Detektivisch gut
Datensammlung und Verschwörungstheorien im Kinderzimmer

„Du hast genascht, das ist gegen die Regel!“ Das Kind schaut mich streng an und zeigt mit ausgestrecktem Finger auf meinen Mund. Der macht fast unmerkliche Kaubewegungen. Ertappt schlucke ich den Brei, der mal ein Dominostein war, hinunter und nicke entschuldigend. Ja, ich habe genascht.
Walki Talki im detektivischen Einsatz
Foto: Anke Assig

Dabei steht es auf der Liste „Regeln für alle“ am Kühlschrank in gut lesbarer Schriftgröße: „Süßes gibt es (nur) einmal am Tag“. Es sei denn, es handelt sich um einen Feiertag. Oder aber das Kind erwischt die Eltern beim zusätzlichen Naschen. Dann darf das Kind auch nochmal in seine Süßigkeitendose greifen. So wie jetzt. Zufrieden wühlt es im Süßkram.

Genaues Beobachten liegt unserer Tochter. Es ist geradezu eine Gabe und die ist überaus hilfreich, wenn man mal eine Meisterdetektivin werden möchte. Dank entsprechender Hörspiele und Kinder-TV-Serien ist sie auf dem besten Weg dahin.

„Mädchen sehen vieles anders, können manches besser, bleiben stets am Ball“

tönt es fast täglich aus dem Kinderzimmer. Am liebsten wäre die Achtjährige eines von den drei Ausrufezeichen. „Die drei !!!“ sind eine Clique von Hobbydetektivinnen, die in ihrer Nachbarschaft Diebe und Betrügerinnen stellen. Und dabei geht es natürlich immer sehr abenteuerlich zu. Das will das Kind jetzt auch.

Mit Walkie Talkies ausgestattet verschanzt sich die Juniordetektivin im Kinderzimmer und erteilt von dort aus Aufträge an die im Garten postierten Freundinnen. Die haben ebenfalls ein Walkie Talkie und sollen in die Detektivzentrale melden, was der 82-jährige Nachbar da gerade so verdächtig mit seinem Spaten im Garten vergräbt. Oder ob der Postbote sich nur als solcher verkleidet hat und in Wirklichkeit ein ganz fieser Katzenfänger ist. Das kleine süße rothaarige Kätzchen ist nämlich verschwunden, das gilt es nun zu finden, bevor das Tier bei Nacht und Nebel an einen international agierenden Katzenhändlerring übergeben wird.

Als Verdächtige in Frage kommen: alle. Der langhaarige Jugendliche mit seinem quietschenden Fahrrad.

„Der guckt sich immer so auffällig um, wenn er hier lang fährt.

findet die junge Detektivin. Die Oma, die Samstag die Anzeigenblätter verteilt. „Die könnte die Katze doch in ihren Zeitungswagen gesteckt haben, Mama!“ Oder das Nachbarskind. „Der Pascal wünscht sich schon ganz lange eine Katze, bekommt sie aber nicht von seinen Eltern, der könnte sie heimlich mitgenommen haben, um sie im Schuppen zu versorgen.“

Vor allem aber sind Autofahrer verdächtig. Das wird mir klar, als ich im Kinderzimmer eine halbe Wand voller bekritzelter Klebezettel entdecke. Auf die Zahlen und Buchstaben darauf konnte ich mir erst keinen Reim machen. Dann verstehe ich, dass es sich um die Autokennzeichen unserer Nachbarn handelt – und die ihrer Gäste. Funktioniert die BND-Zentrale in Mitte eigentlich inzwischen? Falls nicht, hier bei uns werden unter dem Vorwand des Detektivspiels Daten aller Art gesammelt und wunderbare Verschwörungstheorien erdacht. Ganz ganz unauffällig.

Apropos unauffällig. Jahrelang hat unsere Tochter „eine Katze“ auf ihren Wunschzettel geschrieben. In diesem Jahr nicht. Stattdessen steht da jetzt in ganz kleiner Schrift „Katzenfutter“. Merkwürdig… Jetzt, da ich darüber nachdenke, fällt mir ein: Wo ist eigentlich die Puppenwiege, die bis vor kurzem noch im Kinderzimmer stand? Und warum wird unsere Leberwurst neuerdings immer so schnell alle? Ich sollte dringend mal eine Privatdetektivin engagieren…


Anke Assig
Ein Beitrag von

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: „Das wird schon!“


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