Neue Investoren in alter Brauerei
Auf dem Gelände der Berliner Bürgerbräu in Friedrichshagen sollen Wohnungen entstehen. Zwei Investoren treiben die Entwicklung des Geländes am Wasser voran. Ob nach 150 Jahren dort wieder Bier gebraut wird, bleibt ungewiss.

Seit neun Jahren wird in Friedrichshagen nicht mehr gebraut. Der Schornstein neben dem alten Kühlturm, ein Wahrzeichen des Ortsteils, bleibt kalt. Auf dem Gelände der größten eigenständigen Brauerei Berlins ist es gespenstisch still. Seit die letzten Brauer, die bayerische Unternehmer-Familie Häring, im Jahr 2010 ihr Unternehmen liquidiert und die Markenrechte an die Radeberger-Gruppe verkauft haben, wird über die Zukunft des Industriedenkmals gegenüber dem Spreetunnel spekuliert.
Die Brauerei Berliner Bürgerbräu vom Spreetunnel aus gesehen
Foto: Matthias Vorbau

Investoren kamen und gingen wieder, doch jetzt könnte es an der Müggelspree wirklich mal voran gehen. Zwei Investoren haben sich zusammengetan und rund 60 Prozent der Immobilie gekauft. Wo seit 150 Jahren Bier gebraut wurde, wollen sie schicke Wohnungen bauen. Die Goldmann Group aus Berlin und das Unternehmen Profi Partner AG aus München planen gemeinsam mit dem Bezirksamt Treptow-Köpenick ein attraktives Quartier am Wasser.


Nur ein Teil der Brauerei

„Wir haben vor zwei Jahren den mittleren Teil der Brauerei-Immobilie gekauft und arbeiten jetzt intensiv an den Planungen“, sagt Steffen Goldmann, der Wert darauf legt, dass er aus Friedrichshagen stammt und ihm deshalb die Zukunft des Ortsteils am Herzen liegt. Sein Unternehmen, die Goldmann Group mit Sitz in Prenzlauer Berg, hat sich seit der Gründung vor 20 Jahren auch auf die Sanierung denkmalgeschützter Altbauten spezialisiert. Mehrere Gründerzeithäuser in Prenzlauer Berg künden davon. Derzeit ist man gemeinsam mit der Firma Profi Partner AG aus München dabei, ein ehemaliges Proviantgebäude der preußischen Armee in Magdeburg zum Wohnquartier umzubauen. 125 Wohnungen sollen in den dortigen Backsteingebäuden entstehen.

„Auch in Friedrichshagen wollen wir Altes bewahren und den Stadtteil attraktiver machen“, sagt Dirk Germandi von Profi Partner AG. Sein Unternehmen, das bundesweit tätig ist, kennt sich aus mit der Entwicklung alter Brauereien: In Kreuzberg hat es einen Teil der ehemaligen Schultheiss-Brauerei am Viktoriapark, das sogenannte Kesselhaus-Quartier, entwickelt. Vier denkmalgeschützte Gebäude wurde auf dem Gelände an der Methfesselstraße gebaut beziehungsweise umgebaut, 70 Eigentumswohnungen entstanden. Auch in Weißensee, auf dem Areal der einstigen Sternecker Brauerei, entstanden Wohnungen.


Sanierungskosten und Sozialwohnungen

In Friedrichshagen sei man noch ganz am Anfang der Planungen, betonen beide Firmenchefs. Hier sollen insgesamt etwa 130 Wohnungen entstehen, die meisten davon in den Altbauten. Aufgestockt um ein Geschoss wird nur der alte Kühlturm in der Mitte des Areals, der zum Markenzeichen des neuen Quartiers werden soll – ein Wunsch der bezirklichen Denkmalschützer.

Ansonsten werde das etwa 14.700 Quadratmeter große Gelände nicht verändert, heißt es. Alle Gutachten, die zum Bebauungsplan gehören – zur Verkehrs- und Lärmbelastung sowie zur Umweltverträglichkeit – sollen im September fertig sein. Ende des Monats soll es dann auf dem Brauereigelände an der Josef-Nawrocki-Straße auch eine erste Bürgerversammlung geben, auf der die Investoren über ihre Pläne informieren wollen.

