IMG_3791Die Gerüchteküche brodelt: Das legendäre ABC Rocks wurde umsonst der Sparpolitik des Bezirkes geopfert. Statt beim Liegenschaftsfonds befinde sich das Gelände in begehrter grüner Lage noch immer im Bezirksvermögen – und kostet den Bezirk Geld. Das stimmt. Und doch sind die Dinge komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

ABC – drei Buchstaben, die bei Generationen von Köpenickern sofort Erinnerungen und Emotionen wecken. Nicht an die Schule, sondern an den Ort, der nach einem langen Schultag für unzählige Kinder, Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene zum zweiten Zuhause wurde: der Arthur Becker Club in der Hirschgartenstraße 14. Hier, mitten im Grünen an der Erpe, tobte jahrzehntelang das Leben. Hier wurde Theater gemacht, getanzt, gesungen, wurden Gitarren und Schlagzeuge hart rangenommen, Fingerkuppen und Trommelfelle malträtiert. Hier probten und begeisterten zahlreiche Bands ihr Publikum. Unter ihnen solche, die heute weit weit über Köpenick hinaus bekannt sind wie die Puhdys, Knorkator und Bell Book & Candle.

Großzügig unterstützt vom Bezirk konnte sich das riesengroße Haus mit den beiden Gärten am Ende der Seelenbinderstraße zu einem Hort echter Kreativität und Lebenslust entwickeln. Hier war für alle Platz: die kleinen Ballett-Mädchen, die gepiercten Punks, die Fangruppen von Union, die tanzfreudigen Menschen mit Behinderungen. Mehr als 60 Jahre lang war der ABC the place to be…der Ort, an dem Talente entdeckt, Herzen erobert und gebrochen wurden. Ein Refugium für die Jugend, in dem gelernt, geschwitzt, geknutscht und gerockt wurde. Der Club hieß nicht umsonst „ABC Rocks“. Eine Legende. Die Legende lebt weiter, doch den Club gibt es nicht mehr. Seit zweieinhalb Jahren liegt das Gelände nun schon im Dornröschenschlaf. Grund genug für das Maulbeerblatt nachzuforschen, wie es mit der Immobilie weitergehen soll. Aber zunächst ein Blick zurück:

Dass Berlin sexy, aber arm ist, bekam der Bezirk Köpenick schon vor Jahren zu spüren. Die Gelder vom Senat reichten nicht mehr, um die Jugendarbeit wie gehabt fortzusetzen. Nach Angaben des damaligen Jugendstadtrates Gernot Klemm (Die LINKE) fehlten 2011/2012 dafür rund 1,2 Millionen Euro. Etwa 270.000 Euro jährlich betrugen die Betriebs- und Personalkosten für das ABC Rocks – zu viel im Vergleich zu den Kosten anderer Einrichtungen. Das Jugendamt erarbeitete im Frühjahr 2012 ein Konsolidierungsrezept. Alle Standorte und Projekte sollten auf den Prüfstand. Das Ziel: Etwa 740.000 Euro sparen und durch Neustrukturierungen (z.B. Abgabe an freie Träger) trotzdem so viele Angebote wie möglich für die Jugend(sozial)arbeit erhalten.

Das Unvorstellbare stand im Raum: Würde kein zahlungskräftiger freier Träger gefunden, müsste das ABC Rocks schließen. Dagegen machten zahlreiche Fans des Clubs unter Federführung der Initiative „ABC Rocks erhalten“ monatelang mobil. Um Geld zu sammeln organisierten sie Feste und Konzerte. Mitglieder der Puhdys und auch Bell, Book&Candle traten auf. Fieberhaft erarbeiten die Initiatoren Vorschläge, um die Schließungspläne abzuwenden. Mehrfach zogen Jugendliche demonstrierend durch den Bezirk. Zwei Aktivisten stürmten schließlich mit Flugblättern und Konfetti „bewaffnet“ die BVVSitzung. Sie waren nicht die einzigen, die gegen die massiven Kürzungen im Jugendbereich protestierten. Die Stimmung war angeheizt, die Bezirkspolitiker riefen die Polizei.

