beant

Kürzlich habe ich meinen 5-jährigen Sohn gefragt, ob er mir bei einer verzwickten Frage helfen kann: Sind es wir, die alles entscheiden, oder ist alles schon für uns entschieden?
Entschieden(!) vertrat er, von seiner jüngeren Schwester unterstützt, die Ansicht, Gott (!) würde alles entscheiden. „Warum?“ hab ich ihn gefragt: „Weil er uns gemacht hat und wenn er uns gemacht hat, dann entscheidet er auch.“
Da wir gerade beim Abendbrot saßen, fragte ich ihn, ob Gott auch entscheide, wann er satt sei? „Ja“, hat er gesagt. „Und wenn du dann trotzdem weiter isst, entscheidet das dann auch Gott?“ „Nein, das entscheide ich.“ „Wieso?“ „Ich möchte ja auch mal was entscheiden.“
Ich fand diese kleine Unterhaltung bemerkenswert, zeugt sie doch von einem intuitiven Zugang zu einer der großen Fragen des menschlichen Daseins: Gibt es einen freien Willen oder ist alles vorherbestimmt/schon entschieden?
Seit Menschengedenken arbeiten sich Generationen von Philosophen, Denkern, Wissenschaftlern und religiöse Ausrichtungen an dieser Frage ab. Niemand hat bisher eine allseits befriedigende Lösung gefunden.
Vielleicht sollten wir mal öfter unsere Kinder fragen. Im Westen gab es vor vielen Jahren ein Kinder-TV-Quiz mit Namen „1,2 oder 3“. Der Titelsong ging so: „1, 2 oder 3, du musst dich entscheiden, drei Felder sind frei: Plopp! Plopp! Das heißt Stopp! Und noch einen Hopp!, dann bist du dabei.“ Und dann weiter: „Ob du recht hast oder nicht, das sagt dir gleich das Licht!“
Ich weiß nicht, ob der Autor dieses Reims sich in seiner unter Umständen kindlichen Unbedarftheit bewusst war, dass er damit eine Aussage von erheblichem philosophischem und lebenspraktischem Wert geschaffen hat: Bedeutet es doch, wenn wir das Leben mal als ein großes Fragen-Antworten-Spiel betrachten, dass wir uns „entscheiden müssen“, zugleich jedoch die „richtige“ Entscheidung „vom Licht“ schon getroffen worden ist. Vielleicht ist das Leben ja ein ko(s)misches Quiz, in dem wir das Spiel spielen, die „Wählenden“ zu sein. Indem wir „richtig“ und „falsch“ suchen und finden, können wir nämlich, so wie mein Sohn vorschlägt, wenigstens etwas entscheiden. Wenn wir dann schließlich das Spiel zur Gänze gespielt und die Spielregeln durchschaut haben, erkennen wir vielleicht, das wir nie wirklich gewählt haben, dass alles für uns „genau so“ schon „arrangiert“ war.
Paradoxerweise wurde uns das gerade dadurch bewusst, indem wir das Spiel des „1,2 oder 3“ gespielt haben.
Vielleicht verhält es sich mit uns wie mit einem Pfeil, der die Sehne seines Bogens verlassen hat: Ziel und die Flugbahn sind mit dem Moment des Abschusses vorherbestimmt. Nun pflegen Pfeile sich nicht darüber zu beschweren, in welche Richtung sie abgeschossen werden. Menschen schon: „Schneller!“ „Höher!“ „Weiter als der da drüben!“ Währenddessen zischen wir pfeilgleich weiter und haben vor lauter Beschwerde und Vergleich ganz vergessen, den Flug zu genießen.
Wie wäre es, wenn wir uns genau hier „wirklich“ entscheiden könnten, nämlich unserer Flugbahn zuzustimmen oder uns gegen sie zu wehren. Vielleicht ist dies ja ein „Stopp“ (in unserem Denken) wert – und wer weiß, ob wir dann nicht auch „dabei sind“ wenn wir es auch noch wagen einen „Hopp!“ zu machen, wenn das Licht die Antwort gibt.
Habe ich das jetzt geschrieben oder war das alles schon vorherbestimmt? Vielleicht sollte ich einfach nicht mehr drüber nachdenken.
Ach, wie ich doch meinen Sohn beneide.