Diva in grau
Die Fotografin Helga Paris. Teil 1

Leben und Werk der Fotografin Helga Paris. Die Meisterin der poetischen Tristesse feiert ihren 80. Geburtstag. Ein jedes ihrer Bilder ist eine Geschichte. Eine Geschichte vom Alltag. Eine Geschichte vom alltäglichen Leben - Spurensuche in Schwarz und Weiß, immer irgendwo im Schattenland. In Bangalore und in Banja Luka, in Baku und in Cluj Napoca, in Glasgow, Hyderabad, Iasi, Minsk und Mumbai, in Odessa, Omsk und Tomsk, in Tbilissi und in Zagreb hat man ihre Bilder den Leuten gezeigt.
Die Fotografin Helga Paris sitzende auf dem Fußboden
Foto: ullsteinbild

Helga Paris, die Fotografin ist die Chronistin des langen ostdeutschen Nachkriegs. Über mehr als drei Jahrzehnte richtet sich ihr Blick auf die Menschen, die hier leben. Das Interesse und die Sympathie der Fotografin gehörten dem proletarischen Milieu der Großstadt: der herben, fast surrealen Schönheit der vom Krieg gezeichneten, ehemals bürgerlichen, nun proletarischen Straßenzüge und ihren Bewohnern.

Eine Künstlerin zu werden, war Helga Paris nicht in die Wiege gelegt. Am 21. Mai 1938 wurde sie als jüngstes von vier Kindern im pommerschen Gollnow, heute polnisch Goleniów, geboren. Eine Arbeiterfamilie. Mutter Gertrud war dem Vater Wilhelm, Schriftsetzer von Beruf und aus Überzeugung Kommunist, aus dem brandenburgischen Zossen ins Pommersche gefolgt. Großvater Greulich war einst, während der revolutionären Unruhen des Jahres 1918, mit Helgas Mutter, seiner ältesten Tochter Gertrud nach Berlin gereist, ihr Rosa Luxemburg zu zeigen. Familiengeschichten.

Jetzt sind Vater Wilhelm und auch die Brüder Wilfried und Werner im Krieg, als sich die Mutter im März 1945 mit den Töchtern Eva Maria und Helga den vor der Front fliehenden Flüchtlingsströmen gen Westen anschließt. Auf der Flucht prägen sich dem Kind unauslöschlich Bilder ein: Menschen in Sträflingskleidung in Waggons, Tiefflieger und Bombenheulen, Kadaver.

Die Mutter und ihre beiden Mädchen erreichen Zossen. Hier befindet sich seit 1939 das Hauptquartier des Oberkommandos des Heeres der Deutschen Wehrmacht. Für den 21. April vermeldet der Eintrag im Notizbuch der Mutter lakonisch: „RUSSEN“.


Zeitenwende

Die Rotarmisten bleiben bis 1994. In Zossen-Wünsdorf errichten sie das Oberkommando der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Auch Gertrud bleibt. Für sie und ihre beiden Töchter wird die Kleinstadt im Süden Berlins neue Heimat. Hier lebt noch ein Teil der weit verzweigten Familie: die Eltern noch und die Schwestern und Schwägerinnen und deren Kinder. Die Männer sind alle noch im Krieg.

Im Mai 1945 kehrt Vater Wilhelm zurück. Doch nur zwei Tage später wird er von einer russischen Militärstreife aufgegriffen: Er hat keine gültigen Papiere, wird in ein Lager verbracht. Der Kommunist Wilhelm nimmt nicht am Aufbau der neuen Zeit teil. Die Nachricht von seinem Tod im Lager erreicht die Familie nach Jahren. Tragik am Rande eines wüsten Jahrhunderts.

Nachkriegszeit. Es sind Jahre, geprägt von dem anregenden Zusammenleben mit den Tanten und deren Kindern. Eine der Tanten ist Fotolaborantin. Die Fotografie tritt in Helgas Leben. Und Berlin, die nahe Metropole ist im Alltag der Randberliner selbstverständlicher Bezugspunkt.

