… unterm Kirschenbaum vergraben.
Gundermann, Poet.

„Gundi war Gundi. Gundi war ein Familienmensch, ein Heimatmensch, war ein Liedermacher, ein Intellektueller, war auch ein sehr streitbarer Mensch“, sagt Andy. „Also äußerst schwierig und widersprüchlich, würde ich sagen. Also als wären mehrere Personen in ihm gewesen“, ergänzt Alfons. „Ein sehr hilfsbereiter Mensch, manchmal auch sehr eigenwillig“, meint Elke. Gundi, wie sie ihn heute immer noch nennen, war „so‘n geliebter und gehasster In-den-Arsch-Treter, ohne den würde ich viele Sachen, die ich heute denke, nicht so denken“, wie Hugo weiß. Dort, in Hoyerswerda, wo er zu Hause war, erinnern sie sich an den „Spinner, der da mit'm Geigenkasten zur Arbeit“ kam.
Gundermann, Gerhard (Gundi) - Baggerfahrer, Rockmusiker, Liedermacher, D - in Arbeitskleidung an seinem Arbeitsort im Braunkohletagebau in der Lausitz - 1992
Foto: ullstein bild – Herbert Schulze

Arbeit: das war der Tagebau.

Dort fuhr er den Bagger. Und wenn er den nicht fuhr, dann zog er mit der Klampfe umher und sang. Oder er agitierte die Leute. Ging ihnen auf die Nerven: „ein junger Mann, der ganz putzige Texte schrieb und den sie alle Grigori Kossonossow nannten“, „ … einer, der arrogant war, überheblich war, sehr, sehr ungeduldig.“ „Er war schon ziemlich extremistisch“ , „ein liebenswerter, aber eben auch fordernder und anstrengender Charakter“, der ständig alle und alles verbessern wollte – und zwar sofort.

Nicht sofort und der Reihe nach kam das aber so: Gerhard Rüdiger Gundermann kommt am 21. Februar 1955 in Weimar zur Welt. Sein Vater ist Werkzeugmacher, seine Mutter arbeitet als Sachbearbeiterin und ist Gewerkschaftsfunktionärin. Die kamen aus „einer Generation, die um so vieles betrogen wurde“, und Gundi wird singen: „Die haben harte Hände und ein hartes Herz …, die suchen ein Vergnügen und finden nur den Schmerz.“

Als sich die Eltern scheiden lassen, ist er elf Jahre alt – und er zieht mit seiner Mutter von Frauenplan und Parkanlagen an der Ilm in einer der Plattenbausiedlungen von Hoyerswerda. Einige Kilometer nördlich der Stadt ist 1955 das Braunkohleveredlungswerk „Schwarze Pumpe“ entstanden. Ein Vorzeigeprojekt der jungen Republik – und ihre größte Dreckschleuder. Tagebaue zerreißen die Landschaft. Braunkohle schier ohne Ende. Bald wohnen und arbeiten hier in der Lausitzer Heide Zehntausende und verdienen ihr Brot.

Hier erblickt der Junge mit den Segelohren und der hässlichen Brille den „Abschaum der Menschheit“. In einem Schulaufsatz hat er das vermerkt. Backpfeifengesicht. Die Lehrerin ist entsetzt. Und sie macht ihm klar, dass er dazugehört. Denn sie weiß, auch bei Frau Gundermann mangelt es drei Tage vorm Lohntag an Geld und ansonsten wohl vor allem an Liebe.


Timur und sein Trupp und Pawel Kortschagin

Gerhard sehnt sich bald danach, „einer unter anderen zu sein“ – und ist doch auf dem Schulhof außen vor. Die Schwester landet im Jugendwerkhof.
Der Außenseiter muss andere Wege finden, um auf sich aufmerksam zu machen. Er will ein Held sein. Er will der Drachentöter sein. Er will das Böse bekämpfen. Und alles besser machen. Als junger Pionier erfährt er von den Taten all der Helden. Russland. Revolution und Thälmann und so. Timur und sein Trupp und Pawel Kortschagin. So muss man sein. So erobert man die Herzen und macht ganze nebenbei die Welt auch noch gut.

