Matthias Schmidt SPD für Soziale Gerechtigkeit

Die Bundestagswahlen stehen vor der Tür, am 24. September 2017 geht’s an die Urnen. Über 60 Millionen Bürger sind an diesem Tag aufgerufen, den 19. Deutschen Bundestag zu wählen. In Treptow-Köpenick (Wahlkreis 84) bewerben sich fünf Kandidaten verschiedener Parteien, die wir in einer Serie vorstellen möchten. Wer die meisten Erststimmen auf sich vereinigen kann und damit das Direktmandat erhält, zieht in den Bundestag.

Der Reigen wird von Matthias Schmidt (SPD) eröffnet. Er ist bereits seit vier Jahren Mitglied des Bundestags, hat aber 2013 nicht das Direktmandat gewonnen, sondern ist über die Landesliste ins Parlament gekommen. Trotzdem hat der Diplom-Verwaltungswirt im Wahlkreis schon Spuren hinterlassen. Nach vielen Jahren im Bundesinnenministerium ist er 2006 in die BVV von Treptow-Köpenick gewählt worden, wo er ab 2011 auch zum Fraktionsvorsitzenden avancierte. Wir haben mit ihm über Gregor Gysi, Martin Schulz und den 1.FC Union geredet.

Herr Schmidt, Hand aufs Herz, rechnen Sie sich Chancen gegen ihren größten Konkurrenten in Treptow-Köpenick aus, gegen Gregor Gysi von der Linken?
Ich trete an, um das Direktmandat für den Wahlkreis Treptow-Köpenick zu gewinnen: Ich denke, meine Erfolgsbilanz nach vier Jahren kann sich sehen lassen. Bundespolitisch habe ich sozialdemokratische Wahlversprechen umgesetzt. Und besonders für unseren Heimatbezirk habe ich sichtbar einiges erreichen können. Aber sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: nur einer von uns beiden kann direkt gewählt werden!

Sie sind vor vier Jahren am Tag nach der Wahl über einen Listenplatz, also quasi im Schlaf, in den Bundestag eingezogen. Gregor Gysi hat 2013 das Direktmandat zum dritten Mal hintereinander mit über 40 Prozent geholt. Haben Sie sich bereits eine Strategie überlegt?
Ich habe seit vier Jahren die gleiche Strategie, an der werde ich festhalten. Der Bundestagsabgeordnete ist ja ein zwei gespaltenes Wesen. Er ist für die Bundespolitik ebenso verantwortlich wie für den Wahlkreis. Mein Schwerpunkt ist stets der Wahlkreis. Ich besuche möglichst viele Veranstaltungen im Bezirk, bin in den Vereinen unterwegs, mache Haustürbesuche bei den Bürgern. Das werde ich auf alle Fälle fortsetzen.

Sie haben ja einiges im Bezirk angeschoben – sind Sie da Gysi voraus?
Ob er mir voraus ist oder umgekehrt, das mögen die Wähler entscheiden. Doch finde ich, dass ich mich nicht verstecken muss – auf mein Konto gehen das erhebliche Mittel des Bundes für eine denkmalgerechte Sanierung für das Strandbad Müggelsee, die Sanierung der Volkshochschule und der Kirche zum Vaterhaus im Baumschulenweg, ebenso der Fassade des Alexander von Humboldt-Gymnasiums, das Max Taut errichtet hat. Für alle Projekte konnte ich Bundesmittel einwerben. Ich konnte eine höhere Förderung für das ehemalige NS-Zwangsarbeiterlager in Schöneweide erwirken.

Die Leute spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Wie erklären sie sich Gysis Erfolg und wo sehen Sie Ihren Vorteil?
Gregor Gysi und ich, das will ich mal sagen, verstehen uns sehr gut. Wir treffen uns öfter bei einer Tasse Kaffee und überlegen, was wir gemeinsam für den Bezirk tun können. Ein Projekt, bei dem wir uns aber bislang die Zähne ausgebissen haben, ist der Regionalbahnhof Köpenick. Er soll ja kommen, aber die Bahn scheut offensichtlich die Ausgaben. Jeder von uns hat schon mit Ex-Bahn-Chef Rüdiger Grube darüber gesprochen, ich habe mich kürzlich mit Ronald Pofalla getroffen, der im Vorstand der Bahn AG ist. Und auch beim neuen Bahnchef Richard Lutz werde ich nicht locker lassen.

