Rathenau_Hallen

Das Kultur- und Technologie-Zentrum „Rathenau-Hallen“ in der Wilhelminenhofstraße soll Wohnungen erhalten. Doch dagegen regt sich Widerstand aus der Bevölkerung.

Seit acht Jahren siedelt sich in den denkmalgeschützten Fabrikhallen Gewerbe an: 70 Firmen mit über 700 Mitarbeitern verleihen Oberschöneweide derzeit nicht nur unternehmerische Attraktivität, sondern auch den Charme alternativer Kultur. Wissenschaftliche und technologische Firmen haben sich hier ebenso niedergelassen wie Künstler und Unternehmer aus der Kreativwirtschaft. Auf der Internetseite kulturund- technologiezentrum.com, steht zu lesen: „Künstler, Filmleute und Studenten sollen genauso wie moderne Dienstleistungs- und Produktionsbüros auf dem Gelände vertreten sein.“ Hinter solchen Sätzen steht die Eigentümerin Turoru GmbH, eine Kapitalgesellschaft mit Hauptsitz in Irland.

Doch dem alternativen Wirtschaftsstandort drohen nun Probleme. Im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens 9-58 beabsichtigt die Eigentümerin in der Gewerbeansiedlung nun auch Wohnungen zu bauen. Ein breites Bündnis hat gagegen nun einen Einwohnerantrag gestellt. Dieser Antrag stellt ein bürgerschaftliches Instrumentarium dar, um kommunalpolitische Fragen zu behandeln. Die Befürchtung ist nämlich, dass die Menschen, die künftig hier wohnen sollen, die bunt gewachsene Ansiedlung wieder kaputt machen. „Wohnen ist ein geschütztes Gut, es bestehen da sehr hohe Ansprüche“, sagt Stefan Förster, Vorsitzender des Bezirksdenkmalrats von Treptow-Köpenick. „Anlieferungsverkehr, Werkstattlärm, nächtliche Aktivitäten in Künstlerateliers – dagegen können Anwohner klagen.“ Die Chance, dass sie Recht bekommen, sei sehr hoch. Dann ist es laut Förster vorbei mit dem kreativen Charme in den Fabrikhallen des ehemaligen Transformatorenwerks.

Der Einwohnerantrag wurde von drei Personen, so genannten Vertrauenspersonen, auf den Weg gebracht. Hinter ihnen seht jeweils eine Interessengruppe: die Künstler aus den Rathenau-Hallen, die Unternehmer in Schöneweide und die Bürger-Plattform „So! Mit uns“, die sich im Berliner Südosten engagiert. Vertrauensperson und Künstlerin Lisa Vanovitch sorgt sich um die Kunst. „Sie ist gerade aufgeblüht und hat an diesem einzigartigen Standort viel an Ausstrahlungskraft gewonnen.“ Und Christin Fischer, Direktorin des NH-Hotels Berlin Treptow: „In Oberschöneweide gibt es ein etwa 1,5 kilometerlanges zusammenhängendes Industrie- und Gewerbegebiet, wo sich nach dem Verlust von fast 30.000 Arbeitsplätzen endlich wieder Unternehmen ansiedeln.“ Beide befürchten, dass der Bau von Wohnungen in den Rathenau-Hallen den Aufschwung stoppt. So sieht es auch Pastor Joachim Georg, dritte Vertrauensperson und Vertreter der Bürgerplattform.

„Wir sammeln jetzt gerade Unterschriften“, erläuert Andreas Richter, Organizer bei der Bürger-Plattform. „Wenn ihn 1.000 Bürger aus Treptow- Köpenick unterzeichnen, ist der Antrag zulässig und hat dasselbe Gewicht wie ein Fraktionsantrag in der BVV. Er muss von den Kommunalpolitikern diskutiert werden.“ Der Bezirk dagegen hat ein Interesse an den geplanten Wohnungen. Den Nutzungskonflikt zwischen Bewohnern und Gewerbetreibenden sieht man hier als lösbar. „Wir befinden uns gerade im Bebauungsplanverfahren“, sagt Ulrike Zeidler, Leiterin des Stadtentwicklnugsamtes Treptow-Köpenick. „Dabei wollen wir festlegen, dass das Areal Mischgebiet bleibt.“ Das bedeutet, dass Wohnen und Gewerbe nebeneinander möglich und, mehr noch, auch gleichberechtigt sind: „Die Mieter werden einen niedrigeren Schutzanspruch haben.“ Klagen gegen das Gewerbe hätten damit nur geringe Erfolgsaussichten, so Zeidler. Außerdem fände sie es schade, wenn in Oberschöneweide nach Arbeitsschluss die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Tatsächlich geht es aber um mehr. Bei den Rathenau- Hallen handelt es sich um einen Teil des weltweit größten Industriestandorts für Elektrotechnik, hier schrieb die Familie Rathenau und die AEG Geschichte. Die Klinkerbauten aus der Jahrhundertwende stehen alle unter Denkmalschutz. „Es ist eine riesige Herausforderung, insbesondere auch die Fabrikhallen zu sanieren“, meint Ulrike Zeidler. Denkmalschutz und eine langfristige Nutzung müssen gewährleistet sein.

Aber alles hat seinen Preis. Die Turoru GmbH möchte am Spreeufer Neubauten errichten, Wohnblocks, mit denen Geld auch für die Sanierung erwirtschaftet wird. „Da kann man auch von Quersubventionierung sprechen.“, so die Leiterin des bezirklichen Bauamtes. Stefan Förster aber hält dieses Vorhaben für unvereinbar mit dem Denkmalschutz. Im Einwohnerantrag wird dieserAspekt ebenfalls moniert. Im Bezirksamt ist man dagegen froh, dass sich ein Investor gefunden hat, der bereit ist, die Industriehallen denkmalgerecht sanieren. Nun ist es an den Bezirksverordneten über alles Weitere zu entscheiden.

Foto: Phillipp Wohlfeil


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"