Die Schauspielerin Annekathrin Bürger
„Die ist zu klein und sächselt.“ Kann das erotisch sein? Zumindest funktioniert es erst einmal im alliiert-geteilten Berlin vor dem Mauerbau. HO-Warenhausverkäuferin Uschi liebt Hans, den Autoschlosser aus Westberlin. Mit dem Traum von der großen Welt im Gepäck landet Uschi dort auch, will Mannequin werden. Doch der eisige Wind des Kapitalismus verweht alle Träume und Uschi wieder in die Arme von Eltern und sozialis-tischer Menschengemeinschaft.

Gerhard Klein, dem Regisseur dieser „Berliner Romanze“ anno 1955, hat das deutsche Leinwand- und Fernsehpublikum seine Dankbarkeit zu erweisen, mit seinem Schattensprung über fehlendes Körpermaß und mangelndes Hochdeutsch eine der begabtesten Schauspielrinnen für den deutschen Film gefunden zu haben.

Voraussetzungen brachte das Mädchen mit. Am Kudamm in Charlottenburg wurde sie geboren, die Ufa saß in Person des Vaters bereits an ihrer Wiege. Der war Zeichner in der legendären Kinotraumfabrik, Hauptphasenzeichner um genau zu sein beim UFA-Trickfilmstudio, hieß Heinz Rammelt. Seine Zeichnungen von Tieren werden später viele Kinderbücher in der DDR schmücken, seine Illustrationen in jeder bedeutenden Zeitschrift zu finden sein. Auch die Großmutter gehört zur künstlerischen Besetzung der Familie, ist Malerin, Kunstsammlerin und Restauratorin. Nicht zuletzt ist die Mutter des Mädchens Annekathrin Tänzerin der Berliner Volksoper. Eine vielbeschäftigte Familie.

Die Ehe der Eltern zerbricht. Es folgen die Wirren der Kriegszeit, Jahre bei Zieheltern und im Kinderheim. In Hornhausen bei Oschersleben in Sachsen wächst Annekathrin heran, besucht dort die Schule und merkt, dass es sie zum Theater zieht. Einer Ausbildung als Gebrauchsgrafikerin im HO-Atelier Bernburg folgt die Weiterbildung zur Bühnenbild-Assistentin und Requisiteurin. Da arbeitet sie bereits am Theater in Bernburg, im Malsaal. Hier am Theater verteilt Annekathrin Rammelt auch schon mal an die Schauspieler die Requisiten und steht zum ersten Mal selbst im Kostüm auf der Bühne und vorm Publikum, noch als Statistin. „Schwarzwaldmädel“ heißt die Operette, die ihr Premierenstück ist. Nun möchte sie der Leidenschaft das handwerkliche Rüstzeug geben. An der Schauspielschule in Berlin Schöneweide spricht sie vor, deklamiert – natürlich – das Gretchen; mit richtigen Tränen. Die Juroren befinden Annekathrin als zu leicht. Vorerst also kein Superstar

Das besorgte dann jener Herr Klein, von dem wir bereits hörten. Der behauptete später, Annekathrin für die Rolle der Uschi unter 14.000 gecastet zu haben, nachdem er sie in dem DEFA-Kurzstreifen „Gebirge und Meer“ gesehen hatte. Neben dem ersten Hauptrollenengagement gab Herr Klein der 18-Jährigen den im Nachhinein wohl nicht ganz zu unterschätzenden Rat, sich schnellstens den Namens ihrer Großmutter anzueignen. Und so wurde aus Annekathrin Rammelt jene Annekathrin Bürger, die nun seit über 50 Jahren (sic!) ein Millionenpublikum mit ihrer Schauspielkunst zu faszinieren weiß.

Nun nimmt sich auch die „Hochschule für Film und Fernsehen“ in Potsdam-Babelsberg ihrer an und bildet sie drei Jahre lang zur Schauspielerin aus. Mit welchen Erfolg! Prompt folgt ein zweijähriger Vertrag bei der DEFA. Der wird allerdings nach einem Jahr gelöst, weil die Bürger 1959 zu den Gralshütern deutscher Schauspielkunst, ans Deutsche Theater nach Berlin wechselt. Bald verschlägt es die junge Schauspielerin aber in die Provinz, denn auch dort fördert der Staat zentral organisiert die hohe Kunst. Das Senftenberger Theater war „das Beste, was mir passieren konnte“, wird sie später sagen. Hier wird die Temperamentvolle erzogen zur Schauspielerin. Die DEFA engagiert die junge Künstlerin nun mit steter Regelmäßigkeit. „Spur in die Nacht“, „Tilman Riemenschneider“ und immer wieder die Liebe: „Verwirrung der Liebe“ und „Septemberliebe“ – die Bürger ist eine begehrte Frau geworden. Das Publikum dankt ihr, die Leser des Jugendmagazins der DEFA wählen sie 1960 zum Publikumsliebling.