Und wo sehen Sie seinen Erfolg und Ihren Vorteil?
Kollege Gysis Erfolg liegt zweifellos in seiner Medienpräsenz. Er wird stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Meinen Vorteil hingegen sehe ich in der Präsenz im Wahlkreis.

Pokern Sie vielleicht ein bisschen auf den Schulz-Zug, der auch Sie mitreißen könnte?
Selbstverständlich! Alle Sozialdemokraten in Deutschland strahlen dank Martin Schulz ein unglaubliches Selbstbewusstsein aus. Wir müssen uns wirklich nicht verstecken. In der Groko hat die SPD viele eigene Programmpunkte umgesetzt, die Legislatur trägt eindeutig eine sozialdemokratische Handschrift. Nehmen Sie den Mindestlohn oder die Rentenangleichung zwischen Ost und West, das sind unsere Themen. Und kaum steht Martin Schulz im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, werden sie auch mit der SPD identifiziert.

Das sind soziale Themen – sehen Sie in Ihnen auf Bundesebene die größte Herausforderung?
Ja, es geht um soziale Gerechtigkeit. Die Leute spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn Ex-VW-Chef Martin Winterkorn nach acht Jahren Vorstandsvorsitz 3.100 Euro Rente pro Tag erhält! Und manch anderer, der das ganze Leben arbeiten gegangen ist, liegt gerade am Existenzminimum herum oder muss sogar noch aufstocken. Da geht die Schere immer weiter auseinander. Das gleiche gilt für den Bäcker, der immer seine Steuern zahlt, während ein internationaler Konzern wie Starbucks sich seit Jahren in Deutschland um jeden Steuercent drückt. Auch beim Arbeitslosengeld müssen wir nachbessern. Es kann nicht sein, dass langjährig Beschäftigte durch eine Entlassung nach ein paar Monaten vorm Nichts steht.

Wird das Thema Soziale Gerechtigkeit die Wahl entscheiden?
Ganz sicher, die soziale Gerechtigkeit wird eine große Rolle spielen. Auffällig finde ich zudem, dass die Gerechtigkeit inzwischen sofort mit der SPD gleichgesetzt wird. Die anderen versuchen uns jetzt hinterherzuhecheln. Aber das kommt gar nicht so gut an.

Und wie geht es mit Europa weiter?
Ebenfalls ein wichtiges Thema. Erdogan, Trump, Putin rütteln an Europas Grundfesten. Unser Kandidat aber steht wie kein Zweiter für Europa, für die politische Einigkeit. Er will an den Fehlern arbeiten, die das Gemeinwesen ohne Zweifel hat. Und er will, dass wir mit Europa wieder ein gemeinsames Ziel vor Augen haben.

Sollte Martin Schulz Kanzler werden – welche Koalition wäre Ihnen lieber: GroKo oder R2G?
Die GroKo hat fast vier Jahre lang gut gearbeitet, aber jetzt ist sie am Ende, das kann man im Bundestag, aber auch in den Medien allenthalben spüren. Darum kann ich für sie nicht weiter werben. Ich sehe aber leider auch keine andere Mehrheit, die die Regierungsverantwortung übernehmen könnte. Darum lassen Sie uns diese Frage auf die Zeit nach der Wahl aufschieben – wo sie übrigens auch hingehört. Natürlich ist es unser Ziel, dass es am Ende zu einer Koalition unter Führung der SPD reicht.

Schaut man auf Martin Schulz, spielt bei dieser Wahl wohl auch die Glaubwürdigkeit des Kandidaten eine Rolle. Wie würden Sie sich in diesem Punkt einschätzen?
Wenn ich mich nicht für glaubwürdig halten würde, könnte ich keine Politik machen. Ich habe in Treptow-Köpenick vor vier Jahren an 7. 000 Haustüren geklingelt. Immer wieder habe ich gehört: Ja, ihr seid gut, aber ihr macht es ja doch nicht. Denen antworte ich: Wir haben große Teile unseres Programms umgesetzt. Deswegen wurden wir gewählt. Und daran kann man unsere und meine Glaubwürdigkeit gerne messen.

