peter groos

grooseNach den Wahlen sollte klar sein, wer im Parlament sitzt. SPD-Wähler können sicher sein, dass ihr Vertreter ein Sozialdemokrat ist. So auch bei den Linken, der CDU, bei den Grünen … Halt, stopp, das war doch was! Oder eher: nichts! Allenfalls eine Riesen-Schummel-Packung! Andrea Gerbode, Grünen-Spitzenkandidaten aus Treptow-Köpenick, sitzt gar nicht mehr in der BVV. Sie hat, wie zu erfahren war, ein einmaliges Jobangebot erhalten und möchte sich aus den Niederungen der Lokalpolitik zurückziehen. Der andere Kandidat, Peter Groos, ist zwar in der BVV, hat aber die Partei gewechselt. Kein Einzelfall, wie wir sehen werden!

Im Prinzip sind bei der Geschichte um Peter Groos die Messen gesungen. Allerdings gibt es Hinweise auf größere Zusammenhänge. Darum also Peter Groos. Wer das genau ist? Peter Groos ist der Norbert Lammert von Treptow-Köpenick, der frühere und neue BVV-Vorsteher. Er vertritt die Bezirksverordnetenversammlung, ist ihr Repräsentant und Organisator. Meistens nimmt man ihn wahr, wenn er Sitzungen leitet und die Bezirksverordneten in die Schranken verweist. Ein ehrenvolles und vor allem neutrales Amt. Diesen Posten hatte Peter Groos schon vor der Wahl im September und hat ihn jetzt immer noch. Alles okay soweit. Doch Bürger, die am 18. September in der Wahlkabine ihr Kreuzchen hinter einen grünen Groos gesetzt haben, fanden nach der Wahl, dass er rot ist. Alles so schön bunt hier? Ein Chamäleon? Das Problem: So viele haben gar nicht ihr Kreuzchen hinter Peter Groos gesetzt. Zumindest nicht so viele, dass die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in Treptow-Köpenick einen Anspruch auf diesen Posten hätte erheben können. Das Ergebnis erlaubte den Grünen ebenso wenig, einen Stadtrat zu stellen. Darauf nämlich hatte Peter Groos in erster Linie spekuliert.

Da war nun guter Rat teuer. Wie teuer das Angebot der SPD war, die Partei zu wechseln und BVV-Vorsteher zu bleiben, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis. Immerhin ist es ein neutrales, überparteiliches Amt. Wen interessiert da, ob rot oder grün? Oder die veränderten Mehrheitsverhältnisse in der BVV, in der Grüne nicht mehr zur Zählgemeinschaft gehören, sondern Rot-Rot jetzt das Ruder in der Hand hält. Überhaupt: So dramatisch ist das alles nicht. Wer fragt nach Parteiübertritten – typisch deutsch! Andere wechseln ihre Ehefrau oder ihre Versicherung oder ihren Handy-Tarif. Ausgerechnet an der Gesinnung jedoch soll man festhalten?

Schließlich kommt es nicht das erste Mal vor, dass Politiker auf ihrem rutschigen Parkett in die Fänge anderer Parteien geraten. Das Maulbeerblatt, Speerspitze der investigativen Wahrheitspresse, hat sich aufgemacht, knallhart zu recherchieren und ist prompt fündig geworden. Das augenfälligste Vorbild fanden wir in Otto Schily. Der hat erst als Verteidiger von RAF-Terroristen von sich reden gemacht, war Gründungsmitglied der Grünen, saß vier Jahre für die Protestpartei im Bundestag. Und dann? Dem Realo passten mangelnde Kompromissfähigkeit, Konflikte und Streitereien nicht. Nachdem er 1989 nicht zum Fraktionschef im Bundestag gewählt wurde, legte er sein Mandat nieder und – suchte Zuflucht unter den Fittichen der SPD, der Mutter aller Parteien, wenn man so will.

Ähnlich hat der Realo Peter Groos bei der konstituierenden Sitzung der BVV argumentiert. Zu viel Streit, zu wenig Pragmatismus. Ralf Henze von der FDP hatte gefragt, wo Groos seine „grüne Joppe“ gelassen habe. Im Schrank? Im Müll? Es war der emotionalste Moment des Abends, der ja ansonsten bloß ein Abstimmungsmarathon darüber war, wer Stadtrat wird und wer nicht – und eben auch BVV-Vorsteher. Henze wollte einen, der ihn, den FDP-Verordneten, angemessen vertritt. Einen, der nur nach Posten schiele, mochte er jedenfalls nicht wieder ins Amt wählen. Aber nein, weit gefehlt. Peter Groos sprach von seiner politischen Heimat. Die könne Groos bei den Grünen nicht mehr entdecken. Zu wenige Kompromisse, zu viel Streit. Punkt. Dass er seit 1999 für die Grünen im Bezirk tätig war, sie zehn Jahre in der BVV vertreten hat – davon kein Wort. Seine alten Mitstreiter waren von dem Joppentausch ohnehin nicht begeistert – verständlicherweise. An einen Streit kann sich die neue Fraktionschefin der Grünen, Claudia Schlaak, auch nicht erinnern. Ob Ralf Henze sich überzeugen ließ?

Zurück zu Schily, der ja auch mehr Kompromisse und eine pragmatische Politik gefordert hatte. Eine Parallele zu Groos? Schon, aber Schily wechselte zur SPD, nachdem er nicht zum Fraktionschef gewählt wurde. Peter Groos verließ die Grünen, nachdem er gewählt wurde. Aber wollte er dann vielleicht der Blamage entgehen, nicht zum BVV-Vorsteher gewählt zu werden? Hat er mit dem Parteiübertritt den Dingen vorgegriffen? Was macht man denn, wenn man nicht in der letzten Reihe einer Mini-Fraktion sitzen will? Sondern lieber vorne auf dem Chef-Sessel? Genau! Man geht zur SPD, wird in fünf Jahren vielleicht sogar noch Stadtrat.

Schily hat als „harter Otto“ am Ende eine beneidenswerte Karriere hingelegt, wurde Innenminister, der – nur am Rande – sogar seinen knallharten Vorgänger Manfred Kanther (CDU) rechts überholt hat. Warum sollten sich nicht auch Peter Groos neue Wege eröffnen. Ohne Zweifel macht er einen guten Job in der BVV. Er ist gewissenhaft, korrekt, eloquent, ein Typ, an dem man nicht vorbeikommt. Ein BVV-Vorsteher, der die allgemeine Anerkennung hat.

Das Maulbeerblatt hat noch so einen Fall aufgestöbert: Matthias Platzeck. Er engagierte sich in der DDR in der Grünen Liga und wurde als Parteiloser für die Grünen in die letzte Volkskammer der DDR gewählt. Nach der Wende trat er dem Bündnis 90 bei und wurde in einer Koalitionsregierung Brandenburger Umweltminister. Allerdings widersetzte sich Platzeck einer Vereinigung mit den Grünen. Ahnte er, dass man dort keine Aufstiegsmöglichkeiten hätte? Nach einigen Eskapaden fiel er in den Schoß der SPD, aber seinem Aufstieg hat das keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Er war am Ende der Landesvater von Brandenburg.

Und Peter Groos? Wird er unser künftiger Bezirksbürgermeister?


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"