jubilaumswahnwebDer Dezember war ein anstrengender Monat. Adventsnachmittag im Kindergarten, Weihnachtsfeier im Büro, im Verein, Christmesse, Silvesterparty, verschiedene Geburts- und Jahrestage – eine Menge Freizeitstress und keine Zeit zum Durchatmen. Und wer denkt, es sei jetzt vorbei, irrt gewaltig. So wie das alte Jahr ging, so geht’s im neuen weiter: Willkommen zu 800 Jahren Köpenick! Schon im November wurden die Schreiben aus den Amtsstuben unseres Bezirks mit einem lustigen kleinen Logo versehen, das einem fröhlich zurief: „Eine Stadt in Berlin wird 800“. Nun lässt sich ja über Geschmack bekanntlich streiten. Allerdings stehen in den Schreiben aus den Ämtern selten Dinge, die einen spontan in Feierstimmung bringen. So fristet das kleine Logo dort ein trauriges Dasein und kaum jemand freut sich darüber. Aber eine leise Hoffnung weckt es dennoch.

Der gebeutelte Bürger wagt zu glauben, dass es tolle Festaktivitäten zum Jubiläum geben wird. Irgendetwas Fantastisches, noch nie Dagewesenes, das die Stimmung zum Jahresanfang hebt und einem Vorfreude schenkt. Schnell auf die Homepage des Bezirksamtes gesurft. Dort ist ein schönes Bild vom Feuerwerk zu sehen und dazu die Überschrift „Highlights“. Voll Erwartung folgt der Feierwütige dem Link und wird herb enttäuscht: Treptow in Flammen, 48. Köpenicker Sommer mit historischem Festumzug, 20 Jahre Mauerfall mit buntem Familienfest an der Sonnenallee. Und das sind Highlights zum Jubiläum 800 Jahre Köpenick? Unbestritten besteht der Bezirk Treptow-Köpenick aus 14 weiteren Ortsteilen, und vielleicht haben ja Adlershof, Plänterwald und Johannisthal nicht wirklich den Bezug zu diesem einmaligen Jubiläum, aber irgendwie stellt sich der Köpenicker seine Feierlichkeiten anders vor.

Es hätte auch ruhig mal etwas Neues sein dürfen! Eine große Verschwendung von Steuergeldern kann dem Bezirk in diesem Falle nicht vorgehalten werden. War ja sicher sowieso in den Budgets der verantwortlichen Ämter enthalten. Vielleicht mag sich aber auch keiner für eine tolle Fete ins Zeug legen, weil einige Zweifel an der Echtheit des Jubiläums bestehen. Wird Köpenick nun 4.830, 1.140, 850 oder gar nur 799 Jahre alt? So richtig einig sind sich da auch die Historiker nicht. Und auch noch zu klären wäre: Was ist der Grund der Feierlichkeiten? Der Fund des „Ötzis“ von Köpenick? Ein olles Geldstück oder eine ranzige Urkunde, die gefunden wurden? Der sinnvollste Vorschlag wäre, die 800-Jahr-Feier als Probelauf anzusehen. Im nächsten Jahr machen wir es dann richtig! Oder wir suchen uns einen anderen Grund zum Feiern. Fallen uns ja auch sonst immer welche ein. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Feier für unsere Wälder? Die stehen schließlich für unseren grünen Bezirk. Lange Nacht der Friseure, Friedhofsfest oder „Finanzkrisen-jetzt-erst-recht-Fete“ sind auch geeignet. Wir bräuchten dazu auch keine Logos und 90.000 Briefstempel pro Tag, die unser Jubiläum in aller Welt bekannt geben. Nur ein wenig Inspiration und Freude am Feiern – und die haben wir Köpenicker doch schon immer gehabt, oder?


Tatjana Rabe

Ein Beitrag von Tatjana Rabe

Betriebswirtin und Fachjournalistin, arbeitet als K arriereberaterin. Ist genau, eigenwillig und aufmerksam. Wird oft mit Friederike Hagen verwechselt. Zitat: "Ich will ja nicht streiten, aber Recht behalten schon."