Als Helga das Abitur abgelegt hat, geht sie nach Berlin. Dort studiert sie Modegestaltung an der Berliner Ingenieurschule für Bekleidungsindustrie. In Ungarn tobt derweil der Aufstand gegen das kommunistische Regime. Unruhige Zeiten. An der Ingenieurschule trifft Helga auf den Kreis um den Maler Ronald Paris. Er unterrichtet Zeichnen und Kunstgeschichte – und wird 1961 ihr Ehemann. Das ist, als in Berlin die Mauer gebaut wird.

Ausstellungs- und Kinobesuche weiten den Horizont der jungen Frau. Es sind die Filme von Sergej Eisenstein, der italienischen Neorealisten und des französischen Nachkriegskinos, die ihr tiefe und bleibende Eindrücke hinterlassen. Die Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst wird ihrem Leben zunehmend wichtig.

Bis zur Geburt des Sohnes Robert im Jahre 1962 arbeitet Paris als Dozentin für Kostümkunde und übt sich als Gebrauchsgrafikerin.

„Mode war nicht mehr wirklich mein Traum, weil im Osten alles so konfektioniert war und nicht die freie Mode, die wir uns erträumt hatten.“

Knapp drei Jahre später kommt Tochter Jenny zur Welt. Wie viele andere greift Helga Paris in dieser Lebensphase zur Kamera. Festgehalten: das Familienleben, die Kinder.


Mach mal Fotografie!

Peter Voigt, der spätere Dokumentarfilmer, ist ein Freund von Helgas Mann. Beide haben sich am Rande der Proben des Berliner Ensembles unter Bertolt Brecht schätzen gelernt. Als Voigt ein Foto, das Helga von ihren Kindern gemacht hat, herumliegen sieht, sagt er: „Dit Bild is jut. Mach mal Fotografie!“

Das war 1967 – und wie ein Schicksal. Auf dem Bild äugten Robert und Jenny unter einer Gardine hervor. Schattenreich. Kinderland. „Und dann dachte ich mir ‚Naja, dann mach ich mal Fotografieʻ und nicht ‚Ich werde jetzt Fotografinʻ. Bis heute habe ich noch Schuhkartons voll mit alten Amateurbildern. Der Amateur ist der Liebhaber, der aus Zuneigung fotografiert und das ist tief in mich gegangen.“

Und so begann die ausgebildete Modegestalterin mit ihrer „Flexarett“, der tschechischen Rolleiflex-Kamera – Format: 6 mal 6 – ihre Welt in Quadraten anzusehen. Von nun an fotografiert sie bewusst. Paris sucht nach einem eigenen fotografischen Blick. Die Kunsterfahrungen mit der Malerei und dem Theater sind in ihren Fotografien eingeschrieben.

Ikonentaugliche Aufnahmen hält das Werk von Helga Paris bereit: Kinder mit Tiermasken, 1968, und Romana, Kollwitzstraße, 1982. Bilder, die infrage stellen – und zu nichts überreden wollen. Die anzusehen man nicht satt wird. Denen schon jetzt etwas Klassisches eignet: Was sie zeigen, ist niemals auserzählt – und überall und nirgendwo.

Helga Paris wird Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR und bewirbt sich für einen der Aufträge, die die Gesellschaft für Fotografie im Kulturbund der DDR an Fotografen vergibt. Diese Auftragswerke sind an kein konkretes Anliegen gebunden. Fotografieren in jenen Bereichen des Alltags, die im Allgemeinen der Hofberichterstattung der Massenmedien der DDR vorbehalten sind.


Die Autodidaktin sucht ihre Bilder

In den Gesichtern in der Kaufhallenschlange und im Hof, drittes Hinterhaus. Und 1984 in jenem Textilbetrieb, in dem sie bereits während des Studiums als Praktikantin gearbeitet hat. Paris fertigt eine Serie von mehr als zwanzig Porträtaufnahmen: Frauen im Bekleidungswerk VEB Treffmodelle Berlin.

