Sie berlinern, sie sind Mode, sie polarisieren, sie sind Mia. Die Elektropop-Band rockt gerade auf ihrer Jubiläumstour „Nie wieder 20“ mit „Prada Meinhoff“ im Gepäck durch Deutschland und spielt am Freitag, den 13. April, im Astra Berlin. Frontfrau Mieze Katz freut sich über das Familiengefühl in der Band und auf kleine Missgeschicke auf der Bühne.

20 Jahre Mia – habt ihr jemals die Nase voll gehabt?
Ich finde es wichtig, sich in 20 Jahren Beziehung regelmäßig die Frage „Passt noch alles?“ zu stellen. Wir konnten sie glücklicherweise jedes Mal mit „Ja, passt.“ beantworten. Was zu diesem tollen Jubiläum und einem unvergleichlichen Familiengefühl geführt hat.

Kannst Du Dich noch an eure erste Probe damals als Schülerband erinnern?
Ja, sehr gut sogar. Wir haben Songs von „R.E.M.“ und „Skunk Anansie“ gespielt und als uns das zu langweilig wurde, fingen wir mit eigenen Liedern an. Ich hab mich auf Englisch und Deutsch versucht und die Jungs haben auf ihre Instrumente mehr eingedroschen, als dass sie wirklich auf ihnen spielten. Es war ungestüm, ungeschickt und ungeschminkt. Einfach herrlich.

 Geht ihr als Band zusammen feiern?
Ja. Vor allem gehen wir zusammen auf Konzerte. Letztens waren wir bei „The Golden Choir“ und die Woche darauf bei „Haiyti“. Bei einem solchen Konzertbesuch entdeckten wir auch unsere Vorband für unsere aktuelle Mia.Tour: „Prada Meinhoff“.

Hast Du bei Live-Auftritten Angst, etwas zu vergeigen? Bei einem bestimmten Song den Text zu vergessen, das Mikro ins Publikum zu werfen oder auf dem Weg auf die Bühne über ein Kabel zu stolpern?
Mir ist alles schon mal passiert. Text vergessen, Mikrofon fallengelassen, über ein Kabel gestolpert. Irgendwie gehört das auch dazu. Und im Laufe der Zeit habe ich einen Humor entwickelt, der es mir erlaubt, mich auf all diese kleinen Missgeschicke zu freuen. Am wichtigsten finde ich, diese Dinge zu thematisieren und sie nicht zu verschweigen. Um es mit Tim Bendzko zu sagen:

„Ich bin doch keine Maschine, ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut.“

Ich habe etwas von einem neuen Album läuten hören. Welche Emotionen und gesellschaftlichen Themen greift ihr darin auf?
Unsere Alben sind wie Tagebücher, wobei wir vor allem die Dinge thematisieren, die uns selbst am meisten beunruhigen, fragend zurücklassen oder tief berühren. Man muss dieser Tage nur die Nachrichten schauen und in sein Herz, dann weiß man, worum es auf unserer nächsten Platte geht.

Für ihre 2003 erschienene EP „Was es ist“ wurden Mia. damals geradezu angefeindet. In einer heftigen Debatte um deutschen Nationalstolz und Patriotismus landeten sie für viele schnell in der Nationalistenschublade. Wie siehst du das heute? Rückblickend auf diese Debatte: Hatten die Kritiker recht?
In „Was es ist“ geht es um die Frage nach der Identität. Wenn ich damals, 2003 war das, auf Reisen war, fiel es mir immer leichter zu sagen, dass ich aus Berlin komme. Dass ich aus Deutschland komme, kam mir nur schwer über die Lippen. Ich wollte wissen, ob es auch anderen Menschen so geht. So kam es zu dem Text von „Was es ist“.

Seitdem ist viel passiert. Dass wir zum Beispiel im Fußball weltweit so erfolgreich sind, hat mehr an der Wahrnehmung der Deutschen geändert als so mancher politischer Kniff. Verrückt, aber wahr. Schön ist auch, dass „Was es ist“ seit über zehn Jahren die Titelmusik der Dokureihe „37 Grad“ ist. Das zeigt auch, dass manche Menschen den Text tatsächlich so verstanden haben, wie er gemeint war.

In unserer Zeit, in der in Alltag und Kunst, in jeglichen Gedichten und Bildern, der böse Sexismus entdeckt wird, kann man sich gar nicht politisch korrekt genug ausdrücken. Ist die Gender-Thematik in der Musikwelt angekommen – muss beim Texten auf die Wortwahl geachtet werden und werden wohl bald Liedtexte aus dem letzten Jahrhundert wegen sexistischer Anspielungen aus dem Verkehr gezogen?
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Da hat auch jeder andere Grenzen und Empfindungen. Ich finde es immer scheiße, wenn Machtmissbrauch und Sex zusammenkommen. Ich habe zum Beispiel aufgehört, Hip Hop zu hören, als ich angefangen habe, die Texte zu verstehen. Mittlerweile hat sich da zum Glück einiges getan.