In Friedrichshagen, wo finanziell schwächere Haushalte und sogar Normalverdiener inzwischen kaum noch bezahlbare Wohnungen finden, wird es zweifellos Gesprächsbedarf geben: Etwa über das Verhältnis der eher hochpreisigen Eigentumswohnungen zum Anteil sozialverträglicher Wohnungen im neuen Quartier.

Das Land Berlin verlangt, dass bei jedem Bauvorhaben 30 Prozent Wohnungen entstehen, die nicht mehr als 6,50 Euro pro Quadratmeter Miete kosten. „Das wird hier sehr schwierig, weil die Sanierungskosten der alten Gemäuer exorbitant hoch sind“, sagt Investor Germandi. Es müsse alles wirtschaftlich machbar sein, verlangt er. Deshalb wolle man einen dreigeschossigen, barrierefreien Neubau auf das Gelände setzen, in dem die preisgebundenen Wohnungen entstehen könnten.


Öffentlicher Zugang zum Wasser

Warum sind die Sanierungskosten so hoch? Steffen Goldmann zählt auf: Die Bausubstanz sei beschädigt, viele Stahlkonstruktionen im Industriedenkmal seien korridiert, und wer wisse, welche baulichen Überraschungen noch zu finden seien. Man habe zudem eine „traurigen Müllhalde“ vorgefunden: „Wir mussten drei Monaten lang entrümpeln, haben gut 70 Tonnen Altpapier, mehr als hundert Gasflaschen und tausende leere Bierflaschen entsorgt.“

Einig mit dem Bezirk ist man sich darüber, dass es einen öffentlichen Platz auf dem Gelände sowie einen öffentlichen Zugang zum Wasser geben soll. Auch Gewerbe, etwa Arztpraxen, sollen im Quartier Raum erhalten. Diskussionsthema mit Anwohnern, aber auch mit dem Bezirk, wird auch sein, inwieweit sich die Investoren – wie bei Bauvorhaben üblich – an den Kosten der sozialen Infrastruktur beteiligen. Also an notwendigen Straßen-, Kita- oder Schulbauten.

Ebenso wird es darum gehen, ob es am Brauerei-Ufer einen Schiffsanleger geben kann, damit Menschen barrierefrei vom anderen Müggelspree-Ufer nach Friedrichshagen gelangen. Senat und Bezirk hätten diesen Anleger gern, die Investoren sehen ihn eher an der Pfeiffergasse in der Nachbarschaft.

Bei der Zahl der Parkplätze, ein leidiges Thema bei allen Bauvorhaben in Friedrichshagen, ist man offensichtlich schon weiter. Steffen Goldmann: „Das Thema Auto mit Benzin- oder Dieselantrieb wird sich in den kommenden Jahren erledigt haben. Der Stadtraum verändert sich, auch außerhalb des Zentrums.“ Mehr als 50 bis 60 Stellplätze, die in den Brauerei-Katakomben untergebracht würden, soll es deshalb auf dem Gelände nicht geben.

Dafür denke man über Stellplätze für Fahrräder, Lastenräder und E-Bikes sowie über Ladestationen für Elektroautos nach. „E-Mobilität ist die Zukunft, es gehört daher schon heute zum Standard, die entsprechende Infrastruktur mit den Stromversorgern zu vereinbaren“, sagt Goldmann.


Und der Rest der Brauerei?

Im Bezirksamt freut man sich über die neuen Investoren, wie die Chefin des Stadtentwicklungsamtes Ulrike Zeidler sagt: „Es ist schön, wenn es dort nach diversen vergeblichen Versuchen endlich voran geht.“ Auch sie betont, dass man sich noch ganz am Beginn der Planungen befindet. Diese sollen übrigens das gesamte Brauereigelände umfassen, der aktuell betroffene Mittelteil soll dabei aus der Gesamtplanung herausgelöst und beschleunigt entwickelt werden.

Wann genau die Bauarbeiten beginnen, kann derzeit niemand sagen. Wird wie hier nach Bebauungsplan gearbeitet, können schon mal zwei Jahre vergehen, bis die Bagger kommen. Und schon gar nicht weiß man im Rathaus, was mit dem Rest der Brauerei passiert, die die neuen Investoren nicht kaufen konnten.

Rund 40 Prozent des Geländes sollen sich noch im Besitz der Brauerfamilie Häring befinden.