Bei ihrer Rückkehr nach Berlin gastiert sie am Gorki-Theater und ist 1963 erstmals an der Volksbühne zu erleben, wo sie nun für mehr als 40 Jahre ihre „Theaterheimat“ findet.

Sie arbeitet mit den Ersten des Faches zusammen. Frank Bayer dreht um 1962 die „Königskinder“; der Film wird zu einem der Höhepunkte ihres filmischen Schaffens. Vor der Kamera steht sie mit Armin Mueller-Stahl und Manfred Krug. Diese beiden und der Kameramann des Streifen, Günter Marczinkowski, werden über ein gutes Jahrzehnt später in die Bundesrepublik übergesiedelt sein. Denn die nach außen so heile Welt des DDR-Sozialismus ist in sich krank. Das ahnt auch Annekathrin Bürger – vielleicht. Zumindest begegnet sie offensichtlichem Unsinn, sichtbarem Unrecht mit Anstand, mit Haltung. Mit „Hostess“ kommt im Februar 1972 einer der Filme ins Kino, der das Bild der Schauspielerin Bürger wie kaum ein anderer prägte. Sie ist ein gefeierter Filmstar, als Wolf Biermann ausgebürgert wird. Die Bürger jedoch ging nicht, wie viele ihrer Kollegen. Sie blieb. Aber sie blieb nicht gleichgültig. Sie machte den Mund auf, kämpfte, schrieb – welch ein Affront zu damaliger Zeit – einen Brief an den Staatsratsvorsitzenden, die Allmacht der SED, an Erich Honecker, stemmte sich gegen den Abriss des alten Bürgerhauses in Dresdens Große Meißner Straße 15, engagierte sich für den Erhalt des Gründerzeit-Museums von Charlotte von Mahlsdorf.

Trotzdem kann Annekathrin Bürger weiter Theater spielen, wird für Filme der DEFA und im Fernsehen besetzt, spielt wie einst 1965 in der Fallada-Adaption „Wolf unter Wölfen“ nach literarischen Vorlagen oder paradiert in Gegenwartsstücken wie dem Polizeiruf „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“.

Hinter und vor der Kamera arbeitet sie mit Rolf Römer zusammen, Regisseur der „Hostess“, dem DEFA-Publikum aber besser bekannt als Westernmime in „Die Söhne der großen Bärin“. Mit ihm dreht sie nicht nur die Filme, mit ihm ist sie auch in zweiter Ehe verheiratet. Beide erleben sie die Turbulenzen der sogenannten Wendejahre. Wo die Bürger schnell einen neuen Platz im bundesdeutschen Filmbusiness findet, hat Römer es schwerer. Aber sie arbeiten – nicht nur auf Bühne und am Set –, engagieren sich, gründen gemeinsam den Verein „Kinder vom Don“, der russische Waisenkinder unterstützt.

Die Zuschauer der ARD lernen Anne-kathrin Bürger spätestens 1991 kennen. Da wird mit großem Erfolg der letzte Film des DFF der DDR ausgestrahlt: „Der Rest, der bleibt“. Und geblieben ist wieder die Bürger, ihre Filmographie ohne Lücke fortgeschrieben.

Als „Tante Gisela“ trat sie „Für Elise“ in diesem Jahr vor die Kamera, sie singt ihrem Publikum Brecht-Lieder und liest Erotisches zu deutscher Küche in Friedrichshagen. Und der Autor dieser Zeilen möchte darüber beinahe weinen, weinen über die kleinen Maulbeerblätter, die zu füllen mit so erzählenswerten Geschichten dieser Frau vieler mehr es bedürfte, um der Annekathrin Bürger gerecht zu werden.

Nicht daher, aber vielleicht weil es bei ihren alten Kollegen derzeit etwas in Mode oder einfach weil es für sie nun doch auch an der rechten Zeit ist, hat die Bürger Zwischenbilanz gezogen, eine Beschreibung ihres Lebens aus eigener Sicht veröffentlicht. Wer nachlesen will, wie sie in ihrem Haus in Köpenick mit Ehemann Rolf Römer lebte, wer mehr erfahren will über ihre Zusammenarbeit mit Kurt Maetzig in „Schlösser und Katen“ und über einen Termin bei Margot Honecker, dem öffnet sich der Vorhang auf 424 Seiten mit Witz und Charme, einer Menge an Verstand für die Welt und mit wahrer weiblicher Lebendigkeit.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“