Mächtig gewaltig!
Oder: Was das DDR-Prestigeprojekt Berliner Fernsehturm mit der Olsenbande zu tun hat

Wer hoch hinaus will, sollte gründlich planen. Doch wenn es dann nicht funktioniert wie gewünscht, stehen alle da wie die Doofen. Beispiele dafür gibt es zahlreich: Straßen, die plötzlich im Nirgendwo enden, weil die Anschlüsse nicht mitgedacht wurden. Brückenteile, die nicht zueinander passen, weil Ingenieure gepennt haben. Flughäfen, die nach mehr als zehn Jahren immer noch nicht fertig sind ...
Collage zum Erbau des Fernsehturms
Collage: Matti Fischer

So ähnlich muss es auch Anfang der 1950er Jahre gewesen sein, als die DDR, die damals kaum international anerkannt war, von der Europäischen Rundfunkkonferenz in Stockholm plötzlich zwei Fernsehfrequenzbereiche zugeteilt bekam. Was tun? Die SED-Führung beschloss:

„Wir bauen einen Fernsehturm!“

Und zwar – Überraschung! – in Köpenick, auf den Müggelbergen, der höchsten Erhebung der Stadt. Die für das Funkwesen zuständige Verwaltung sah dort die besten Möglichkeiten, den Ostteil der Stadt funktechnisch zu versorgen.

Also wurde 1954 eine Genehmigung beantragt, erteilt und mit dem Bau begonnen. Auf 70 Metern Berg-Höhe sollte ein 130 Meter hoher Stahlbetonbau mit zwei Aussichtsplattformen entstehen. Der Fernsehturm, Deckname F4, wurde flugs in den Volkswirtschaftsplan der DDR für die Jahre 1954 bis 1957 aufgenommen und sollte gut acht Millionen Mark kosten. Doch als die Bauarbeiter Mitte 1955 die ersten beiden Geschosse fertig hatten, kam für viele unerwartet das Aus.

Das DDR-Innenministerium, das dem Bau ursprünglich zugestimmt hatte, stellte plötzlich fest, dass der Turm in der Einflugschneise des Flughafens Schönefeld stehen und den Flugverkehr gefährden würde. Ende 1956, nach mehreren vergeblichen Kompromiss-Suchen in der Nähe, wurde das Projekt in den Müggelbergen vollends eingestellt.


Ich habe einen Plan

Wie es zu dem Planungs-Desaster kam, blieb ungeklärt. So mancher fragt sich heute, was „die da oben“ angetrieben hat. Ob nicht jeder Laie sehen konnte, dass der nur acht Kilometer entfernte Flughafen das Projekt naturgemäß vereiteln musste? Wo doch damals das Flugwesen begann, sich zu entwickeln….

Vielleicht, so hieß es hämisch, hatten die Planer ja gedacht, es würde irgendwie gutgehen? So nach dem Motto: Die Genossen werden sich schon etwas dabei gedacht haben… Wenn die Partei, die ja immer Recht hat, etwas beschließt, dann haben sich gefälligst alle – auch der Flugverkehr – danach zu richten?

Wahrscheinlicher aber ist, dass niemand so genau hingeguckt hat. Offen berichtet wurde über den Reinfall damals natürlich nicht. Ließ sich doch der sonst immer schuldige Klassenfeind nicht gut verantwortlich machen fürs eigene Versagen…

Parallelen zu Verhältnis zwischen ambitionierten Zielen und dem Versagen der Beteiligten waren übrigens einige Jahre später in einer dänischen Fernsehserie zu sehen. Nicht umsonst war die Olsenbande in der DDR ein Straßenfeger.

Wenn der alternde Kleinganove Egon Olsen aus dem Knast kam und seinen Kumpanen Benny und Kjeld ankündigte: „Ich habe einen Plan“, wusste jeder: Jetzt wird es lustig.

„Mächtig gewaltig!“

So lautet denn auch die Parole, die bis heute für das Scheitern von genial gedachter, aber praktisch unrealistischer Planung steht. Viele in der DDR, vor allem Trabi- und Wartburgfahrer auf der Jagd nach Ersatzteilen oder Eigenheimbastler, die sich mit oft illegalen Tricks Baumaterial „besorgten“ , erinnerte das an die eigene Führung. Auch die machte alle fünf Jahre einen Plan.

Und alle wussten: Es wird wieder schiefgehen. Nur so amüsant wie im Fernsehen war das leider nicht immer.


Friedrichshain und Mitte

Zurück zum Fernsehturm. Nach der Klatsche in den Müggelbergen wurde nach einem Alternativstandort gesucht. Was nicht ganz einfach war, denn das Stadtgebiet von Ost-Berlin war übersichtlich. Und viele höher gelegene Standorte, die von den Technikern als besonders gut befunden wurden, teilten das Schicksal der Müggelberge – sie waren wegen des Flugverkehrs ungeeignet. Also näherte man sich dem Stadtzentrum.

1957 wurden vier Standorte im und am hügeligen Volkspark Friedrichshain benannt. Und weil diesmal nichts schiefgehen sollte, wurde penibel geplant. Das dauerte bis 1960. Laut positivem Gutachten sollte der Fernsehturm nur vier Jahre später fertig sein. Doch dann folgte eine veritable Wirtschaftskrise, verbunden mit dem überaus teuren Mauerbau.

