mueggelschlossZwischen Dahme und Spree liegt das Müggelland. Wo bis vor einigen hundert Jahren Schmelzwässer der letzten Eiszeit noch die Senken zwischen den Dünenzügen der Pütt- und Kranichberge füllten und sich am Fuße des Endmoränenzuges die Müggelberge und die Gosener Berge bildeten, Wilde und Ödnis befand, breiten sich heute großflächig und mittlerweile ineinander übergehend die Köpenicker Ortsteile Müggelheim, Rahnsdorf und Friedrichshagen aus.

In ihrer Mitte liegt das vermeintlich bekannteste Relikt eiszeitlicher Landschaftsarchitektur: der Müggelsee. Er ist der größte unter den Berliner Seen und würde es in einer Flächenrangliste mit seinen 7,4 km2 der märkischen Gewässer auf Rang acht bringen. Seine Ufer sind altes Siedlungsland. Bereits in grauer Vorzeit, wie die Archäologen nachzuweisen wissen, gingen steinzeitliche Jäger hier auf Fischfang und Jagd. Im „Codex diplomaticus Brandenburgensis“, einer Sammlung von Urkunden, Chroniken und sonstigen Quellen über die Geschichte der Mark Brandenburg, befindet sich ein Dokument aus dem Jahre 1394, indem das Müggelland erstmals ins Licht der (geschriebenen) Geschichte tritt.

Und bei so viel bedeutsamer Einleitung darf nicht verhehlt werden, dass es das Müggelland und vor allem der See, man möchte beinahe sagen: natürlich, auch zu literarischem Nachruhm gebracht haben. Denn kein Geringerer als Theodor Fontane widmete dem See in seinen opulenten „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ drei ausführliche Seiten, worin es unter anderem heißt: „Die Spree, sobald sie sich angesichts der Müggelberge befindet, bildet ein weites Wasserbecken: den Müggelsee, der mit zu den größten und schönsten unter den märkischen Seen zählt.“ Welch Lob aus berufenem Munde! Und ohne sich groß mit historischem Schnicknack, wie wir anfangs, aufzuhalten, kommt der Altmeister märkischer Erzählkunst zu den wesentlichen Dingen: zur Restauration des Gemüts an gastronomischem Ort:

„Am Müggelsee selber, den nichts wie Sandstreifen und ansteigende Fichtenwaldungen einfassen, erhebt sich ein einziges Haus: die Müggelbude. Auf einer vorspringenden Sanddüne gelegen, die sich vom Westufer aus in die Müggel hinein erstreckt, ist sie der geeignetste Punkt, um den See und seine Ufer zu überblicken ist Leuchtturm, Fischerwohnung und Fährhaus zugleich, aber vor allem ist sie doch Gasthaus.“ Womit wir beim eigentlichen Thema endlich angekommen wären: unserem Müggelschlößchen. Die profane Bezeichnung „Bude“ konnte geltend gemacht werden für jene an dieser Stelle 1652 erstmals urkundlich bekannt gewordene Fischerhütte, die im Laufe der Zeit mehr und mehr begann, über ihren eigentlichen Zweck hinaus den eines Gasthauses anzunehmen. Fontane, der jeweils in den Herbsttagen der Jahre 1860 und 1861 hier weilte, attestierte ein „Gasthaus erster Klasse“ und bekennt: „Es freut das Herz, so an der Müggel zu sitzen und die leise Musik von Wald und Wasser um sich her, die Stunden zu verträumen.“ Mit der Beschaulichkeit war es bald danach vorbei. Als 1872 Hermann Schäfer – damaliger Besitzer jener bis heute für Friedrichshagen markanten Gerstensaftproduktionsstätte – die seiner Brauerei gegenüberliegende Landzunge käuflich erwarb, begann die Erfolgsgeschichte eines der beliebtesten – und größten Berliner Ausflugslokale. Am 15. Mai 1873 öffnete das „Müggelschlößchen“ seine Tore und hielt Platz für über 5000 Gäste. Allein der große Festsaal konnte 1000 Tänzer und Tänzerinnen, durstige Wanderer und vergnügungssüchtige Touristen aufnehmen. Die Anlage war multifunktional, wie man heute sagen würde: Restaurant, Wintergarten, zwei Kegelbahnen, Abortanlagen und Ställe für Kleinvieh, Ab- und Unterstellflächen und zur Krönung: ein Schießstand (sic!). Für reichlich Abwechslung war demnach gesorgt.

Ein eigener Eiskeller sicherte die Frische von Speisen und Getränken. Und wem die Dallerei hier zuviel wurde, der konnte sich beim hauseigenen Bootsverleih bedienen und auf die Weiten des Müggelsees entgleiten. Das Geschäft lief gut und man wollte nicht nur am Tage Geld verdienen, sondern auch bei Nacht. Und so wurde das Müggelschlößchen zum „Etablissement“, was nicht mehr bedeutete, als dass es auch wieder zur Herberge wurde. Denn „muß es hier ein wunderbares Schlafen sein, wenn in Winternächten die glitzernden Sterne durch die halbhandbreiten Ritzen in dies Schlafgemach hineinblicken“, wie Fontane befand. Wie ausbaufähig das Geschäft noch war, bedeutet die Eröffnung der Badeanstalt „Der Teppich“ in direkter Nachbarschaft zum Müggelschlößchen. Das war 1901. Um von Friedrichshagen dorthin zu gelangen, musste man sich aber noch immer mit der Fähre übersetzen lassen, wollte man den kilometerlangen Weg bis nach Köpenick und retour entlang der Spree sparen (denn weder ein „Allende- Viertel“ noch eine Brücke an heutiger Stelle gab es). Und so war es ein Gewinn, der einzig den Fährmann außen vorgelassen haben mag, als 1927 der Spreetunnel festlich eingeweiht wurde und es nun einen schnellen Weg vom damals beinahe mondänen Friedrichshagen zum Müggelschlößchen gab. Der Ort erlebte in den kommenden Jahren noch so manches Fest. Als 1932 das Flugschiff DO-X D-1929 auf dem Müggelsee landete, waren es mehr als 100.000 Besucher, die hier einkehrten.

Im April 1945 wurde in wenigen Minuten ausgelöscht, was lange Zeit einer der beliebtesten Erholungsorte der Berliner war, als englische Bomber ihre Fracht am Müggelsee entluden. Später fehlte es an Geld und Willen, den Ort neu zu beleben. Wo heute Krähen in mittlerweile stattlichen Bäumen nisten, findet der aufmerksame Besucher neben mit Laubwerk überwachsenen Trümmerhügeln noch die Mauerreste der Terrasse und es erinnert die Zufahrtsstraße, der Müggelschlößchenweg, an den einstigen Vergnügungsort am Müggelsee. Und an manchen Abenden kann man wieder etwas von jener Stille ahnen, die der Dichter hier fand, wenn „die Sonne sinkt und das Bild gewinnt mehr und mehr Gewalt über uns und spinnt uns in den alten Müggelzauber ein“.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“