Künstler raus, Kaufhäuser rein
Alles muss raus! Wenn Berlin entrümpelt – und Kultur in der „Zu-verschenken“-Kiste landet.

Wie können wir denn Berlin so gestalten? Hat ja Potential, die Stadt. Ganz viel Toleranz und künstlerische Freiheit und am besten alles bunt und so. Da kann man richtig kreativ werden. Was ziehen wir also am besten an jeder Ecke hoch? Kaufhäuser. Parkhäuser. Noch mehr Kaufhäuser. Können echt nicht riskieren, dass die knapp werden.
Holzmarkt Berlin
Foto: Anaïs Scheel

So ein Kaufhaus ist doch was Handfestes. Kann man überall in der Innenstadt genehmigen, wo zu viel Luft zum Atmen ist. Kritisch wird dann nur das Drumherum. So eine Brücke zur East Side Mall im Sinne der Fußgängerschaft ist zum Beispiel schon viel verlangt.

Das hat der Investor jetzt so nicht durchdacht und das ist so nicht genehmigt. Brücke also nur zum Angucken da, sonst gibt es Ärger mit Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne).

Also bitte nur die Kaufhaus-Idee. Und laut ist es da ja eh, also müssen wir uns neben den Autos nicht auch noch Musik anhören. Künstler, bah…! Die wollen Förderung – also Gelder und Platz, und dann machen die Lärm, sogar sonntags.

Können die ihre sogenannte Kultur nicht einfach selber irgendwo wahren und erhalten? So dass alle Unternehmer unter dem hoch gehaltenen Image des crazy, free, artsy Multi-Kulti-Berlin weiter ihre Häusle baue können?

Naturschutz, Kulturschutz, also das wird jetzt auch einfach alles zu viel.

Liebe Künstler, lebt gefälligst von Luft und Liebe!

Nehmen wir zum Beispiel das Projekt Holzmarkt 25 in Friedrichshain. Viel zu kreativer Ort. Was daraus wird, hängt schon eine halbe Ewigkeit in der Schwebe. Arbeiten die für das Eckwerk-Areal einfach so tolle Ideen wie gemeinschaftliches Wohnen und Arbeiten aus. Gemeinschaft, was soll das überhaupt sein? Kann Baustadtrat Schmidt auch nichts mit anfangen. Da muss man denen natürlich die Unterstützung des Bezirks entziehen.

Als es im Mai 2018 hieß, es werde bis Sommer definitiv eine Entscheidung fallen, war ja nicht gesagt, bis zu welchem Sommer. So ist bis heute die Option eines Verkaufs des für den Projektausbau geplanten Areals nicht vom Tisch.

Und für die Zwischenzeit müssen auch ein paar Regeln her. Jeder kennt doch diese brutal zerreißenden Klänge des Jazz – das hält ja keiner aus. Also bitte nicht zu laut und auch nicht in der Mittagspause und schon gar nicht am Sonntag und doch bitte, bitte nicht am 1. Mai. Techno boomt an allen Ecken und Enden, aber ein bisschen Jazz nach 20 Uhr ist dann doch zu viel des Guten.

Und auch der Rock wird in Berlin immer kleiner.

„We are the underground and we will always be there.“

So heißt es im neuen Song der Death-Metal-Band WHAT’S LEFT BEHIND, die schon so manchen Headbanger-Abend im Café Köpenick veranstaltet haben.

Nur wo werden sie bleiben?

In ihrem Musikvideo, das sie vor kurzem auf Facebook hochgeladen haben, setzen sie ihren Proberaum in Szene und zeitweilig verirren sich ihre Screams und Breakdowns in Fluren und Fahrstühlen. In den Wänden des Rockhauses Lichtenberg dürfen sie laut sein bis spät in die Nacht. Es ist zudem gut erreichbar und bezahlbar. Ein in Berlin kaum vorstellbares Phänomen – das bald Geschichte sein soll.

Vor einigen Wochen hielten sie, wie auch ca. 1000 andere Musikerinnen und Musiker, plötzlich die Kündigung in der Hand – zum 31. Mai 2019 sollen alle raus. Obwohl es nach jahrelangen Verhandlungen nun so aussah, als wurde mithilfe des Senats eine Einigung gefunden.

So werden Hunderte von Musikschaffenden, die in verschiedensten Musikrichtungen bisher Bass an Bass proben konnten und sich nun auf die Suche nach neuen Dächern machen müssen, zu Konkurrenz.

Wer sich nicht retten kann, dessen Kunst liegt brach.

Musik wird auf die Straße gesetzt. Da darf sie nur vermutlich nicht laut sein. Denn bevor das Ordnungsamt eingestampft wird, ist schon der letzte Paukenschlag verklungen.

Berlin steht für seine freien Künstler, für künstlerische Freiheit. Wenn diese Freiheit gleichzeitig Vernachlässigung heißt, macht sich die Stadt frei von Künstlern. Dann gibt es nur noch Überlebenskünstler.


Anaïs Scheel
Ein Beitrag von

Kulturwissenschaftsstudentin, Weltenbummlerin, Kanadaverliebte. Schreibt am liebsten in lauten Cafés oder im RE zur Uni. Zitat: „Geduld ist Zeitverschwendung.“