Die Pistole seines Vaters, übriggeblieben vom letzten Krieg und in der Schublade verstaut, steckt er, zwölfjährig, in die Tasche seiner Trainingshose und zieht los. Fern geht die Reise nicht. Die Volkspolizei nimmt sich seiner und vor allem der Pistole an. Der Vater wird wegen unerlaubten Waffenbesitzes ins Gefängnis bugsiert. Vom Sohn wollte er danach nichts mehr wissen. Er bricht den Kontakt ab und gibt ihm die Schuld für sein „versautes Leben“.

Einer glaubt: „Gundi war ein trauriger Mensch. Und aus seiner traurigen Klugheit heraus hat er wundervolle Texte geschrieben.“ Das war später. Aber hier hat es wohl begonnen. Als er 15 ist, stimmt er die erste eigene Gitarre und bringt sich in Übung mit der Begleitung zu „House in New Orleans“. Er wird in den Schulsingeklub aufgenommen und erste eigene Lieder entstehen.


Che Guevara auf der Spur

1973 – in Berlin werden gerade die X. Weltfestspiele der Jugend gefeiert – zieht Gundi mit Abitur und wehenden Fahnen zur Fahne, zur Armee, wie man in der DDR sagt, geht nach Löbau zur Offiziershochschule der NVA. Ein „Soldat der Revolution“ will er sein. Che Guevara auf der Spur. Politoffizier will er werden. Das sind die ganz harten Hunde, die allen, die es wissen wollen – und vor allen denen, die es nicht wissen wollen – die heile Welt der Republik erklären und die Worte wie Messer wetzen gegen die Feinde des Sozialismus in den Farben der DDR.

Aber Gundi fliegt raus aus dem Verein, als er sich weigert, dem DDR-Verteidigungsminister anlässlich seines Besuches bei den Genossen Offiziersschülern ein Lied zu singen – und ganz fix findet sich Gundi als Hilfsarbeiter im Tagebau Spreetal wieder. Auf der Abendschule lässt er sich zum Facharbeiter für Tagebaugroßgeräte ausbilden. In Rekordzeit schließt er die Ausbildung ab. Rekordverdächtig auch sein bleibendes Engagement, ein Held zu werden: Als Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland zieht es ihn 1977 in die Partei der Arbeiterklasse, wie das heißt.

Und Gundi wird interessant für das Ministerium für Staatssicherheit: Denn Vater Staat verlässt ihn nicht, gibt ihm, dem verkrachten Offiziersschüler, eine Chance. Irgendwann fragen sie ihn, und Gundermann sagt: „Klar, mach’ ich mit“, wie immer, wenn es um „die Sache“ ging. Er hat jeden Tag treu das Land gewärmt, hat das Parteistatut so ernst genommen wie sonst keiner, warum sollte er gerade in diesem Moment kneifen?

Gundermann ist nun IM. Deckname: Grigori. Alles ist ihm Poesie. Auch die unsichtbare Front. Die Kuh im Propeller: Erzählung Michail Soschtschenko. Erste deutsche Übersetzung unter dem Titel “Der Agitator”. Darin der Held: Grigori Kossonossow.

„Wir wussten“, sagt einer, der es erlebt hat, „dass er ja kein schlechter Typ ist und kein Schwein, sondern eher so‘n Revolutionsromantiker, der die Welt besser machen wollte, so eine Art Pawel-Kortschagin-Typ.“ Für Gundi stellt sich die Sache mit dem Kommunismus so dar:

„Wenn es diese Weltanschauung nicht geben würde, wäre ich irgendwann selbst darauf gekommen.“

