Tamara Danz in Farbe

Es waren Hörspiele einer anderen DDR: „Zwischen Staub und Straßenlärm / Wächst ‘ne grüne Beule aus dem Stadtgedärm“. Auf der Suche nach etwas Warmen streicheln darin in falben Hausfluren „zwei schmale Jungenhände ihre Brust“. Und diese Kinder, die möchten nur raus hier: „In die warmen Länder würden sie so gerne fliehn / Die verlornen Kinder in den Straßen von Berlin.“ Auch ordinär kann es werden: „So ‘ne kleine Frau und so ‘ne Gier nach Glück … und hat schon so gelitten … und hat so schlaffe Titten und immer noch so ‘n Mut.“ Lakonisch besungen sind die „stillen Abendstunden / wenn die Trommelstöcke ruhn / wenn auch unsre großen Meister/etwas ganz Privates tun“. Abgesang der Illusionen, denn „es geht ein Gespenst in der Mitropa um / Es spukt auf dem Friedhof der Träume.“ Hass, Lüge, Lust und Schmerz einer Welt im Untergang – Tamara Danz hat davon gesungen.

Im Dezember 1952 wird Tamara Danz im thüringischen Winne, einer kleinen Siedlung bei Breitungen an der Werra, geboren. Während die Eltern für den diplomatischen Dienst der DDR arbeiten, verbringt Tamara einige Jahre ihrer Kindheit in Bulgarien und Rumänien. In Ost-Berlin besucht sie später die Erweiterte Oberschule „Heinrich Hertz“ in Adlershof, legt 1971 ihr Abitur ab, an der EOS „Klement Gottwald“, in Treptow.

Zu dieser Zeit ist Tamara Danz Sängerin bei der Schülerband „Die Cropies“. Die Musikhochschule „Hanns Eisler“ lehnt Tamaras Bewerbung um einen Studienplatz ab. Sie studiert Philologie, bricht das Studium nach zwei Jahren ab. In der staatlich geförderten Singegruppe der FDJ, dem „Oktoberklub“, hält sie ihre Stimme in Schwung und wird 1973 von der seinerzeit im Osten ziemlich schwer angesagten Horst-Krüger-Band engagiert. (Tagesreise: „Hab mir von der Tagesreise manches mitgebracht / einen Fluch den ich verfluchte, Wünsche unbewacht.“) Nebenher besucht Tamara Danz die Friedrichshainer Musikschule und erhält hier im Jahr 1977 ihren Berufsausweis. Denn den benötigt man in der DDR, um als Berufsmusiker arbeiten zu dürfen. Und arbeiten wird sie ab 1978 als Sängerin der „Familie Silly“. Damals frisch gegründet, ist die Band bald auf dem musikalischen Erfolgsweg. Da gibt es freche Texte aus der Schule der aufkommenden Neuen Deutschen Welle, auch groovige Funk- und Boogie-Songs. Die ersten Erfolge stellen sich ein. Mit „Gut‘ Nacht Amigo“ gewinnt die Band im Jahr 1981 die Bratislavska Lyra, das osteuropäische Pendant des Grand Prix Eurovision de la Chanson.

Silly schmeißt die Familie aus dem Bandnamen – und wird rundum und vor allem musikalisch schneidiger. Das Publikum honoriert es, die Band ist zwischen Ostsee und Thüringer Wald nun viel auf Tour, nimmt jedes „Musikalisches Gelegenheitsgeschäft“, wie es in der ostdeutschen Amtssprache heißt, gerne mit. Mit ihrer „Mugge“ machen die Ostrocker die Kohle, die das überteuerte Equipment und den Alltag finanziert. Dann steigt 1982 Ritchie Barton bei Silly ein. Der Keyboarder und Tamara sind auch privat ein Paar. Die beiden haben lange gezögert, denn eine Beziehung innerhalb der Band gilt als Tabu. Doch Barton bringt Impulse in die Band. Im Jahr 1983 folgt der Quantensprung, für die Band, für den Ostrock: das Album „Mont Klamott“. Eine Klasse für sich. Musik, die Akzente setzt mit ihren Kompositionen, den komplexen Arrangements – und vor allem mit den Texten von Werner Karma. Spannweite: sensible Lyrik bis poetische Wucht. „Die Handvoll Jahre, die ich leb / Sind zu kostbar, dass ich sie vergeb‘ / Ich trau‘ meinen Augen und nehm‘ euch beim Wort / Und wehre mich, eh mir die Hand verdorrt.“ Eine Kampfansage gegen die Gleichgültigkeit. Das Album wird zum musikalischen Maßstab im Osten.

