Ein Ausflug ins All mit Cirk La Putyka
Absolut sehenswert: Mit Memories of Fools startet das Chamäleon Theater in sein 15. Geburtstagsjahr.

Was zählen schon die Gesetze der Physik, wenn sich die ArtistInnen der tschechischen Kompanie Cirk La Putyka im CHAMÄLEON THEATER auf eine Reise zum Mond begeben? Mit der Show MEMORIES OF FOOL startet das privat geführte Theater in den Hackeschen Höfen in das Jahr seines 15. Geburtstags, der mit zahlreichen Sonderveranstaltungen gebührend gefeiert wird.
memory of fools im chamäleon
Foto: Jakub Jelen

Allein die Tatsache, dass sich ein Theater, das sich dem Neuen Zirkus verschrieben hat und ohne öffentliche Zuschüsse auskommen muss, dauerhaft in der Berliner Kulturszene behaupten kann, ist ein Beleg dafür, dass an diesem Ort so manches Gesetz außer Kraft gesetzt ist.

Wer sich gern selbst davon überzeugen möchte, dass es möglich ist, an einem einzigen Abend zum Mond und wieder zurück zu fliegen, dabei Adam, Eva und Elvis zu begegnen und sich mit einem übergroßen Plüschhasen anzufreunden, der sollte unbedingt die Gelegenheit nutzen und diese ebenso surreale wie atemberaubende Show ansehen.


Die psychedelischen Erlebnisse des Astro-Alex

Ausgangspunkt für den Raketenstart ist der Traum des kleinen Alexander, später einmal Astronaut zu werden. Was viele Jungen und Mädchen antreibt, wird auf der Bühne zu einem irrwitzigen Wettbewerb, aus dem am Ende nicht unbedingt der stärkste, aber der leidenschaftlichste Kandidat als Sieger hervorgeht.

Drill, unerträglicher Leistungsdruck, die Diskriminierung der schwangeren Mitbewerberin und das schiere Glück sind Faktoren, die Alex den Weg weisen. Der einzige Erwachsene, der in diesem irrwitzigen Karussell an Alex glaubt, ihm zeigt, wie es geht, und dem Jungen mit Liebe begegnet, ist der Großvater – hochbetagt, aber kraftvoll-virtuos am Trapez und urkomisch.

Das rund 90 Minuten dauernde Stück erscheint so kurz wie ein Wimpernschlag, lässt den Atem des Publikums mehr als einmal stocken und führt die Zuschauer auf den Mond, der sich nicht als totes Gestein, sondern als surreales Habitat für Traumwesen aller Couleur entpuppt.

Das zurückgenommene Bühnenbild, das aus zusammengezimmerten Bilderrahmen besteht, lässt viel Spielraum, mithilfe von Artistik, Jonglage, Clownerie und sogar dem ein oder anderen Zaubertrick eine Geschichte zu erzählen, die trotz schriller Farben und lauter Popklänge nachdenklich stimmt.


Eine Aufforderung zum Träumen

Und so bleibt der Wunsch, dass Träume wahr werden können, die Sehnsucht danach, unter dem Druck der heutigen Zeit nicht zu zerbrechen und die Lust, im knallbunten Chaos ein rauschendes Geburtstagsfest in einem Theater zu feiern, das den Zuschauer mit Shows wie Memories of Fools für einen großartigen Abend aus der Realität in eine Welt entführt, in der wir uns herrlich schwerelos fühlen dürfen.


Eva Steinborn
Ein Beitrag von

Fulltime-Texterin mit Sitz im Maulbeerhinterzimmer. Mag Buchstaben deutlich lieber als Zahlen und liebt das Internet mehr als Papier. Rüstzeug: ein solides Halbwissen auf allen Gebieten und ein Faible für Abseitiges. Zitat: „Ich hab Kuchen mitgebracht.“