Überhaupt: Was würden Sie als Ihre persönlichen Stärken und Schwächen bezeichnen?
Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit, aber ich bin auch offen, besuche jede Menge Veranstaltungen im Bezirk. Und ich veranstalte Führungen durch den Bundestag –übrigens ein echtes Erfolgsmodell mit über 1.000 Teilnehmern pro Jahr. Und dabei findet sich immer die Gelegenheit über Alltagssorgen der Menschen zu reden.

Und Ihre Schwächen?
Ein schwieriges Thema, da fragen Sie am besten meine Frau. Aber doch: Ich mache kaum noch Sport, weil mich die Politik so fasziniert. Inzwischen habe ich schon Bauch bekommen. Aber das soll sich wieder ändern.

Gregor Gysi und ich, das will ich mal sagen, verstehen uns sehr gut.

Apropos Sport, Sie engagieren sich sehr in diesem Bereich.
Ja, ich bin Mitglied im Sportausschuss des Bundestages. Das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Schöneweide freut sich seit drei Jahren dank meines Einsatzes über zusätzliche Mittel im Bundeshaushalt. Hier werden Sportgeräte wie Bob und Klappschlittschuh nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten weiter entwickelt. Ich will den Behindertensport auf Bundes- und Bezirksebene stärken. Besonders wichtig ist es mir, das Ehrenamt zu stärken; denn ohne die vielen Freiwilligen würde gar nichts laufen. Auch in diesem Bereich habe ich konkrete Vorschläge eingebracht.

Ehrenamt stärken – das ist so ein Schlagwort!
Ich war selbst 15 Jahre lang Vereinsvorsitzender bei den Treptower Teufeln und musste mich mit Steuererklärungen herumschlagen. Aber Ehrenamtliche sind keine Profis. Vereinfachte Steuergesetze für Vereine könnten vieles erleichtern. Auch sollten alle – wie bei der Arbeit – Extrakosten steuerlich abrechnen können, etwa ein Fußballtrainer, der jedes zweite Wochenende zum Auswärtsspiel fährt.

Was macht den Bezirk Treptow-Köpenick besonders attraktiv?
Nicht umsonst ziehen so viele Menschen in den Südosten. Wir haben urbane Strukturen, wir haben Einfamilienhaus-Gegenden, Naherholung mit Wald und Wasser und viele unterschiedliche Kieze. Und als Sportler sage ich nur: 1. FC Union.

Zwischenfrage: Glauben Sie, der Aufstieg vom 1. FC Union in die erste Bundesliga, könnte einen riesigen Hype um Köpenick verursachen?
Ich finde, der Hype ist schon da. Union ist etwas ganz Besonderes, und noch besonderer als andere Vereine ist er dadurch, dass er wohl wie kein Zweiter von der Bevölkerung und seinen Fans getragen wird. Union ist Köpenick und Köpenick ist Union!

Wo schneidet Treptow-Köpenick nicht so gut ab? Was müsste vielleicht verbessert werden?
Mir dauern viele Sachen einfach zu lange. Das ist am Müggelturm ähnlich wie beim Strandbad Müggelsee oder der Volkshochschule Baumschulenweg. Die Gelder sind zwar bewilligt, aber bis man die Projekte endlich umsetzen kann dauert es einfach zu lange. Oder denken Sie sich an den Regionalbahnhof Köpenick, von dem ich vorhin gesprochen habe.

Was verbindet Sie mit Treptow-Köpenick?
Ich wohne seit 25 Jahren in Grünau, der Bezirk ist meine Heimat. Meine Familie und ich, wir wollen hier auch nicht mehr weg. Und schließlich liegen hier die Wurzeln meiner politischen Arbeit. Über den Sport bin ich in die Bezirkspolitik geraten und von da in den Bundestag. Das gehört für mich zusammen.

Sie planen, im Wahlkampf bei den Bürgern an der Haustür zu klingeln. Welche Themen wollen Sie ansprechen?
Alter – und da meine ich nicht allein die Rente und Pflege, sondern will das Altern in Würde ansprechen. Weiterhin die Sicherheit –hier geht es mir um Alltagssicherheit, etwa dass man sich in seinem Kiez gefahrlos und ohne Angst bewegen kann. Der Aspekt ist in letzter Zeit ein wenig in den Hintergrund geraten. Und den Sport will ich ansprechen. Wir haben 220 Vereine im Bezirk, denen zur Seite zu stehen ist wichtig. Denn, was sie für unsere Gesellschaft leisten, wird meistens unterschätzt.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"