(No) Sex in the City

Oder wie ich 2023 versuchte, eine MILF zu werden
Eine nackte Frau unterm geschmückten Weihnachtsbaum
Illustration: Björn K. I. Hofmann

Januar

Nachdem sich meine Freundin B. erfolgreich aus ihrer sexnegativen Ehe herausgevögelt hat (Danke nochmal an den jungen Mann, der sich getraut hatte, eine Ü40-Frau zu daten!), weihen wir mit viel Sekt und „Holla, jetzt geht’s aber nochmal rund“-Gesprächen ihre neue ehegattenfreie Wohnung ein. Dabei stellt sich heraus, dass es ein eklatantes Sex-Gap unter den anwesenden Frauen gibt – und zwar unabhängig davon, ob die Frau in einer Beziehung lebt oder nicht. Wir tauschen Tipps aus. Welche Datingplattform taugt? Welche der empfehlungswürdigen Liebhaber sind noch nicht ausgelastet und bereit für love sharing? Zeit für „gute Vorsätze“. Freundin D. fragt, ob ich bei der „Planking-Challenge“ mitmache, um unsere Bauchmuskeln zu trainieren. Ich sage: „Ja, klar“. Lese später, dass jeder Mensch etwa hundert Mal am Tag lügt. Tja, kann man wohl nichts machen.

Februar

Bin mit den Freundinnen B. und D. bei einer Lesung in Prenzlauer Berg. Vorgestellt wird das Buch „Midlife“- über Menschen in den mittleren Jahren (Nein, man sagt nicht mehr Wechseljahre!). War ein Geburtstagsgeschenk … Freue mich sehr sehr verhalten.
Erotik ist in der Partnerschaft ein ganz schwieriges Thema.
Im Publikum vorwiegend Ü40-Frauen, die Wein trinken und sich sehr schick gemacht haben. Was das Buch gegen den unaufhörlichen Verfall empfiehlt, weiß ich nicht mehr. Bin zu sehr damit beschäftigt, die Körpersprache der Autorinnen zu studieren und den durchdringenden Geruch verschiedener Parfüms um mich herum zu ignorieren. Aber an einer Stelle bin ich wieder hellwach, nämlich als das Akronym „MILF“ erklärt wird: Mother I’d like to fuck. Bin elektrisiert. Endlich weiß ich, was ich werden will – eine MILF!

März

Die Flohmarktsaison startet. Ich sortiere Sachen aus. Klamotten, aus denen das „Kind“ rausgewachsen ist. Handtaschen, die meine Schwiegermutter (Oma R.) vor Urzeiten auf Flohmärkten gekauft und dann, „weil das doch bestimmt heute wieder modern ist“ per Post dann durch die halbe Republik zu uns geschickt hat. Und einen pinken Vibrator. Das Gerät ist ansehnlich, erfüllt nur seinen Zweck nicht. Es geht als erstes weg. Die Käuferin (Ü60) versteckt ihn in der Dolce&Gabbana-Fake-Handtasche von Oma R. und zieht zufrieden von dannen.

April

Bin auf Kur an der See. In einer Frauenklinik. Die Psychologin fragt, welche Themen ich so mitgebracht hätte. Sage: „Verschiedene“. Die Arbeit nervt. Das Kind pubertiert und zeigt dabei hormonell bedingte Verhaltensauffälligkeiten, mit denen ich mich nur schwer abfinden kann. Und Erotik ist in der Partnerschaft ein ganz schwieriges Thema. Die junge Frau nickt bedeutungsvoll. Das Gespräch hat sie mit nahezu identischem Inhalt schon dutzende Male mit fast allen der 40- bis 55-jährigen Patientinnen geführt. Sie entlässt mich mit den Worten „Tun Sie hier, was Ihnen guttut. Probieren Sie ruhig mal Neues aus“ - und meint damit nicht das hauseigene Kreativangebot „Muschelcollagen basteln“. Bevor ich zur Tür raus bin, warnt sie freundlich: „Einige Männer auf der Insel haben sich auf die Kurfrauen ‚spezialisiert‘. Und ich muss das dann in meinen Sprechstunden hier ausbaden.“

Mai

Freundin B. ist knallverliebt und hat den Sex ihres Lebens. Mich mit ihr zu verabreden, ist nahezu unmöglich. Ihr Terminkalender birst vor Aktivitäten mit dem Neuen. Gönne ich ihr sowas von! Zeitgleich postet auch Freundin A. glückliche Fotos von ihrem deutlich jüngeren Lover. Mein letzter Sex war …also zu zweit …ja wann eigentlich?