Acht Jahre lang schreibt er Berichte: „kleine peinliche Sachen“. Über einen, der fremdgegangen sei, und einen anderen, der etwas geklaut habe. IM Georgi berichtet über „Spannungen“ in der Ehe von Kollegen und über eine Frau, die „mit einem Staatsbürger Frankreichs ein Verhältnis hat“, über kleine und größere Betrügereien im Betrieb, aber auch über unfähige Parteisekretäre. Das und manch anderes ist dem MfS dann doch eine Nummer zu viel und die Zusammenarbeit wird im Jahr 1984 beendet, denn die Stasi wertet diverse Anmerkungen des Kohlekumpels Gundermann als „parteifeindlich“. „Die Partei“ sieht das genauso, hängt Gundi ein Parteiverfahren an und spricht ihm eine „Strenge Rüge“ aus. Als auch das nichts hilft, werfen die Genossen ihn 1984 wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ aus der Partei.


Dichten, Singen, Baggerfahren.

Schichtenschieben im Tagebau: Künstlerkumpel Gundi, denn „ … auf der Bühne ist man ja auch so was wie ein Held“. Er reist mit dem Singeklub nach Westberlin und Paris und bekennt sich auf dem Festival des politischen Liedes in Ost-Berlin zu Partei und Staat. In Hoyerswerda gründet Gundi die Combo „Brigade Feuerstein“, gastiert beim Anti-Atom-Camp der SDAJ, der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend in West-Berlin, und macht eine Tournee durch Schweden, ist beim ersten Liederzirkus beim Liedersommer der FDJ mit Zirkus Olympia dabei, hat bald auch Soloauftritte als Liedermacher und erhält Hauptpreise beim Chanson-Wettbewerb der DDR und Liedersingen in Nowosibirsk.

Und im Lebenslauf steht: 1983 Hochzeit mit Conny und Kindern, Aufführung von „Glücksland“ mit Conny. Damals ein Film über Gundermann: 80er Jahre, DDR, Gundermann sitzt zwischen all den anderen Langhaarigen der Brigade Feuerstein. Hart und ohne Rücksicht spricht er über Disziplinlosigkeit, fordert bedingungslosen Einsatz und droht, die Gruppe zu verlassen. Einer sagt:

„Der Gundi ist viel zu autoritär, der kann die Leute nicht mitziehen, der tritt sie viel mehr, daß sie mitkommen.“

Kämpfer, Rebell, Revolutionär. Wer sein wollte wie Che Guevara, konnte keine Rücksicht nehmen auf Kollegen, Familie und Kinder. Wenn andere sich verlieben, schreibt er stattdessen Lieder.


Lieder einer abgehängten Zeit

1988 die erste Schallplatte „Männer, Frauen und Maschinen“. Dann ist es vorbei. Mit der DDR. Mit all den Träumen. Um zu retten, was zu retten ist, lässt sich Gundermann als Kandidat für die Vereinigte Linke zur Volkskammerwahl 1990 aufstellen. Das bringt nichts. Und Gundi sieht schon bald:

„Auf der Straße nach Norden/Dieser Teil der Welt ist anders geworden/Ich schwimme mittendrin in meinem alten Hemd/Gehöre noch dazu und bin schon ziemlich fremd.“

Lieder von einer abgehängten Zeit. Mit dem Verschwinden des Staates verschwindet auch sein Tagebau. Zehntausende Kumpel sind jetzt arbeitslos und die Bagger werden verschrottet. Gundermann lässt sich umschulen zum Tischler.

Er wird Vegetarier, radikaler Ökologe, jeden Weihnachtsbaum pflanzt er wieder im Garten ein und überredet sich fast jeden Morgen dazu, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, egal bei welchem Wetter. Gundermann stellt sich Aufgaben: Zusammenhänge will er begreifen, um Alternativen zu finden. Er schreibt Lieder und spielt Konzerte.

Seine Texte: spöttisch und bitter und subtil. Militante Poesie: kraftvoll oft und messerscharf, verletzend sind seine Texte. Immer wieder das eigene Leben: Aufbruch im Dienste des Guten und auch der Weltrevolution („mit ein paar außergewöhnlichen militärischen Aktionen den Weltfrieden herstellen“ und von den naiven Erwartungen des „Agitators“ IM Grigori („James Bond würde sich eine Pfeife anstecken können“), von der romantischen Verklärung Che Guevaras und Kubas („ach diese kleinen Katzen/ blutjung und ganz allein“).


