Die Brauerei Berliner Bürgerbräu vom Spreetunnel aus gesehen

Die Brauerei Berliner Bürgerbräu vom Spreetunnel aus gesehen

Die Tore sind mit dicken Schlössern gesichert, an etlichen Stellen hängt Stacheldraht, Führungen gibt es nicht mehr, und Menschen sind auf dem abgeriegelten Gelände der Berliner Bürgerbräu kaum noch zu sehen. Außer in der Gaststätte Bräustübl und dem Biergarten an der Müggelspree haben die Mauern längst begonnen, Trauer zu tragen. Gespenstisch still liegt das denkmalgeschützte Brauhaus da. Diesen Monat war der 27. Jahrestag der Deutschen Einheit, auf dem Areal am Müggelseedamm ist von Aufbruchstimmung nichts zu spüren. Es könnte glatt als Kulisse dienen, durch die Flaschengeister poltern und in der Biergöttin Ninkasi herumspukt. Für die Zukunft schien Hopfen und Malz verloren – doch bald kommt neues Leben in die Bude

Treptow-Köpenicks Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD): „Nach derzeitigem Kenntnisstand des Stadtentwicklungsamtes ist ein Großteil des Brauereigeländes geteilt und veräußert worden.“ Stempel drunter! Die Brauerfamilie Häring aus Bayern hat jetzt also nach der Marke Bürgerbräu auch die Immobilie verkauft.
Damit ist nach 25 Jahren eine Art Ost-West-Zwangsehe geschieden, in der zwei emotionale Welten aufeinanderprallten, die bei Bürgerbräu niemals richtig zueinander fanden. Dort die neuen Eigentümer, eng verbandelt mit dem damaligen Bundesfinanzminister Theo Weigel (CSU) und als Unternehmer sehr erfahren mit den Dehnbarkeiten der sozialen Verhältnisse in der freien Markwirtschaft. Hier dagegen eine äußerst selbstbewusste Truppe von in der Spitze mehr als 400 Brauerei-Mitarbeitern, die in der DDR Erfolgsgeschichte schrieben. Gut ausgebildete Fachleute, die für die hohe Qualität der Biere aus dem Hause Bürgerbräu standen, mit dem sich Menschen rund um den Globus zuprosteten.

Eine Labormitarbeiterin erinnert sich an Zeiten vor der Wende: „Wir exportierten nach England und Frankreich. Regelmäßig standen nachts Tanklaster aus Spanien vor der Tür, zu dessen Fahrern wir eigentlich keinen Kontakt haben durften, aber sie trotzdem zu einer Tasse Kaffee einluden.“ Die Produktion sei kompliziert gewesen. Die Biere für Schweden etwa mussten weniger Alkohol erhalten, weil es in Skandinavien so vorgeschrieben war. Für Lieferungen in die alte Bundesrepublik wurde wegen des Reinheitsgebots das Rezept geändert und sämtliche Leitungen 20 Mal gespült. Dennoch kamen riesige Margen aus Hamburg zurück, die geringe Spuren von Mais enthielten. Viele Köpenicker dürften sich darüber gefreut haben, denn die Flaschen landeten in heimischen Läden. In denen stand Bürgerbräu nur selten in den Regalen. Rentner Klaus Schöne aus Friedrichshagen, Ur-Köpenicker und Bürgerbräu-Kenner: „Zeitweise gab es sogar Sixpacks. Der US-Importeur war offenbar unzufrieden. Die Amerikaner trinken Bier kälter als wir und das Bürgerbräu hatte ihm bei niedriger Temperatur zu wenig Schaum.“ Die Pulle kostete 61 Pfennige.

In Japan und den USA gilt Bürgerbräu noch immer als Hit.

Brauerfamilie Häring soll für die Betriebsübernahme 1992 eine Mark an die Treuhand gezahlt haben. Am Anfang lief’s wie frisch gezapft. Die „Privatbrauerei im Grünen“ schloss erste Verträge mit der Steakhaus-Kette „Blockhouse“, dem „KaDeWe“ und dem Restaurant „Gastmahl des Meeres“ (Mitte, heute „Nordsee“). Doch bei engagierten Mitarbeitern fand die neue Führung in der Ansprache nur selten den richtigen Ton. Es sollen Sätze wie „Sie tun ja so, als wären Sie der Eigentümer“ oder „Wir sind froh, Ihnen die Kultur zurückbringen zu können“ gefallen sein. Beim Personal gab es mit Sozialplan einen Kahlschlag. Bis auf 40–50 Mitarbeiter mussten alle weg. Ebenso wie ein noch von der Treuhand angeschaffter Analyse-Computer, der durch einen älteren ersetzt wurde. Das moderne Gerät soll in Härings Stammhaus „Hofmark“ gelandet sein.