Juni

Besuch bei meiner Frauenärztin. Habe kürzlich einen Bestseller über die Wechs..*piep*..re gelesen. Sage ihr, dass ich diese modernen scharfmachenden Hormonpräparate auch will und zwar dalli. Sie lächelt nachsichtig und schlägt erstmal einen Bluttest vor. Ich soll im Januar wiederkommen. Ob ich schonmal daran gedacht hätte, meine sexuellen Bedürfnisse außerhalb der Partnerschaft auszuleben? Mein Mann müsse das ja nicht wissen …Tolle Frau!

Juli

Diese Hitze! Ist das nur der Sommer oder etwa schon mein ganz persönlicher „Klimawandel“? Verbringe nachts mehr Zeit in der Dusche als im Bett.

August

Mann und Pubertier sind im Urlaub. Ich buddle nach der Arbeit im Garten rum und schaue abends abwechselnd „Fuck Berlin“ und „Die Paartherapie“. Wer hätte das gedacht, dass die Öffentlich-Rechtlichen nochmal auf diese Weise ihrem Bildungsauftrag gerecht werden?

September

Viel Arbeit, viel Stress. Masturbiere mich abends erschöpft in den Schlaf.

Oktober

Bin zu Selbsterfahrungszwecken ein paar Tage in der Provinz. In der Gruppe wird achtsam gesprochen, noch achtsamer Feedback gegeben, meditiert und zu Musik holotrop geatmet.
Neben mir atmet und stöhnt sich Andreas in Trance.
Tobias beginnt zu zittern und zu weinen. Die hochschwangere Lisa streichelt ihren Bauch, sie darf nicht so tief atmen. Ich spüre irgendwann lang vermisste Gefühle im Unterleib. Bekomme Lust zu vögeln… Na sowas, viva la vulva! Als mir abends einer der Kursteilnehmer ein eindeutiges Angebot macht, ist die Versuchung riesengroß. „Ja, endlich mal wieder ficken!“, rufen die Hormone begeistert und drehen voll durch. „Sag mal, bist du bescheuert?“, kontert das Hirn und präsentiert in zwei Nanosekunden 46 Gründe, warum ich mit dem Mann auf keinen Fall aufs Zimmer gehen sollte. Ich, endlich eine MILF!? Bin fix und fertig.

November

Habe beschlossen, mir und meinem Partner neue erotische Erfahrungen zu gönnen. Bestelle einen Adventskalender mit Erwachsenenspielzeug. Bin gespannt, was da wohl drinsteckt: BDSM-Toys? Klitorisvibrator? Einen Umschnalldildo würde ich heimlich vorher austauschen. Gegen etwas Ähnliches aus Schokolade. Ist besser so…

Dezember

Der Kalender hätte längst da sein müssen. Behelfe mir anderweitig. Kaufe ein Massageöl und ein lustig surrendes Dingsda im Drogeriemarkt. Aber wann ausprobieren vor lauter Vorweihnachtsworkload? Merkwürdig, die Nachbarin, deren Wohnung an unsere grenzt, kichert und stöhnt neuerdings nachts auffallend laut. Habe einen Verdacht …Die wird doch nicht …? Klingele am Nikolaus-Abend bei ihr Sturm. Sie öffnet einen Spalt weit die Tür. Ihre Wangen glühen. Am Handgelenk baumelt eine flauschige Handschelle. „Das ist meine!“, rufe ich empört. Sie schluckt kurz, holt dann tief Luft: „Ja, stimmt.“ Bevor ich mich weiter ereifern kann, fragt sie mit einem geübten Augenaufschlag: „Willst du mitmachen? So wird’s noch kuscheliger!“ Aus dem Hintergrund ruft eine Stimme: „Kommst du? Oder ihr? Mir wird langsam kalt hier …“. Denke: „Die Stimme kenne ich doch!“ Dann wird es plötzlich dunkel im Treppenhaus. Schon wieder Stromausfall in Köpenick? Macht nichts. In meinem Inneren, da leuchtet es geheimnisvoll.

Editorial

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