Der Fernsehturm in Friedrichshain, dessen Kostenschätzung von ursprünglich 20 Millionen im Jahr 1960 auf mehr als 30 Millionen Mark im Jahr 1962 gestiegen waren, fiel dem Sparzwang zum Opfer. Das Ergebnis: etliche abgerissene Häuser, auf deren Grund bereits Bohrungen vorgenommen worden waren, sowie weiterhin schlecht mit Fernsehprogrammen versorgte Gebiete in der DDR.

Erst im Jahr 1964, zehn Jahre nach Beginn der ersten Standortsuche, wurden die Planungen wieder aufgenommen; die DDR-Führung drängte auf eine gute Rundfunk- und Fernsehversorgung der eigenen Bevölkerung. Und: Der Turm sollte plötzlich ein Symbol sein, ein markantes Wahrzeichen für die Hauptstadt.

Der Standort Friedrichshain erwies sich zwar weiterhin technisch als geeignet, aber einige Genossen waren längst weiter… SED-Chef Walter Ulbricht wird folgender Satz zugeschrieben, den er am 22. September 1964 bei einer Politbüro-Tagung geäußert haben soll:

„Nu, Genossen, da sieht man’s ganz genau: Da gehört er hin!“

Wobei er auf dem Stadtplan auf ein Gelände südwestlich vom Bahnhof Alexanderplatz gezeigt haben soll. Der Hinweis Ulbrichts war als Anweisung zu verstehen. Der Untergrund erwies sich als fest genug, und wieder wurden auf knapp 30.000 Quadratmetern Häuser abgerissen und andere Gebäude gesprengt. Am 4. August 1965 begannen die Bauarbeiten.


Schwarzbau und Wahrzeichen

Es herrschte anfangs ziemliches Chaos, die Kosten liefen derart aus dem Ruder, dass sogar die staatliche Investitionsbank der DDR sich querstellte. DDR-Plankommission und -Bauaufsicht verweigerten die Baugenehmigung, es kam zu zeitweiligem Baustillstand. Doch nach Einspruch „von ganz oben“ ging es weiter, am 7. Oktober 1968 war Richtfest, ein Jahr später wurde Eröffnung gefeiert. Natürlich lag da auch längst die offizielle Baugenehmigung vor.

Sogar Köpenick war beteiligt: Die Funktechnik kam aus dem Funkwerk an der Wendenschloßstraße. Die Gesamtkosten in Höhe von mehr als 130 Millionen Mark tauchten in den Erfolgsmeldungen übrigens nicht auf. Sie hatten die ursprünglichen Kosten-Schätzungen um fast das Fünffache überstiegen.

Doch der ideelle Wert war ungleich höher. Seit der Eröffnung kamen weit mehr als 60 Millionen Besucher zum Fernsehturm, der nach dem Mauerfall neben dem Brandenburger Tor auch als Wahrzeichen des vereinigten Berlins gilt.

Was allerdings nicht für alle Menschen galt: Es gab eine Reihe Aktivisten, die den Turm, ähnlich der Berliner Mauer, ernsthaft abreißen wollten. Sie sahen in ihm den weithin sichtbaren Inbegriff der totalitären DDR-Herrschaft.  entschied sich die Bundesrepublik für den Erhalt des Fernsehturms, der sogar unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Deutsche Telekom als neuer Betreiber investierte viel Geld in technische und bauliche Modernisierungen.

Nur einmal noch kam es zu Irritationen – als nämlich Hinterbliebene von enteigneten Hausbesitzern, auf deren Grund der Turm steht, mit Schadensersatz-Klagen drohten. Doch diese wurden zügig beigelegt.


Abhörstation auf den Müggelbergen

Der schlanke, elegante Fernsehturm mit der Kugel, die ursprünglich an einen sowjetischen Sputnik erinnern sollte, ist mit seinen 368 Metern nicht nur das höchste Gebäude Deutschlands, der beste Aussichtsturm Berlins, in dessen Kuppel man bei Kaffee und Kuchen einen prima Rundumblick genießen kann, sowie der höchste Blitzableiter der Stadt.

Er ist auch Gründungsmitglied der weltweiten Vereinigung der größten Türme, zu der rund 50 Bauwerke gehören – vom ältesten, dem Pariser Eiffelturm aus dem Jahr 1889, bis zum höchsten, dem 828-Meter-Burj Khalifa in Dubai.

Und auch dort, wo alles begann, erinnert ein Bauwerk an die einst verpfuschte Planung. Der „Fernsehturm Müggelberge“ , wie er sogar offiziell heißt, steht noch immer knapp einen Kilometer vom Müggelturm entfernt. Der etwa 30 Meter hohe, massive Betonklotz wurde nämlich nicht etwa abgerissen. Nach dem Motto „Nur nichts verkommen lassen, was einmal da ist“ wurde auch er fleißig genutzt.

Zunächst als Abhöranlage für die Stasi; seit dem Mauerfall dient er der Telekom als Richtfunkknoten. Öffentlich zugänglich ist er nicht, auch kein Wahrzeichen, aber das eingezäunte Gebäude erinnert die Wanderer, die daran vorbeikommen, an die Anfänge des Fernsehturmbaus von Ost-Berlin.


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“