Gauck als hölzernes Pferd

Gauck als hölzernes Pferd

Um die Würde des Amtes nicht weiter zu beschädigen, kamen alle Demokraten überein, sich auf einen gemeinsamen Bundespräsidenten zu verständigen. Eine trauriges Schauspiel in drei Akten von Sebastian Köpcke

Zehn lange Jahre konnten die Trojaner der Belagerung trotzten, bevor eine hinterhältige List der Griechen ihren Untergang besiegelte …

I

Wie zwei erfolgreiche Trickbetrüger reiben sich Siegmar Gabriel und Jürgen Trittin die Hände, als sich ihnen ein williger Joachim Gauck als hölzernes Pferd zur Verfügung stellt. Mit seiner honorigen Selbstgerechtigkeit soll er die eiserne Kanzlerin in Bedrängnis bringen. Diese durchschaubare Rollenzuweisung abzulehnen, ist einem wie ihm nicht möglich, kann er doch für ein paar Wochen sein kantiges Profil in jede Kamera halten und sich öffentlich an der eigenen staatstragenden Gesinnung erfreuen. Als schließlich im dritten Wahlgang Bettinas Christian das stolze Schloss Bellevue erobert, springen die durchtriebenen Strategen aus ihren rotgrünen Pappkulissen und rufen im Chor: Skandal! Skandal! Empört Euch!

II

Nachdem der Staatsanwalt von sich hören ließ, flüchtet der Längstvergessene aus dem Schloss und mit ihm das fröhliche Kinderlachen und die langen Beine seiner Frau. Die Kanzlerin ist gerade dabei die Welt, den Euro, unsere gemeinsame Werteordnung, die Griechen – kurz gesagt – unsere Banken zu retten, da muss sie rechts ran, um diesen Reifen zu wechseln. Sie ahnt was kommt. Das Publikum weiß es längst. Rot und Grün schieben wieder ihren alten Gaul in die Boxengasse. Alles, nur das nicht! Jeder, aber bitte nicht der! Die Kanzlerin würde lieber auf der Felge weiter fahren. Doch die eigenen Hofzwerge beißen ihr in die Waden, bereit zu sterben, für das Pferd aus Holz. Sie haben ja nichts mehr zu verlieren. Ein Liter Vollmilch verspricht mehr Prozente. Sei’s drum, Zwerge! Mutti zeigt sich gnädig. Rache soll man kalt genießen. Diese gelben Kobolde wird sie eines schönen Tages in die Pfanne hauen.

III

Da sitzen sie beieinander und es gibt nur Sieger. Den heiligen Gral, sie haben ihn gefunden, einen Präsidenten der Herzen, einen Lehrmeister der Demokratie. Er allein kann die Würde des Amtes wieder herstellen. Dank seiner Integrität kehrt verlorengegangenes Vertrauen in die Politik zurück. Seine Biographie muss uns allen als Vorbild dienen. Niemand vermag es so wie er, sich selbst zu Tränen zu rühren, wenn er in salbungsvollen Worten von sich und seiner Befreiung spricht. Wie einst der Heiland hat der mutige Pfarrer alle Schmerzen der Diktatur auf sich geladen, um uns auch zwanzig Jahre später in der größten Krise des kapitalistischen Systems das hohe Lied der Freiheit in Verantwortung zu singen und mit erhobenem Zeigefinger daran zu gemahnen, dass das notorisch nörgelnde Volk doch wahrlich keinen Grund hat, sich zu beklagen.
Und im Licht der Scheinwerfer triumphieren die Hofzwerge, schlagen sich wie paarungsbereite Affen an die Brust. Wir haben die Kastanie aus dem Feuer geholt und dem Amt seine Würde zurückgegeben! Und tatsächlich scheinen sie über Nacht ein wenig gewachsen.
Und Rot und Grün? Sie tönen wortgleich in jedes Mikrophon und schlagen sich wie paarungsbereite Affen an die Brust. Wir haben die Kastanie aus dem Feuer geholt und dem Amt seine Würde zurückgegeben! Warum sie einen neoliberalen Konservativen aufs Schild gehoben haben? Weil wir uns darauf freuen, uns an ihm zu reiben, dröhnen Claudia Roth und Sigmar Gabriel im rauschhaften Zustand machtbesoffener Selbsthypnose.
Und die Leitartikler? Sie schlagen sich wie paarungsbereite Affen an die Brust. Wir haben die Kastanie aus dem Feuer geholt, dem Amt seine Würde zurückgegeben!
Die Linken sind empört, die Piraten drucken emsig neue Aufnahmeformulare, und die Kanzlerin? Fühlt sie sich bei Gauck an den eitlen Blender Guttenberg erinnert? Sie schweigt und lässt ihre Paladine den Zwergen ausrichten, man sehe sich immer zweimal im Leben.


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“