Folge 28: Der Strand

Sobald das Thermometer wieder über einen längeren Zeitraum verlässlich Temperaturen zwischen mollig und zart schmelzend anzeigt, beginnt unter Berlinern und Speckgürtlern ein jährlich zu beobachtendes Schauspiel. Ähnlich den Lemmingen zieht es die aufgeheizten Leiber in Scharen vom Müggel- bis zum Wannsee (der gar kein richtiger See ist, wie man in Friedrichshagen weiß) an jedes greifbare Gewässer, das nicht bei drei auf den Bäumen ist. Da der Mensch – anders als Fische, Quallen und dergleichen – nicht die nötige Hardware für einen dauerhaften Aufenthalt im kühlen Nass vorweisen kann, sind jene Wasseransammlungen besonders begehrt, die ein stilechtes Herumvegetieren in Ufernähe ermöglichen. Kurioserweise sind ausgerechnet die Seen, Flüsse und Teiche beliebt, die an eine Wüste grenzen. Sobald allerdings ein einziger Mensch diese Wüste betritt und ein Handtuch ausbreitet, heißt die Wüste nicht mehr Wüste, sondern Strand.

So ein Strand ist ein äußerst faszinierendes Biotop. Obwohl er bereits seit einiger Zeit Gegenstand der Forschung ist, weiß man im Grunde wenig bis nichts über die komplizierten Wechselwirkungen in diesem artenreichen Lebensraum. Einen Grund für diesen wissenschaftlichen Rückstand liefern die erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts eingestellten fruchtlosen Bemühungen, auf einem Strand Feld-Studien durchzuführen. Inzwischen kann das in Fachkreisen renommierte Maulbeerblatt nach monatelanger intensiver Arbeit zumindest einige Anhaltspunkte über die Fauna des Strands präsentieren. Hier nun weltexklusiv ein Auszug der Typologie der bislang bekannten Arten.

 

Die Exil-Sonnenbänkler: Artverwandt mit den Sonnenanbetern, harren Exil-Sonnenbänkler solange in liegender Position am Strand aus, wie auch die Sonne scheint. Der Aktionsradios fällt dabei besonders gering aus. Meist reicht es nur für ein bis zwei Drehungen. Jüngere Exemplare erkennt man am überraschten Gesichtsausdruck darüber, dass ein „Gang“ in der Natur deutlich länger dauert als die paar Minuten auf der Bank im vertrauten Studio.

 

Die Sport-Asketen: Diese scheue Art ist für gewöhnlich in den frühen Morgenstunden oder spät am Abend anzutreffen. Sie meidet andere Lebewesen und ist stets nur kurz am Strand vorzufinden. Dort ziehen sich die Sport-Asketen für gewöhnlich nur schnell um, wenn sie nicht bereits in hautengen Sportbadehosen aufgetaucht sind, um danach der körperlichen Ertüchtigung im Wasser zu frönen. Auf Körperpfaue (siehe unten) reagieren sie mit einem verächtlichen Brummton.

 

Die Crème de la Crème: Wer die Lockrufe „Sonnencreme!“ und „Lichtschutzfaktor 50+!“ beherrscht, hat gute Chancen auf Exemplare dieser Art zu stoßen. Die für gewöhnlich hellhäutigen Strandbewohner beziehen oft verlassene Strandkörbe oder suchen auf andere Weise Schutz vor UV-Strahlung. Die Crème de la Crème blickt oft mit Neid auf die Sonnenanbeter und Exil-Sonnenbänkler, da man selbst gern ausgiebig das Bad in der Sonne genießen würde, aber leider die zweifelhafte Fähigkeit hat, sogar bei Mondlicht schlagartig krebsrot zu werden.

 

Die Strandameisen: Diese gleichermaßen flinken wie lautstarken Geschöpfe zeichnen sich durch ihr scheinbar willkürliches Verhalten mit Hang zur Anarchie aus. Noch unzureichend erforscht ist das Territorialverhalten der vergleichsweise kleinen Zweibeiner. So werden manche sesshaft und erklären sich zum Herrscher ihrer eigenhändig erbauten Matschburg, während andere unter wildem Gegacker und Gejohle eher nomadisch den Strand erkunden. Strandameisen leben in enger Symbiose mit Eisverkäufern.

 

Die Körperpfaue: Die mit Abstand schillerndsten Strandbewohner stellen die Körperpfaue dar. Ausgeprägte Muskelpartien, ein geringer Körperfettanteil und ein dominantes Auftreten kennzeichnen die männlichen Vertreter. Die Weibchen fallen mit ultraflachem Bauch, sehr knapper Bekleidung und perfekter Bräune auf, was durchaus zu anerkennendem Kopfnicken der Sonnenanbeter und Exil-Sonnenbänkler führen kann. Für Körperpfaue ist der Strand der ideale Ort zur Selbstdarstellung und für die Balz.

 


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“