Genützt hat das bekanntlich alles nichts. Die BVV beschloss den von Stadtrat Klemm vorgelegten Konsolidierungsplan. Dieser bedauerte die Schließung zwar („Es tut mir im Herzen weh…ich war selbst in meiner Jugend öfter da.“) verteidigte sie in seiner Rede im August 2012 vor dem Hintergrund der „dramatischen Haushaltssituation“ aber mit den Worten: „Die Konsolidierung erfolgt vor allem durch die Abgabe von teuren Immobilien und die Streichung von Personalstellen im öffentlichen Dienst.“

Das ABC Rocks wurde zum Ende 2012 dicht gemacht, viele andere Jugendeinrichtungen wurden in Teilen oder ganz an freie Träger übergeben. Das Personal der von den Einsparungen betroffenen Einrichtungen wurde versetzt oder in den Stellenpool des Landes Berlin abgegeben.

Auch wenn es ruhig geworden ist, um das ABC Rocks – der Schmerz über den Verlust des Clubs sitzt bei vielen Köpenickern nach wie vor tief. Ein Insider aus der Jugendarbeit, nennen wir ihn Frank (Name d. Red. bekannt), erinnert sich an die Abwicklung des Clubs so: „Die Schließung war gewollt, auch wenn der Bezirk versucht hat, Investoren zu finden. Herr Klemm wurde immer wieder eingeladen, sich über Alternativen auszutauschen. Aber es war kein Rankommen, es gab keine Kompromisse.“ Frank bezweifelt bis heute, dass der Bezirk alles getan hat, um das traditionsreiche Haus zu retten. Das sieht Christoph W. ähnlich.

Der ehemalige Sprecher der Initiative „ABC Rocks erhalten“ sagt: „Wir haben damals ausgerechnet, dass sich der Club sehr wohl erhalten ließe, zumindestens in Teilen.“

ABC Rocks immer noch im Besitz des Bezirkes
Was den treuen Club-Anhängern besonders aufstößt: Entgegen der Ankündigung des Bezirkes befindet sich das Grundstück auch zweieinhalb Jahre nach der Schließung noch immer im Bezirksvermögen und wurde eben nicht an den Liegenschaftsfonds des Landes Berlin abgegeben. Im Klartext: Gebäude und Gelände kosten den Bezirk nach wie vor Geld.

Hätte der Club also gerettet werden können? „Wir von der Jugendarbeit hätten das Gebäude gern behalten, aber es war nicht drin“, sagt Kerstin Stappenbeck. Die Köpenicker Jugendclubs seien ungewöhnlich groß und produzierten daher auch ungewöhnlich hohe Kosten im Vergleich mit den Einrichtungen in anderen Berliner Bezirken. „Der Senat schaut aber bei der Mittelvergabe genau hin und orientiert sich an den Durchschnittskosten aller Bezirke. Durch die Schließung ist das Jugendamt raus aus dem Minus.“, so Stappenbeck. Was viele nicht wissen: Das Jugendamt verwaltet ein Budget von 150 Mio. Euro, mit dem 110 verschiedene Dienstleistungen von Kitaplätzen, über Hilfen zur Erziehung bis zur Jugendarbeit finanziert werden müssen. „Wir haben aber nur einen geringen Spielraum, diese Mittel einzusetzen. Ein Kitaplatz muss zu 100 Prozent von uns bezahlt werden, darauf haben Eltern einen Rechtsanspruch.“ Im Bereich Jugendarbeit sehe das anders aus. Da regele der Gesetzgeber nicht bis ins kleinste, wofür das Geld ausgegeben werden müsse. „Aber Geld, das man nicht hat, kann man nunmal nicht ausgeben“, bedauert sie das Ende des ABC. „Wir haben und damals lange bemüht, geeignete Nachnutzer zu finden. Aber von den etwa zehn Interessenten konnte niemand glaubhaft nachweisen, dass er in der Lage ist, die hohen Instandhaltungs- und Betriebskosten ohne die Hilfe des Bezirkes zu tragen.“