Poesie der Melancholie oder das Leben als Krieg

„Das Militärische reizte mich immer“, sagt Gundermann im Interview. Und wer es heraushören will – oder muss, weil es auch seine Biographie ist –, der hört es: all die waffenklirrende Schlachtfeldmetaphorik – streng, logisch und konsequent. Das Leben eine abgeschossene Kugel, all die Rüstungen und Panzer, die Schilde und rostigen Säbel, die seine Lieder durchkreuzen, ein Konzert der Geschütze und Granaten, die Leuchtkugeln über den Bäumen und die leergebluteten Tanks, gehenkten Kaiser – und der Deserteur steht an der Wand. Und überall die Fronten, die Schützengräben und die Barrikaden, die verlorenen Posten, verloren im Niemandsland, am Ende der Welt.
Andere hören die Poesie der Melancholie, die an Erinnerungen sich täuschende Sehnsucht und die Todesnähe, wenn er über den Kumpel Helmut schreibt, den ein Schaufelbagger begrub.

„Abschied geht einfach. Ich geb nur den Helm ab/nehm das Handtuch, die Stiefel und vom Spind das Schloß“.

Oder Brunhilde, komm wir feiern noch Fest, bevor die Tassen fallen aus dem Schrank, wenn der Magen den Schnaps zurückschickt. Und dann Linda, die Tochter, ihr singt er zu:

„Du bist in mein Herz gefall’n wie in ein verlassnes Haus/ hast die Fenster und Türen weit aufgerissen, das Licht kam rein und raus.“

Denn die Pistole war geladen, „mit dem allerletzten Schuss“, doch er hat sie wieder „unterm Kirschenbaum vergraben/weil ich doch hier bleiben muss„

„Einsame Spitze“ und „Der 7te Samurai“, „Frühstück für immer“ und „Engel über dem Revier“ heißen die Alben, die Gundermann jetzt veröffentlicht. Arbeiter und Obdachlose, Intellektuelle und Weltenwanderer hören ihm zu. Sein Publikum wird zu der bedingungslosen Gemeinschaft, die es nach der „Wende“ so vermisst. Und obwohl Gundermann längst von seiner Musik leben könnte, geht er weiter arbeiten. Im Juni 1998 dann bleiben morgens seine Schuhe leer: Gerhard Gundermann stirbt mit gerade einmal 43 Jahren an einem Schlaganfall.

 

20 Jahre danach erinnert sich der Regisseur Andreas Dresen an den Singenden Baggerfahrer, den Springsteen des Ostens, wie sie ihn nannten: „Gundermann – Der Film“ läuft ab 23. August 2018 in den Kinos. Er erzählt von einem, der Poet ist, ein Clown und ein Idealist. Der träumt und hofft und liebt und kämpft. Ein Spitzel, der bespitzelt wird. Ein Weltverbesserer, der es nicht besser weiß. Ein Zerrissener.

„Gundermann“ ist Liebes- und Musikfilm, Drama über Schuld und Verstrickung, eine Geschichte vom Verdrängen und Sich-Stellen, wie es in der Ankündigung heißt. Dresen hat lange darum gekämpft, als Ostdeutscher diese ostdeutsche Biografie verfilmen zu können. „Wir dürfen uns nicht beschweren, wenn Filme entstehen, die vielleicht nicht unsere Sicht teilen. Wenn man sich die erzählerische Hoheit nicht nehmen lassen will, darf man sich nicht drücken“. Oder wie Gundi es gesagt hat: „Hier bin ich geborn/wo die Kühe mager sind wie das Glück/hier hab ich meine Liebe verlorn/und hier krieg ich sie wieder zurück“.


Marcel Piethe
Ein Beitrag von

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“


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