Dazu zählen neben der Weißen Villa, dem alten Sudhaus und dem Bürgerbräu-Restaurant am Müggelseedamm auch der hohe Schornstein und umliegende Gebäude. „Wir haben leider keinen Kontakt zu den anderen Eigentümern und kennen ihre Pläne nicht“, sagt Stadtplanerin Ulrike Zeidler.


Ein historischer Ort

Im Jahr 1992 sah es noch gut aus für Bürgerbräu. Die Friedrichshagener Brauerei, in der zu DDR-Zeiten vorrangig für den Export gearbeitet wurde, schien als „Familienbrauerei im Grünen“ eine gute Entwicklung zu nehmen. Man befand sich an einem historischen Ort: Schon seit dem Jahr 1753 wird vor Ort Bier und Branntwein ausgeschenkt.

Die eigentliche Brauerei nahm im Jahr 1869 die Arbeit auf, als der letzte Dorfschulze, der Kaufmann Hermann Schäfer, das damalige Schulzengut für 12.000 Taler erwarb und ein Jahr später die erste Brauerei namens „Lindbrauerei“ eröffnete. Nach einer Zwangsversteigerung übernahmen im Jahr 1888 Wilhelm Wallburg und sein Partner Jansen das Unternehmen und gaben ihm den Namen „Müggelschlößchen-Brauerei“. Es entwickelte sich eine der ertragsreichsten Brauereien in der Gegend, die im Jahr 1901 von einer Genossenschaft übernommen wurde.

Der Betrieb wurde aufwändig um- und ausgebaut, ein Schiffsanleger entstand, die benachbarte Klut’sche Villa wurde dazugekauft. Neben Schultheiß und Kindl behauptete sich Bürgerbräu als eine der großen Biermarken in Berlin. Nach dem zweiten Weltkrieg, in dem es zu schweren Schäden in der Fabrik kam, produzierte man zunächst als UdSSR-Betrieb für die sowjetische Armee; nach 1949 wurde die rückübertragene Brauerei volkseigen und war im DDR-Getränkekombinat für den Export zuständig. 16 Länder wurden beliefert.

Mit dem Berliner Familienzweig der Härings seien keine Gespräche oder Absprachen möglich.

Im Jahr 1992 soll die bayerische Brauerfamilie Häring, die seit 1960 im oberpfälzischen Loifling die Hofmark Brauerei betreibt, das Unternehmen für einen Euro von der Treuhand bekommen haben. Die neuen Eigentümer schlossen Verträge unter anderem mit der Steakhaus-Kette Blockhouse, dem KaDeWe und etlichen Restaurants. Neue Sorten wurden kreiert. Ob Rotkehlchen, Pils, Maibock oder Bernauer Schwarzbier, exportiert wurde weiterhin, bis nach Japan.

Doch zu der selbstbewussten Belegschaft, die auf etwa zehn Prozent reduziert wurde, fanden die neuen Besitzer nie den richtigen Draht; ehemalige Mitarbeiter berichten von Arroganz und „Wessi-Gehabe“. Zuletzt wurde die übermächtige Konkurrenz der immer größeren Brauereikonzerne zu übermächtig; im Jahr 2010 verkaufte man Markenrechte und Rezepturen an die zum Oetker-Konzern gehörenden Radeberger Gruppe.

Damals hatte die einstige Brauereichefin Tina Häring noch erklärt, sie wolle in Friedrichshagen eine kleine Bio-Brauerei aufbauen, deren neue Marke Köpenicker Bürgerbräu heißen soll. Ob dieses Vorhaben noch aktuell ist, war nicht zu erfahren. Tina Häring, die unweit der Brauerei wohnt, war für Nachfragen nicht erreichbar.

Auf der Internetseite des Unternehmens heißt es seit langem lapidar: „Die Seiten der Berliner Bürgerbräu werden überarbeitet.“ Die dort angegebene Rufnummer sei nicht bekannt, wird von einer kühlen Frauenstimme mitgeteilt.

Investor Steffen Goldmann sagt, man habe nur Kontakte zu jenem Teil der Familie, der in Bayern lebe. Mit dem Berliner Familienzweig der Härings seien keine Gespräche oder Absprachen möglich. Ob sich diese Verweigerungshaltung aufrecht erhalten lässt, wenn das Bezirksamt sich meldet, um konkrete Pläne für das Brauereigelände abzusprechen, bleibt abzuwarten.


Infoveranstaltung am 27. September 2019
Die Investoren informieren über ihre Pläne.

Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“