Schwabenliebe

Wir befinden uns im Jahre 7 n. Punk. Ganz Berlin ist von den Schwaben besetzt … Ganz Berlin? Nein! Ein von unbeugsamen Berlinern bevölkerter Bezirk hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die schwäbischen Geizhälse, die sich als Trendsetter in den befestigten Lagern Prenzlberg, Mitte und Neukölln in Sicherheit wiegen … Der feine Künstlerpöbel tut so, als würde er zwischen Tofu und Sellerie noch nicht ganz untergehen, während Köpenick erfolgreich versäumt, sich im für hipp propagierten, monotonen Strom der homogenen Suppe des werdenden Berlins treiben zu lassen. Du hast dich treiben lassen? Dich hat das andere Berlin mit falschen Versprechungen ins Zentrum gelockt? Du bist im schlimmsten Hipsterviertel der Stadt? Findest Sojaschnitzel aber doch gar nicht so toll? Komm zurück nach Köpitown – hier ist noch alles wie früher, also bekanntlich besser. Nun könnte man sagen, so authentischen Kiez gäbe es in allen Randbezirken. Aber Rudow, Spandau und Lichtenrade sind gar nicht so cool, die haben nur Glück, dass sie noch zu Berlin gehören. Brandenburg will sie sicher auch nicht haben und Berlin darf sein Toleranzimage nicht aufs Spiel setzen. Nur in Köpenick haben wir unsere Ruhe:

 

1. Vor Schwaben

Zeit für das angekündigte Schwaben-Bashing: Noch sind sie keine Gefahr, noch sind sie vereinzelt und verschreckt hinter einigen Gardinen in Häusern nahe des S-Bahnhofs zu erahnen, von dem aus sie schnell und beinahe unerkannt ins Zentrum flüchten können, um ihren dialektbedingten Integrationsproblemen und Diskriminierungen zu entfliehen. So genießen wir die Stille, die zehn Kilometer zentrumwärts von einem Sparschwaben zerrissen wird, der bei jedem Toastbrotkauf sein Flipchart zum Preisvergleich aufstellt.


2. Vor Hertha-Fans

Ihre natürlichen Feinde, die Unioner, halten ihr Terrain sicher. Jeder ein Territorium, jeder eine Liga. So haben die Berliner Vereine sich das gut aufgeteilt. Nur, dass Union coole Fans abbekommen hat, Hertha nicht. Deswegen sind die Blauweißen immer so auf Krawall aus.


3. Vor veganem Döner

Denn Fleisch ist unser Gemüse. Von der gesunden Lebensweise der Unter-der-Woche-glutenfreie-Veganer-und-Donnerstag-bis-Sonntag-Koksnasen-Schnösel, die Hamburg und Prenzlberg wie ein transzendentales Band verbindet, bleibt Köpitown unberührt. Die Köpis sind sich einig: Am besten schmeckt der Döner ganz klar bei Mehmed. Letzterer guckt aus der Dönerbox in der Bahnhofstraße.


4. Vor veganen Frühstückscafés

In denen bis auf die MacBooks der Start-Up-Hipster alles auf retro ausgelegt ist, die aber mit ihren Superfood genannten Gemüsematsch-Stullen und dem 5€-Sojalatte besonders fortschrittlich sein wollen. In Köpitown habt ihr so etwas nicht zu befürchten. Hier wird nicht jede stilvoll abgeranzte Kneipe mit einem Elite-Restaurant ersetzt. Köpikunden verstehen es, jeden Ansatz von Prenzlberg-Marotten links liegen zu lassen. So überleben sie nicht einmal bei der kleinen Streberschwester, dem hipsterlosen Pberg-Abklatsch, dem Perfekte-Familien-mit-Matchatee-und-BioZischlimo-Dorf – Friedrichshagen. Kennen die Friedrichshagener unter euch noch den Smoothieladen neben dem Spielhaus? Nicht? Genau, so gekonnt haben wir ihn ignoriert. In Gedenken an den zur Lageauskundschaftung vorgeschickten Saftladen tolerieren wir nun den Teeladen, der ihn abgelöst hat.


5. Vor Touristen auf Segways

Für die gibt es hier schlichtweg nichts zu sehen. Wir haben schließlich weder Fernsehtürme noch U-Bahnen. Dafür aber waschechte Fahrradfahrer mit Helm, die für Stimmung sorgen und unter Gehupe und Geschrei der Autofahrer die Autokorsos anführen. Einzig in Friedrichshagen muss der Haußmann kein Tourist sein, um in Eigenregie auf seinem Segway herumzuleandern. Im Falle eines Haialarms sind wir ihn wohl los; da ist die DHL auf einem Dreirad schneller.


6. Vor schlechten Techno-Clubs

Es gibt einfach gar keine Techno-Clubs. Da kann man nichts falsch machen. Vielleicht gibt es auch einfach keine Clubs.


7. Vor Modetrends

Hier muss man sich nicht extra schräg anziehen, um seinem Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit Luft zu machen, und Gardinen aus den Achzigern und Hipsterhüte tragen, die kläglich „Seht mich!“ krächzen. Hier kann man seine old school tätowierte Freiluftkörperkultur mit vollem Geweih präsentieren und seine Köpenicker Jogginghose anlassen, die ein gechilltes „Fick dich“ in Richtung Fashion mault.

 

 

Fotos: Hendrik Roth und via GIPHY und tenor


Anaïs Scheel

Ein Beitrag von Anaïs Scheel

Kulturwissenschaftsstudentin, Weltenbummlerin, Kanadaverliebte. Schreibt am liebsten in lauten Cafés oder im RE zur Uni. Zitat: "Geduld ist Zeitverschwendung."