Weihnachten 1871. In der Hauptsache philosophierte der Basler Professor Nietzsche seinerzeit über den spanischen Denker Gracian, dessen „Weisheit und Klugheit in der Lebenserfahrung… sich jetzt nichts vergleichen läßt“. Weisheiten suchte der gerade 27-Jährige. Lebenserfahrungen fand er. Bitterböse allzumal. Und er komponierte. Warum tat er das? Was wollte Nietzsche mit Musik? „Daß sie heiter und tief ist wie ein Nachmittag im Oktober. Daß sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein kleines süßes Weib von Niedertracht und Anmut ist.“ Der Gefährtin des Freundes, namens Cosima, verehrte Friedrich Nietzsche zu diesem Weihnachten ‘71 ein solches Tonstück. Der 24. Dezember, es ist Weihnachten – und Cosimas Geburtstag. Den „Nachklang einer Sylvesternacht“, den Nietzsche ihr widmete, wusste die seinerzeit Geliebte und spätere Frau Wagner durchaus als maßvolle Geste eines begabten Dilettanten und Hausfreundes zu schätzen. Hingegen „Wagner saß unruhig dabei, knetete sein Barett und ging vor Schluß hinaus … ich fürchtete ein Donnerwetter.“

Dem Meister in die Suppe spucken? Damals mitnichten. Als Nietzsche Wagner am 8. November 1868 bei Brockhaus in Leipzig kennenlernte, war dieser schon ein etablierter Komponist. Und Nietzsche verehrte ihn. Bereits im Jahr darauf wurde er Hausfreund, besuchte den 56-jährigen Richard und begegnete der 32-jährigen Cosima. Eine merkwürdige Familienkonstellation: Wagner, im gleichen Jahr wie Nietzsches frühverstorbener Vater geboren, war justament sein einziger Sohn Siegfried von Cosima geboren worden. „Mein wahres und nicht genug zu preisendes Refugium bleibt für mich Tribschen bei Luzern… Die Weihnachtsferien habe ich dort verlebt: schönste und erhebenste Erinnerung! (bei) Freund Wagner“, teilte der junge Denker seinem Freund Rohde mit. Wagner und Wagners Musik sind ein Kosmos für Nietzsche. „Ich wüßte nicht, auf welchem Wege ich je des reinsten sonnenhellen Glücks theilhaftig geworden wäre als durch Wagner’s Musik!“ Eine Freundschaft wächst – und eine Wirkungsmacht, dergestalt allein der schöpferischen Liason Goethes und Schillers zu vergleichen. Richard, Cosima und Friedrich – ein Dreigestirn, das in der deutschen Geistesgeschichte seinesgleichen sucht. Welch intimes Verhältnis, wenn Wagner den Nietzsche in die Geburtstagsüberraschung für Cosimas Geburtstag an Weihnachten 1870 einweihte, wo das „Tribschener Idyll“ entsteht, aus dem später wird das „Siegfried-Idyll“. Wie zugeneigt man sich war, lassen die gegenseitigen Weihnachtsgeschenke sehen: „Zu Weihnachten bekam ich ein prachtvolles Exemplar des ‚Beethoven‘, dann eine stattliche Ausgabe des Montaigne (den ich sehr verehre) und – Etwas ganz Einziges – das erste Exemplar vom Klavierauszug des ‚Siegfried‘ erster Akt, eben fertig geworden“, berichtet Nietzsche. Und lässt sich nicht lumpen: Für Richard Wagner hatte er das Dürer-Blatt „Ritter, Tod und Teufel“ besorgt.

Weihnachten in Familie. Das war hier Tradition. Schon 1869 hatte er zusammen mit Cosima, wie deren Tagebuch festhält, den detaillierten Prosaentwurf des „Parsifal“ von 1865 mit tiefer Bewegung gelesen. Friedrich an Cosima: „Die herrliche Verheißung des Parcival mag uns in allen Dingen trösten, wo wir Trost bedürfen.“

Doch die Zeiten ändern sich. „Das Jahr 1873 hatte die ersten Enttäuschungen der Freundschaft gebracht: Wagner war im Januar verärgert über Nietzsches Fernbleiben, und im April war Nietzsche es, der von seinem nachgeholten Besuch deprimiert war, da die Gespräche sich um Wagners Sorgen und nicht um Nietzsches halbfertiges Manuskript drehten.“ Das Verhältnis zeigte nun seine Ambivalenz. Als junger Professor in Basel war Nietzsche vom 31 Jahre älteren Wagner begeistert, seine Besuche ab Mai 1869 in Tribschen am Vierwaldstättersee, am Rande von Luzern, ihm ein Vergnügen. Da bewunderte und verehrte er den Meister Wagner, ebenso dessen junge Frau Cosima. Viele Briefe aus dieser Zeit zeugen von dem mehr als freundschaftlichen Verhältnis. Der 24-jährige Nietzsche schieb: „Vor und nach Tisch spielte Wagner alle wichtigen Stellen der „Meistersinger“, in dem er alle Stimmen imitierte und dabei sehr ausgelassen war. Er ist nämlich ein fabelhafter und feuriger Mann, der sehr schnell spricht, sehr witzig ist und eine Gesellschaft dieser privatesten Art ganz heiter macht… Es war ein Genuss für mich, ihn mit ganz unbeschreiblicher Wärme… reden zu hören.“

