor allem die Filmmusik als Medium treten zunehmend in den Fokus seines künstlerischen Schaffens. Seine erste Spielfilmmusik schreibt er für Winfried Junge, den er von seiner ersten Filmarbeit bereits kennt. „Der tapfere Schulschwänzer“ ist ein „liebenswürdiger Kinderfilm über einen träumerischen Jungen, der Verantwortung begreift, und lernt, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem entdeckungsfreudigen Träumer und einem wahren Faulpelz“. Die beiden produzieren darüber hinaus zusammen sehr erfolgreich Dokumentarfilme, deren Klangbilder aus der Feder Gotthardts stammen. Für „Elf Jahre alt“, „Mit beiden Beinen im Himmel – Begegnung mit einem Flugkapitän“, „Ich bin ein junger Pionier“, „Lebensläufe“, der von Filmhistorikern zu einem der 100 wichtigsten deutschen Filme aller Zeiten ausgewählt wurde, und zu „Drehbuch: Die Zeiten“, allesamt Teile der einzigartigen filmischen Langzeitstudie „Die Kinder von Golzow“, schreibt Gotthardt die Melodien.
Seine Musik widmet sich den Bildern und Stimmungen, ordnet sich diesen aber nicht unter. Dabei sucht der Komponist Gotthardt immer wieder auch nach eigenen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten.
Auch daher besitzt sein Name einen sehr guten, einen ausgezeichneten Klang in der ostdeutschen Filmgeschichte, verbindet sich mit Filmen, die bis heute ihr Publikum finden. Zu denen gehören Herrmann Zschoches „Sieben Sommersprossen“ und die „Insel der Schwäne“ – beides einfühlsame Filme, die den schwierigen Weg junger Menschen vom Kind zum Erwachsenen beschreiben.
Auf seinen künstlerischen Wegen trifft der Filmkomponist Peter Gotthardt immer wieder auch auf den Regisseur Heiner Carow. Ihr erstes Rendezvous im Jahre 1967 verheißt etwas unromantisch: „Die Russen kommen“ und wird auch gleich einmal von den Spielplänen der ostdeutschen Kinoprogramme genommen. Der Streifen erzählt eine bedrückende Geschichte aus den Tagen des untergehenden Dritten Reiches, über Jugend, Träume, Irrungen und Neuanfang. Auf die Leinwände darf das Stück erst Ende der 1980er Jahre.
Bis dahin hat Peter Gotthardt mit Heiner Carow dann aber nicht nur die hier und ansonsten auch viel beschriebene „Legende von Paul und Paula“ erarbeitet, die im brigen im Jahre 2005 vom Museum of Modern Art New York für eine DEFA-Filmretrospektive ausgewählt wurde und der somit eine künstlerische Weihe der besonderen Art zuteil wurde. Mit dem Jugendfilm „Ikarus“ (1975), für den Gotthardt auch Texte Bettina Wegners, eingesungen vom Dresdner Kreuzchor, vertont und dem realsozialistischen Gesellschaftsdrama „Bis daß der Tod euch scheidet“, das Spielfilmdebüt der damals 22-jährigen Katrin Saß, gelingt dem Gespann unter der Filmregie von Carow weiterhin Bemerkenswertes.
Abgesehen von einem einjährigen Intermezzo als Leiter der Schauspielmusik am Volkstheater Rostock im Jahre 1976 war Peter Gotthardt seit dieser Zeit freiberuflich tätig. Er komponierte zahlreiche Hörspiel- und Schauspielmusiken, so für eine Aufführung von Rolf Hochhuths „Lysistrate und die Nato“. „Komponieren ist eine Auswahl aus dem Chaos“, sagt er.

Von dem hielt seine Lebenszeit zwar Einiges an Anschauungsmaterial für ihn bereit, doch die großen Umbrüche des Jahres 1990 taten der Schaffensfreude des Komponisten keinen Abbruch. Im Gegenteil: 1991 entstehen der orchestrale „Hymnus an das Insulin“ und sein Verlagshaus Gotthardt. Hier werden nun seine eigenen Werke druckgelegt, Tonträger produziert und Theaterstücke herausgegeben.
Peter Gotthardt produziert nun eigene Filme und begleitet als passionierter Pianist und Kineast am Berliner „Zeughaus-Kino“ manchen Stummfilmklassiker. Wie bei vielem, das er anpackt, bleibt ihm der Erfolg treu. Für sein filmkompositorisches Schaffen hatte er bereits 1985 den Kunstpreis der DDR erhalten – und nun, 1991, dekorierte ihn die Stadt Berlin mit dem Ernst-Reuter-Preis für sein Originaltonhörspiel „Ich schlage vor, den Beifall kurz zu halten“.
Eine besondere Hommage an das Werk und den Menschen Peter Gotthardt stellt das in diesen Tagen im Adlershofer APHAIA Verlag erscheinende Buch „Mitunter fällt mir etwas ein“ dar. Wer mehr zu den über 500 Filmmusiken, auch etwas zu einer Gotthardt-Oper, zu Schauspiel-, Ballett- und Theatermusiken, Chansons und Songs des Komponisten erfahren mag, ist hier und bei den Veranstaltungen anlässlich des 25. Verlagsjubiläums gut aufgehoben, wobei es fraglich ist, ob der Beifall dann kurzgehalten werden kann.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“