Wer zahlt eine Million für das ABC?
Zu denen, die hinter den Kulissen nach wie vor mit dem ABC beschäftigt sind, gehört Angela Weniger, die Leiterin des Bereiches Facility Management des Bezirkes. Sie als Hausmeisterin von Treptow-Köpenick zu bezeichnen wäre sehr stark untertrieben. Wenn es darum geht, dass Immobilien im Bezirk gebaut, unterhalten oder vermietet werden, dann hält sie die Fäden zwischen Bezirk, Investoren, Bauherren, Vermietern und Nutzern zusammen. Sie kennt Zahlen und Hintergründe auch zum ABC Rocks. Zum Beispiel, dass das Objekt den Bezirk statt 36.000 Euro Betriebskosten nun noch ca. 2.000 Euro Frostschutzkosten kostet. Die Instandsetzungskosten schätzt sie auf ca. eine Million Euro. Geld, das der Bezirk nicht hat.

Für das ABC Rocks gab es nach ihrer Aussage 2012 längst eine Lösung. Doch dann kam die Landespolitik ins Spiel und deshalb alles anders: „Wir wollten das Objekt zunächst an den Liegenschaftsfonds abgeben, dann aber doch als Kulturstandort im Bezirk erhalten.“ Die GSE (eine gemeinnützige GmbH, die mit Hilfe von Fördermitteln u.a. das Bethanien und die Wabe betreibt), hätte das Projekt treuhänderisch übernommen. Es gab Pläne dort u.a. Ateliers und Proberäume einzurichten. Die Kultursenatsverwaltung hatte das Objekt ohnehin für das finanziell gut ausgestattete Atelieranmietprogramm auf dem Zettel. Und die GSE ist ein erfahrener Player im Bereich Kulturprojekte. Aber dann habe die Senatsfinanzverwaltung ihr Veto eingelegt. „Die Verträge konnten nicht unterschrieben werden“, erläutert Angela Weniger.

Berlin mischt mit bei der Immobilienpolitik in den Bezirken
Hinzu kommt: Inzwischen hat sich die Liegenschaftspolitik des Landes Berlin geändert. Berlin steht vor zahlreichen Herausforderungen sowohl in der Wohnungs- als auch der Sozialpolitik. Eine neue transparente Liegenschaftspolitik soll dazu beitragen, diese zu meistern. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Bezirke. Denn diese sind damit nun praktisch nicht mehr Herr ihrer Immobilien. Seit Februar 2015 arbeitet ein eigens eingerichteter Portfolioausschuss unter der Ägide des Senates und entscheidet darüber, ob die Immobilien des Landes Berlin und der Bezirke weiter als Schulen, Kitas, Kulturstätten, Flüchtlingsunterkünfte oder Verwaltungsgebäude genutzt werden – oder ob sie zukünftig anderweitig genutzt oder aber verkauft werden sollen.

Die Bezirke haben im Ausschuss jeweils eine Stimme. Aber auch die zahlreichen Senatsverwaltungen (z.B. für Stadtentwicklung, Finanzen oder Soziales) und die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH haben Mitspracherecht. Was hier entschieden wird, wird sich unmittelbar auf das Leben in den Kiezen Berlins auswirken.

„In diesen Ausschuss werden wir das Gelände des ABC Clubs zur Ad hoc-Bewertung einbringen mit dem Ziel, dass es eine Kultureinrichtung bleibt,“ so Angela Weniger. Die Senatskulturverwaltung, die mit im Gremium sitzt, unterstütze den Bezirk bei diesem Vorhaben. Das habe sie schriftlich.

Wenn die Mehrheit der Mitglieder des Portfolioausschusses anders votieren als der Bezirk, dann hat Köpenick das Nachsehen. Theoretisch könnte also sowohl die Wiedergeburt des ABC Rocks-Geländes beschlossen werden – oder aber, dass das Gebäude abgerissen und neue (Eigentums-)Wohnungen gebaut werden. Es bleibt spannend.

 


Anke Assig

Ein Beitrag von Anke Assig

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: "Das wird schon!"