Empfindest du als Musikerin den rasenden Fortschritt und die Digitalisierung als beängstigend?
Das Einzige, was ich an der Digitalisierung von Musik schade finde, ist, dass damit auch eine Egalisierung einherzugehen scheint. Musik wird aktuell von vielen eher im Vorbeigehen konsumiert und nur von wenigen zelebriert. Mancher Kaffee wird fairer gehandelt als Musiklizenzen. Was ich an der Digitalisierung schön finde, ist, dass man Zugang zu den abgefahrensten Musiken bekommt und über Künstler stolpert, die einem sonst nicht begegnet wären. Ich sage nur: „… Kunden, die dieses Produkt kauften, interessierten sich auch für …“

Ich habe zum Beispiel aufgehört, Hip Hop zu hören, als ich angefangen habe, die Texte zu verstehen.

Am 2. Juni wird die Show „Zirkusträume werden wahr“ im Wintergarten stattfinden – performt von der Zirkusgruppe „Contraire on Stage“ und moderiert von Mieze Katz. Wie kam es zu deinem Interesse für den Zirkus?
Wir haben mit Mia 2006 ein Album mit dem Titel „Zirkus“ veröffentlicht und parallel entstand die Idee, dass ich für unsere Bühnenshow ja etwas am Trapez einstudieren könnte. Ich muss mich heute darüber kaputtlachen, weil ich damals wirklich dachte, das ist wie schaukeln. Und so bin ich bei Jutta Schönherz in der Artistenschule „Contraire“ gelandet. Ich konnte nichts. Keinen Klimmzug, keinen Spagat, keinen einzigen Liegestütz. Doch anstatt mich für meinen Übermut und meine Naivität auszulachen, hat sie ihr Training mit mir begonnen. Und neun Monate später konnte ich 20 Klimmzüge, links und rechts Spagat, 50 Liegestütze und hatte außerdem eine Trapezchoreographie erarbeitet, die meine Kollegen, Freunde und unsere Zuschauer in absolutes Staunen versetzte.
Der Kontakt ist auch nach dem Zirkusalbum nie abgerissen. Ich bewundere Jutta Schönherz und ihre Artisten sehr und freue mich, wenn sich ein gemeinsames Projekt ergibt. Deshalb ist es mir ein besonderes Vergnügen, ein Teil der „Zirkusträume werden wahr“-Show im Wintergarten sein zu dürfen.

Was unterscheidet für dich das Manegen-Rampenlicht vom Konzert-Rampenlicht?
Eigentlich nichts. In beiden Fällen stellt sich jemand mutig hinein in dieses Rampenlicht und was dann passiert, ist immer wieder überraschend und an keinem Abend gleich.

Auch als Gesichtsakrobatin war Mieze Katz 2014 groß in den Medien – als Jurorin der Show „Deutschland sucht den Superstar“. Hat dieser Abschnitt deiner Karriere die „Unruhe“ gebracht, die du gesucht hast?
Der Blick hinter die Kulissen war unglaublich lehrreich. Ich hab alles aufgesaugt. Was macht die Produktion, was macht die Regie, wie erleben die Kandidaten die Show und wie viel Zeit braucht Dieter Bohlen in der Maske. Auf all diese Fragen habe ich Antwort erhalten.

Was hat dir am meisten Spaß gemacht?
Nach den Studioaufzeichnungen wieder in den Proberaum zu gehen und mit den Jungs Musik zu machen, das fand ich am tollsten. Den Traum, den viele Kandidaten haben, selbst leben.

Wie hast du vorher über DSDS gedacht und wie denkst du jetzt über die Show?
Heimlich habe ich schon immer die Jury auf der Couch gemacht, das kennen bestimmt viele von sich selbst. Insgesamt habe ich festgestellt, dass mich die Arbeit mit jungen Künstlern total begeistert, deshalb bin ich auch seit vielen Jahren Mitglied der „Dein Song“-Jury bei Ki.Ka. Da geht es um ganz junge Talente und die Weiterentwicklung ihrer Kompositionen. Da ich selbst mit zwölf Jahren angefangen habe, Lieder zu schreiben, kann ich mich gut in sie hineinversetzen. Die Kleinen groß machen. Ihnen Mut machen, die eigenen Worte zu finden und den für sie richtigen Ton zu treffen. Dafür brenne ich.

 

Mia spielen am 13.04. 2018 im Astra Berlin und am 14.04. in den Gärten der Welt.
Am 02.06. moderiert Mietze Katz die Show „Zirkusträume werden wahr“ im Wintergarten

Foto: Anna Olthoff

Anaïs Scheel

Ein Beitrag von Anaïs Scheel

Kulturwissenschaftsstudentin, Weltenbummlerin, Kanadaverliebte. Schreibt am liebsten in lauten Cafés oder im RE zur Uni. Zitat: "Geduld ist Zeitverschwendung."