Die Fotografien entstehen ganz in der Nähe des Arbeitsplatzes. Stark dialogische Momente zwischen Fotografin und Fotografierten. Ein Spektrum differenzierter Weiblichkeit vor Industrielandschaft. Eine strenge Reduktion auf das Porträt. Das Funktionsverständnis innerhalb der vorgegebenen Produktionsstruktur im Bild. Weibliches Selbstverständnis in den Fehlfarben der DDR.

Helga Parisʻ Fotos erzählen vom Alltag. Vom alltäglichen Leben. Von der Sehnsucht und der Angst – oftmals vor dem eigenen Leben. Und von den Spuren gelebten und so viel ungelebten Lebens.

Der Fotograf Arno Fischer regt die Kollegin an, die DDR nach dem Modell der amerikanischen Farm Security Administration der 1930er-Jahre zu fotografieren. Helga Paris nimmt diese Idee ernst, entscheidet sich als Motivfeld für Halle an der Saale, traditionsreiche mitteldeutsche Industriestadt, eine „Diva in Grau“. Hier hat die chemische Industrie das Leben geprägt. An der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle, Burg Giebichenstein, studiert seit Kurzem ihre Tochter und wird Goldschmiedin.

„Durch sie bin ich überhaupt auf Halle gekommen.“

Hätte Jenny in Rom studiert, hätte sie in Rom fotografiert. So hat sie eben in Halle wie in Rom fotografiert.

Die Kamera richtete Helga Paris in weiter Fokussierung auf die Stadt. Doch sehr bald sieht sie sich konfrontiert mit der aggressiven Ablehnung der Passanten. Die verwehren sich, auf diese ungefragte Weise in das Panorama eingestellt zu werden. „Gedemütigt und taschenschleppend“ wollten sich die Leute in ihrem Elend nicht auch noch fotografieren lassen. Riefen sie nach der Polizei und verlangten den Film.

„Da habe ich die Leute einzeln gefragt. Und als klar war, dass ich nicht von offizieller Seite kam – ich sah ja auch nicht aus, als käme ich von der Stasi – fassten sie Vertrauen.”

Seitdem schauten diese Menschen so ernst und ehrlich in ihre Kamera.


Häuser und Gesichter

In Halle an der Saale hält sie zwischen 1983 und 1985 „Häuser und Gesichter“ fest. „Ich habe Halle photographiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land – versucht, alles, was ich wissen und verstehen könnte, zu vergessen“, schrieb sie damals. Im Ausstellungskatalog dieser Bilder ist zu lesen:

„Wir, die Bewohner, müssen nun die Kraft aufbringen, diese fremde Sicht aufzunehmen, vielleicht sogar, um Schlüsse zu ziehen.“

Und Helga Paris stellt fest, dass es wichtig ist, eben diese Passanten ernstzunehmen: Wenn es ihnen ermöglicht wird, im Dialog mit der Kamera ein Bild von sich zu entwerfen, geben sie der Fotografin ihre Einwilligung. Über mehr als drei Jahre fotografiert sie immer wieder in Halle an der Saale. Es ist nicht ihre Absicht, die Zerstörung der Stadt zu zeigen. Es passiert, weil sie fotografiert, was zu sehen ist. Verfall am Leben.

Poetische Tristesse Althallenser Straßenzüge. Passanten sind aus den Straßenveduten verbannt, sie treten für sich auf, in Portraits einzeln oder in Gruppen. Der städtische Organismus feminisiert, das Öffentliche personifiziert, denn: keine Diva ohne Publikum. Manifest, doch der Blick auf den Wunden und Altersspuren der urbanen Physiognomie.

Katalog und Plakate waren schon gedruckt, als die Ausstellung kurz vor der Eröffnung in Halle verboten wird. Die Aufregung und Angst vor den stillen Bildern bleibt ihr unverständlich:

„Es sind harmlose Bilder, nur Gesichter und Häuser – viel Wirbel hat die Ausstellung nur gemacht, weil sie nicht stattgefunden hat.“


Marcel Piethe
Ein Beitrag von

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“


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