Der Rübezahl vom Friedrichshain
Ein Dachbodenfund aus der Zeit als der Nachbarbezirk noch nicht so hip war. Eher so Milieu. Oder vielleicht gar No-go-Area.

Die folgende Moritat entnahmen wir der Berliner Schülerzeitung „Die Penne“, Ausgabe Juli 1965. Bei dem Verfasser dürfte es sich mit einiger Sicherheit um den Vater des Chefredakteurs handeln.
Der Rübezahl vom Friedrichshain
Illustration Niels Wünsch

Der 40jährige Harold M., charakter- und äußerlich ein wahrer Rübezahl, der in den Schluchten der Straße am Friedrichshain sein Unwesen trieb, hatte vor Jahren das 3. Mal geheiratet. Nachdem auch diese dritte Ehe in die Brüche gegangen war, hatte er die Bekanntschaft der kernigen Hexe Paula gemacht, die im Nachbarhause direkt neben seiner Schlafstube wohnte.

Bald feierten die beiden munter eine Walpurgisnacht nach der anderen. Vielleicht hätten sie sich mehr nach dem Kalender richten sollen, denn Rübezahl hätten ruhige Stunden nämlich gut getan. So aber verfiel er zusehends und auch sein äußerst männlicher Bart hing schlapp und kraftlos an seiner Lippe. Hexe Paula entnahm diesen Zustand mit Befremden zur Kenntnis. Deshalb erschien kurz darauf ein mickriges Männlein, stellte seinen Sack mit seinen Habseligkeiten in die Küche und nistete sich mit Paulas Zustimmung in der Wohnung ein.

Paulas Arbeitskollege Fritz hatte schon vor längerer Zeit ihr Herz gewonnen, indem er sie mit Speckseiten und Edelpilzen zu versorgen pflegte. Nun räumte ihm das genussfreudige Mädchen gern alle Rechte eines Dauermieters mit Familienanschluss ein. In der Küche aber hockte weinend der verabschiedete Rübezahl und zählte die Pilze seines Rivalen.

Als er anschließend über den Hof schlurfte, warf der „Neue“ gerade seine liebevoll eingerahmten Bilder aus dem Fenster.

In der nächsten Woche konnte man am Friedrichshain häufig einen kleinen Mann beobachten, der im Schweinsgalopp vor einem unrasierten Hünen flüchtete, der ihn offenbar mit einem morgensternähnlichem Knüppel zu Marmelade verarbeiten wollte. Man wird unschwer erraten, dass hier unser Rübezahl mit dem Dritten im Bunde ein vertrauliches Gespräch anzuknüpfen versuchte. Dieses lobenswerte Vorhaben scheiterte jedoch immer wieder an der Spurtschnelligkeit des Pilzkavaliers.

Schließlich besorgte sich Rübezahl einen schweren Steinbohrer und durchbohrte genau in Höhe des Bettes die Wand zwischen seinem Zimmer und Paulas Hexenhöhle. Was er nun allabendlich zu sehen und zu hören bekam, raubte ihm den letzten Rest menschlicher Überlegungskraft. Mit zitternden Händen schrieb er sogleich einen Drohbrief:

„Ein Drama aus verschmähter Liebe wird über Euch kommen! Jetzt habe ich Euch zu Todeskandidaten gemacht!“ usw.

Nach einer qualvollen Nacht hinter seinem Bohrloch schulterte Rübezahl seinen Knüppel und steckte sich ein Messer und einen Büchsenöffner in den Gürtel. So gewappnet marschierte er unter dem Abgang dumpfer Trauermärsche ins Nebenbuhlerhaus.

Dreimal donnerte der Knüppel gegen die Tür. „Aufmachen! Polizei…!“ Ehe Paula öffnete, vergingen einige Minuten. Bekleidet war sie lediglich mit einem Nachthemd, das genauso kurz war wie Rübezahls Verstand. „Im Namen des Gesetzes verurteile ich dich zum Tode!“ röhrte Harold, dass es schaurig in den Korridoren hallte. Dann hieb er zu, allerdings daneben. Paula flüchtete in einen verfallenen Kamin, bekam den Büchsenöffner zu kosten und stimmte einen mörderischen Spektakel an.

Unterdessen hatte der Spaltpilz Fritz besorgt durch die Schlafzimmertür diese bedrohlichen Vorgänge beobachtet.

„Lasse Gnade walten, großmächtiger Berggeist!“

wimmerte er, als Rübezahl die Tür zerschmetterte und das zweite Todesurteil vollstrecken wollte.

Wie die wilde Jagd fegte man über Tische, Schränke und Betten. Schließlich köpfte Rübezahl versehentlich den Kronleuchter, während das tapfere Schneiderlein über ihn hinweg ins Treppenhaus entsprang.

Diesmal aber nutzten ihm seine rasantesten Spurts nichts mehr. Männer tragen bekanntlich längere Nachthemden. Unter frenetischem Beifall Rübezahls, der ihm einen Donnerkeil in Gestalt seines fürchterlichen Knüppels nachsandte, geriet er ins Stolpern und fiel wie ein sterbender Schwan die Treppe hinunter, wo er nur mit Mühe von den begeisterten Hausbewohnern vor dem Büchsenöffner Rübezahls gerettet werden konnte.

Nach dem Verbüßen seiner Haftstrafe soll Harold M., Gerüchten zufolge, die Lehrerlaufbahn eingeschlagen haben…


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