Silly und Tamara Danz stoßen nun an die Grenzen des Erlaubten in der DDR. Das Nachfolgealbum „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ wird von den staatlichen Kulturerlaubern für ungenügend befunden, die schon gepresste Erstauflage wieder eingeschmolzen. Dem Westberliner Musikpromoter, Jim Rakete, hatte die Band „unter der Hand“ das vorproduzierte Material und Texte zur LP in die Hand gegeben, wollte damit im Westen erscheinen. Doch der DDR-Zoll nahm Jim Rakete das Material ab. „Wir haben tierischen Ärger gekriegt“, erzählte Tamara Danz später, „weil wir ihm das Material illegal mit in den Westen gegeben hatten, was ja eine strafbare Handlung war. Blöderweise haben die Kulturbonzen im Politbüro die Songs auf die Art überhaupt zum ersten Mal zu hören bekommen. Nach DDR- Gesetzen hatte sich Silly strafbar gemacht. Und da ist die Platte eingestampft worden.“

Dann, drei Jahre danach: „Bataillon d’Amour“. Ein Meisterstück. Pornografie des Osten: „Ich mache mich hin. Ich mache Verkehr … Du öffnest dir ‘ne Dose Kompott. Der Saft läuft auf das Laken. Mein Gott.“ Und Philosophie des Ostens: „Du bist um eine Heiterkeit/Die traurig macht berühmt“. Bataillon d’Amour wird in der DDR zum „Album des Jahres“ gewählt, die Band zur „Band des Jahres“ gekürt – und Tamara Danz: „Sängerin des Jahres“.

Um politische Reformen im Land zu fordern, unterschreiben im September 1989 Dutzende bekannter Musiker der DDR im Ost-Berliner Maxim-Gorki-Theater eine „Resolution von Rockmusikern und Liedermachern zur inneren Situation und zum Aufruf des Neuen Forums“. Die Regierung wird aufgefordert, die Belange des Volkes endlich ernst zu nehmen. Tamara Danz unterzeichnet und verliest vor ihren nun folgenden Konzerten den Text. Im November ist sie Mitunterzeichnerin eines Aufrufes „Für unserer Land“, will mit Stefan Heym und Ulrike Poppe, mit Friedrich Schorlemmer und Christa Wolf diese DDR vorm Untergang doch bewahren.

Diese DDR ist im darauffolgenden Jahr abgetreten, von der Bühne der Weltgeschichte. Silly tritt weiter auf. Doch die westlichen Plattenfirmen ignorieren vorerst die Ost-Bands weitgehend. Musikmanager lehnen die Texte von Silly mit der Begründung ab, diese würden nur im Osten verstanden. „Bevor ich nicht weiß, dass es anders nicht geht, werde ich mich diesem System nicht beugen. Ich spiele dieses Spiel nicht mit“, sagt Tamara dazu. „Hurensöhne“ erscheint 1993 – und wieder ist die Musik engagiert, nimmt diesmal die Zwänge des Kapitalismus in Visier.

In Münchehofe bei Berlin richtet die Band das Danzmusik Studio ein. Und Tamara heiratet: Im Frühjahr 1996 ehelicht sie den Bandkollegen Uwe Hassbecker. In der Stadt kleben sie gerade die Plakate für Sillys neue Platte: „Paradies“. Fünf Musiker darauf, Tamara: klein im schwarzen Mäntelchen, Ringe unter den Augen. Tamara hat Krebs. „Meine Uhr ist eingeschlafen. Ich hänge lose in der Zeit. Ein Sturm hat mich hinaus getrieben, auf das Meer der Ewigkeit.“ Tamara Danz stirbt am 22. Juli 1996 in Berlin.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“