
Längst sind auch große Häuser in der Aufmerksamkeitsökonomie angekommen und versuchen verzweifelt mitzuhalten. Wie den Machern das Spektakel aus den Händen glitt, konnte man schon ein paar Tage nach der Eröffnung des Planschbeckens beobachten: Erst musste man wegen kaputter Duschen schließen und dann in derselben Woche einen Badetag absagen, weil man unbedingt Kapital aus der Meldung schlagen wollte, dass man das Pop-up-Bad in einer Kooperation mit dem Verein Each One Teach One (EOTO e. V.) exklusiv nur für Schwarze Communities öffnen wollte. Wenn Theater jedoch nur noch dann relevant ist, wenn es nach den Gesetzen des Aufmerksamkeitsmarktes handelt, macht es sich selbst bald überflüssig.
Nun, während Lilienthal in Mitte öffentlichkeitswirksam 300.000 € versenkt hat, kämpfen andere, besonders freie Theater, ums nackte Überleben – beispielsweise das Theater Ost in Adlershof. Kathrin Schülein hatte hier 2008 für ihre Ballett-Company Räume angemietet und dann 2015 das Theater Ost gegründet und beschlossen, hier im Studio 5 der ehemaligen DDR-Fernsehanstalt Theater zu spielen und sich thematisch der Ostdeutschen Geschichte zu widmen. Um das denkmalgeschützte Gebäude in eigenen Besitz zu bringen, fehlten dem Theater die Mittel, und so kam es 2021 zu einer unerwarteten Übergabe per Erbbaurecht an einen Westinvestor. Geschichte wiederholt sich. Die aktuellen Vorgänge sind identisch mit denen Anfang der 90er und den Praktiken der Treuhandanstalt im Osten des Landes. Der Erbbaupächter Stefan Klingenberg, offenbar ein windiger Wiedergänger jener Zeit, versucht mit allen Mitteln, die Theatermacher rauszudrängen, um an gleicher Stelle ein Obdachlosenheim zu errichten.
Für die Künstlerische Leiterin des Hauses, Kathrin Schülein, ihre Mitstreiter, Künstler und Unterstützer ist klar: Sie werden das nicht widerstandslos hinnehmen, im Gegenteil. Kunst ist Waffe – die Erhaltung des Hauses muss gelingen, wendete sich Schülein in einer kurzen Ansprache direkt an das Publikum und gab sich entschlossen, kämpferisch.
Holger Friedrich, ehemaliger Geschäftsführer und seit Juli Aufsichtsrat der Ostdeutschen Medienholding, tritt als einer der engagiertesten Unterstützer des Theater Ost auf. Aus aktuellem Anlass – die Zwangsräumung des Theaters war für den 24.08.26 angekündigt – hatte Friedrich den Bundesvorsitzenden der FDP, Wolfgang Kubicki, kurzfristig in sein neues Talkformat PERSPEKTIVWECHSEL eingeladen. Das Publikum kam in Scharen, darunter auch viele prominente DDR-Künstler – Gisella Oechelhäuser, Petra Kelling, Lina Wendel, um nur ein paar zu nennen. Ich saß direkt neben Alejandro Quintana, den ich seit den 90er Jahren vom Volkstheater Rostock kenne, wo er als Schauspieldirektor sensationelle Inszenierungen ablieferte und das Rostocker Publikum regelmäßig in Extase versetzte – in Rostock!
„Man hüte sich vor Krautsalat und der SPD im Baustadtrat.“
Dem Berliner Theaterhaus ebenfalls treu verbunden ist Hans-Eckhardt Wenzel, die Inkarnation ostdeutscher Liedermacherei hatte, wie man es von ihm kennt und erwartet, reichlich Spott im Gepäck: „Man hüte sich vor Krautsalat und der SPD im Baustadtrat.“ Nur in Deutschland gebe es ein Wort wie VERARSCHEN, keine andere Nation käme auf die Idee, ein Substantiv mit einem Präfix zu verbinden. Am Klavier begleitete er sich zur Einstimmung mit Bachs Abendgebet, „Erhöret mich in diesem Jammertale.“ Besser hätte ein Abend wie dieser nicht beginnen können.
Friedrich und sein Gast Wolfgang Kubicki kamen sehr schnell auf den Punkt und führten ihr Gespräch um zentrale, gesellschaftlich relevante Themen. Während wir einst stolz auf unsere sportlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen waren, würden heute Leistungen und Leistungsträger unter Generalverdacht stehen. Die Bürger haben das Vertrauen in den Staat, in seine Problemlösungskompetenz, verloren. Alle Bereiche seien von dem Gedanken durchdrungen, dass nur das, was man selbst für richtig hält, existieren dürfe und demzufolge alles andere eben falsch sei. Zu oft würden Gleichheit und Gerechtigkeit verwechselt, was ein Klima der Angst erzeuge, in dem zu viele Menschen ohne Rückgrat agieren.
Friedrich agierte mit Klugheit und Bedacht – was professionellen Talkmastern selten gelingt, er schaffte es, den ganzen Abend den Debattenraum offenzuhalten, gerade bei Kontroversen. Kubicki sprach gewohnt pointiert und mit viel Sachverstand. Sehr zum Erstaunen und zur Heiterkeit des Publikums gab er unumwunden zu, vom Osten bis 1990 keinerlei Ahnung gehabt zu haben, nicht einmal Interesse. Trotzdem habe er bei der Nachricht der Grenzöffnung von 1989 Tränen in den Augen gehabt und sei dann mit Bierfässern beladen an die innerdeutsche Grenze gefahren, um die Freiheit mit den Ossis zu feiern. Vor der Pause fasste Friedrich die Debatte in einem Bild zusammen: Wir laufen in die falsche Richtung.
Das Publikum applaudierte zwischendurch spontan und kräftig, geriet auch nach der Pause immer wieder in glaubhafte Erregung, besonders bei Kubickis Einordnung des Ukrainekrieges und der Frage, ob Deutschland nicht eine führende Rolle bei Friedensvermittlungen einnehmen sollte. Es scheint inzwischen Zeitgeist, dass jüngere Menschen den älteren absprechen, eine Zukunft zu haben, und deshalb bei Wahlen auch darüber nicht abstimmen sollten. Nach diesem Abend muss ich dem besonders heftig widersprechen. Hier war ein Interesse und Lebendigkeit zu spüren, die mich an meiner selbstgewählten Rolle als Theater-Grinch zweifeln ließ.
In einem Gespräch, das ich nach der Veranstaltung mit Kathrin Schülein führen konnte, betonte sie noch einmal die Wichtigkeit von künstlerischer Arbeit in einem ideologiefreien Raum. Dafür stehe und kämpfe sie. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spaltung und vor dem Hintergrund internationaler Konflikte, wie beispielsweise des Russland-Ukraine-Krieges, kann Kunst einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten.
Das Theater Ost hat gestern mindestens einen neuen Zuschauer gewonnen.
