100 Jahre Luise

Es gehört wohl eher nicht zu den gewöhnlichen Gegebenheiten, dass eine Restauration, eine Gastronomie oder eben ein Caféhaus auf die Geschichte von über hundert Jahren zurückblicken kann. Lutter und Wegner in Berlin seit 1811 oder Le Procope in Paris gar schon seit dem Jahre 1686 bilden eher die glorreichen Ausnahmen der Zunft. Aber auch Köpenick, selbst ja bis 1920 eine eigenständige märkische Stadtgemeinde, hat so seine kulinarischen Traditionen, auch wenn man dabei den interpretatorischen Blickwinkel nicht zu eng halten sollte. Wer diese Tradition nun finden und begutachten möchte, ist herzlich willkommen im „Luise – Bistro und Restaurant“, Alt Köpenick 20. Schräg gegenüber jenem Ort, der die Kulisse für Köpenicks (kriminalgeschichtlichen) Weltruhm gab, vis vis des Rathauses also befindet sich in der ehemaligen Schloßstraße 18 das Haus der Familie Martin. Dorthin verlegte der erfolgreiche Meister Martin laut Anzeige im Cöpenicker Dampfboot vom 5. April 1909 seine „Rind- und Schweineschlächterei“, die er am 6. April 1909 eröffnete. Seit einigen Jahren erkennt man wieder die einstige Schönheit des späten Jugendstilbaus in prominenter Innenstadtlage.

Im heutigen Bistro selbst sind es die Bodenfliesen, die noch original aus dem Baujahr 1908 stammen. Und ein Ring im Boden des jetzigen Tresenraums zeugt noch vom blutigen Handwerk des Ortes: In Erwartung des Metzgers waren hier Rind und Schwein gebunden, um als Delikatesse zubereitet auf den Tellern der Köpenicker zu landen. Diese eher grundlagengebende kulinarische Tradition des Hauses wurde auch in DDRZeiten fortgeführt, als sich hier ein Geschäft der staatlichen HO (Handelsorganisation) befand.

Die höheren gastronomischen Weihen erhielt der Ort dann endlich im Jahr 2007, als das ehemalige Fleischereigeschäft zum Restaurant „Luise“ wurde. Den Namen des Lokals gab der benachbarte Park, von manchem sehr profan Grünanlage genannt. Diese wurde als erste öffentliche ihrer Art in Köpenick im Jahr 1906 eingeweiht. Der „Luisenhain“ ist eine Referenz seines Stifters, des Kaufmanns Otto Asseburg, an dessen Gattin mit dem traditionsbewusst preußischen Namen Luise. Der Ort, wo sich die heutige „Luise“ befindet, ist im wahrsten Wortsinn rundum ein historischer. Nicht nur das älteste bis heute auf dem Boden Berlins ausgegrabene mittelalterliche Haus befand sich auf dem gegenüberliegenden Grundstück. Der Boden selbst, auf dem das heutige Gebäude steht, kann auf eine Bebauung bis in das Jahr 1645 zurückblicken. Hier gingen Tuchmacher-, Schuhmacher- und Riemenmeister ihrem Handwerk nach. Und auch – um nun wieder zur gastronomischen Tradition den Bogen zu schlagen – ein Gastwirt namens Karl Rettcher labte hier schon 1857 mit Speis und Trank Reisende und Heimische.

Wer sich heute dem Wirte anvertraut, den erwarten Gerichte (Speisen!) der eher bodenständigen Art, wie man sie traditionell in der Mark seit jeher bevorzugte.

So startet mit dem „Roastbeef vom Mastochsen“ das „Luisen- Menue“, und Brathering, Rollmops und Co. bürgen für das echte „Berliner Buffet“. So lohnt sich, wieder einmal mit wachen Augen durch Köpenick zu streifen und Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden: lernen und speisen!

 


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“