Ob Pils, Rotkehlchen oder Bernauer Schwarzbier: Das Labor dicht gemacht, die Preise hoch, mit großen Schwächen in der Außendarstellung und mächtigen Konzernen als Konkurrenz im Nacken. Szene-Wirt Matthias Ahl („Musik-Cafe Rabu“), der Bürgerbräu im Ausschank hatte: „Als sich der Brauerei-Vertreter bei mir vorstellte, behauptete der, mein Tresen würde Bürgerbräu gehören. Glatt gelogen!“ Happig sei der Einkaufspreis gewesen. „Bürgerbräu lag pro Fass 12 Euro über Berliner Pilsener und neun Euro über Radeberger“. Klar, dass das nicht wirklich zischt und allmählich begann der langsame Brauerei-Niedergang. Nicht nur bei Ahl flog Bürgerbräu raus: „Die Qualität ließ nach. Rotkehlchen hatte einen merkwürdigen Geruch.“ Später wunderten sich dann die Friedrichshagener über die klare Luft ohne den lästigen Duft von Hopfen und Malzbonbon. Heimlich war in der Brauerei die Produktion eingestellt, teilweise nach Sachsen verlegt worden. Im Jahr 2010 gingen schließlich die Markenrechte in Deutschland an die Radeberger-Gruppe („Kindl“, „Schultheiss“). Jetzt kommt das Bier nicht mehr aus Sachsen, sondern aus Hohenschönhausen. Bier-Kenner Schöne nach Jahren der Abstinenz: „Auch wenn ich andere Marken bevorzuge, heute kann man Bürgerbräu wieder trinken.“

 

Was in Friedrichshagen bleibt, ist die Immobilie, ein Industriedenkmal

Was dort konkret geplant ist, kann im Rathaus Köpenick bisher niemand sagen. Ob ein „abschließender Eigentümer-Wechsel vollzogen wurde“, so Baustadtrat Hölmer, sei „aktuell (noch) nicht bekannt“. Wer die neuen Besitzer sind, welche Pläne sie haben, darüber darf also weiter spekuliert werden. Großzügige Loftwohnungen mit Traumblick auf den Müggelsee sind ebenso im Gespräch wie Stadtvillen auf den Freiflächen. Hilfreich sein könnte ein Blick in die Bilanz der Berliner Bürgerbräu AG. Die ging im August diesen Jahres mit 20 Millionen Euro Verlust in die Liquidation. Im Aufsichtsrat saßen ein Kaufmann aus München mit besten Beziehungen zu einer Stiftung in der Schweiz und ein auf Immobilienrecht spezialisierter Spitzenanwalt aus Hamburg. Wer noch Geld von der Bürgerbräu AG bekommt, solle sich laut der Liquidatoren an eine Steueranwältin in Frankfurt am Main wenden.

Ob oder wie sehr sich der Berlin-Fehlschlag für die Familie Häring gelohnt hat, ist unklar. Die Geschäfte der Köpenicker Bürgerbräu GmbH, die ihnen weiter gehört, laufen jedenfalls wie ein guter Schluck Helles. Fürs Jahr 2015 weist die Bilanz eine Erhöhung des Eigenkapitals von 2,9 Millionen Euro auf 8,7 Millionen Euro aus. Zeitgleich sanken die Schulden um drei Millionen Euro. Hintergrund könnte der Deal mit Radeberger sein. Die Härings vereinbarten beim Verkauf, dass sie Bürgerbräu-Bier weiter exportieren dürfen. In Japan und den USA gilt Bürgerbräu noch immer als Hit. In Friedrichshagen eher als eine Liaison zwischen Leuten aus der Hauptstadt und der deutschen Süd-Provinz. Die häufig am Tresen endete, aber niemals im Bett.

 

Foto: M. Vorbau