Und Wagner hatte vor, Nietzsche für die Organisation der ersten Bayreuther Festspiele zu gewinnen. Der war nicht abgeneigt und schrieb positive Aufsätze über Meister Wagner. Und zu dessen 60. Geburtstag: „Geliebter Meister, nun sind es wirklich zwei Menschenalter, daß die Deutschen Sie haben – und gewiß gibt es viele, die, wie ich samt meinen Freunden, den nächsten Himmelfahrtstag als den Tag Ihrer Erdenfahrt feiern.“

Doch damit war es bald vorbei. Und niemand weiss bis heute so recht zu sagen, warum das so war. Nietzsche selbst beschrieb es so: „Wir waren Freunde und sind uns fremd geworden. Aber das ist recht so und wir wollen’s uns nicht verhehlen und verdunkeln, als ob wir uns dessen zu schämen hätten. ( … ) Dass wir uns fremd werden müssen, ist das Gesetz über uns: ebendadurch sollen wir uns auch ehrwürdiger werden! Ebendadurch soll der Gedanke an unsere ehemalige Freundschaft heiliger werden! Es gibt wahrscheinlich eine ungeheure unsichtbare Kurve und Sternenbahn, in der unsere so verschiedenen Straßen und Ziele als kleine Wegstrecken einbegriffen sein mögen, – erheben wir uns zu diesem Gedanken! ( … ) Und so wollen wir an unsere Sternen- Freundschaft glauben, selbst wenn wir einander Erden- Feinde sein müssten.“

„Der Fall Wagner – Ein Musikanten-Problem“ und „Nietzsche contra Wagner“ heißen nun die Schriften, mit denen Nietzsche sich – und die versammelte Kulturgemeinde – von Wagner und dessen musikalischem Geist befreien meint zu müssen. Wie in einem Brennglas konzentrieren sich die Gedanken Nietzsches auf Wagners Werk, nimmt der Philosoph Stellung zur Musik Wagners. In mehreren Schriften bezieht Nietzsche nun Stellung, kreist sein Denken um sein eigenes Verhältnis zu Richard Wagner: „Götzen- Dämmerung“ und „Ecce Homo“. Mit dieser Auswahl älterer, nun überarbeiteter Texte wollte Nietzsche, als der Autor der „Geburt der Tragödie“, den gegen ihn erhobenen Vorwurf entkräften, er sei erst mit dem „Fall Wagner“ vom glühenden Verehrer zum erbitterten Gegner des Komponisten geworden. Und dabei lässt sich Nietzsche noch gut und gerne gegen sich selbst zitieren. Kein Ende der Freundschaft? Alles allein eine Befreiung – vielleicht aus dem Anziehungsfeld der Cosima? Nietzsche schrieb ihr mehrere Gedichte und komponierte für sie, nannte sie seine „Ariadne“, aber auch die katholische „Fessel“ eines alten Abgottes, Wagner. In seiner Schrift „Der Fall Wagner“ wird Nietzsche noch deutlicher: „Wagner hat das Weib erlöst; das Weib hat ihm dafür Bayreuth gebaut. Ganz Opfer, ganz Hingebung … Das Weib verarmt sich zu Gunsten des Meisters… Ah, dieser alte Räuber!“

Erst nach Wagners Tod im Jahre 1883, unter dem Nietzsche sehr gelitten haben soll, konnte er sich scheinbar von Wagner befreien – und kritisierte ihn zunehmend heftiger. „Nietzsche contra Wagner“ ist Friedrich Nietzsches letzte Schrift, die er um die Weihnachtstage 1888 zu Papier brachte, ehe er am 3. Januar 1889 in Turin zusammenbrach. Als Nietzsche in die Heilanstalt Jena eingeliefert wurde, notierte man dort seinen Ausspruch: „Meine Frau Cosima Wagner hat mich hierher gebracht.“ Später fand man in seinem Nachlass mehrere Briefentwürfe an Cosima Wagner. Am 3. Januar 1889, dem Tag seines Zusammenbruchs, notierte Nietzsche in einem Brieffragment „An die Prinzeß Ariadne, meine Geliebte.“

Nietzsches Freundschaft zu Wagner wie seine Kritik an diesem ist vielschichtiger, als man es später oft hat sehen mögen, undurchsichtig, verworren auch. „Ist Wagner überhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit? Alles, was Wagner kann, wird ihm niemand nachmachen, hat ihm keiner vorgemacht, soll ihm keiner nachmachen … Wagner ist göttlich!“ Frohe Weihnacht.

Bildquelle: Pierre Petit


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“