Früher Fußball in Friedrichshagen

Früher Fußball in FriedrichshagenLeidenschaft vorm WeltstadttorAm 21. Juli 2010 treffen sich im „Borussia-Park“ zwei Mannschaften, deren Heimat satte 2500 km entfernt von diesem Rasen liegt. Fenerbahce versus Galatasaray ist angesagt. Zwei Clubs aus einer Stadt, die dennoch auf verschiedenen Kontinenten ihre Stadien haben – das gibt es nur in Istanbul, der Metropole am Bosporus. Doch auch das deutsche Stadion ist mit 34191 Zuschauern gefüllt. Später wird die hiesige Presse von „Fußball brutal“ und „Pyro-Horror“ berichten. Der 1:0-Sieg von Fenerbahce aus dem anatolischen Quartier Kadiköy, dem Verein der Massen, über das verhasste Galatasaray, dem bürgerlichen Club aus dem europäischen Stadtteil Mecidiyeköy, interessiert den verwundert Außenstehenden nur noch am Rande, was bleibt, sind die Nachrichten von Verletzten und Verhafteten. So sieht also ein echtes Derby des Weltfußballs aus – egal zu welcher Zeit, egal an welchem Ort: Es gilt allein der Sieg im Derbykampf. Ein echtes Derby also. Ein Derby, was ist das?
Ein schlaues Buch belehrt: In dem englischen Dorf Ashbourn fordert seit dem 16. Jahrhundert einmal im Jahr die Oberstadt die Unterstadt zum so genannten „Shrovetide Match“ heraus. Bei dem Geschehen muss ein Ball mit Händen und Füßen ans gegnerische Tor bugsiert werden. Dieses Tor besteht aus jeweils zwei alten Mühlsteinen. Die Tore liegen schlappe fünf Kilometer voneinander entfernt.
Das Ereignis ließ den gemeinen Briten alle Bürgerlichkeit über den Haufen werfen für den Tag des Spiels. Wurde sich zuerst auf dem Spielfeld getreten und gekloppt, fuhr man damit im Anschluss unter der Zuschauerschaft fort. Da der Hort dieser possierlichen Tradition, die Gemeinde Ashbourne, nun in der Nähe der englischen Stadt Derby liegt, ist noch bis heute von einem „Derby“ die Rede, wenn zwei Mannschaften aus derselben Stadt aufeinandertreffen. Wer Näheres über dieses besondere Volkstheater erfahren möchte, google einmal nach Boca Juniors und River Plate, Celtic und Rangers, nach Inter und Milan, Partizan und Roter Stern, nach Hertha und Union. Doch halt – den Punkt übergehen wir an dieser Stelle. Union gegen Hertha – das ist nicht repräsentabel.
Wirkliche Derbys in Berlin: Fehlanzeige. Und nach den bitteren Lehrstunden, die den Wuhlheidern einst vom „großen und allseits beliebten“ BFC Dynamo in manchem Oberligastadtduell erteilt wurden, mag man ihre scheinbare Flucht in jeweils Berlin konkurrenzlose Ligen beinahe verstehen. Womit sich uns der Blick auch nicht weiter verstellt auf den eigentlichen Anlass dieses Schreibens: die große Tradition des Fußballs in Friedrichshagen. Und zu der, wie sollte es anders sein, gehören natürlich auch zünftige Derbys! Die gab es mit aller kickerischen Leidenschaft von Anbeginn, das heißt bereits vor über hundert Jahren. Beispiel gefällig? Ab 1906 trafen in den Ortsderbys Victoria 89, der VfB 09, Alemannia 11 und Rapide Friedrichshagen aufeinander. Alte Presseberichte geben 800 und manchmal mehr als 1000 Zuschauer für die Fußballduelle im beschaulichen Friedrichshagen der 10er und 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bekannt. Als dann die Burgunder 1912 auf den Plan treten, wird alles noch um eine ganze Nummer größer. Wenn die Burgunden spielen, „wird es für 09 katastrophal. Burgund spielt und die Rothosen kämpfen um ihr Leben. Es war zeitweilig so schlimm, dass bereits einige unserer Gegner offensichtlich nicht mehr recht mitmachten. So im Spazierengehen fällt, für die gegnerische Deckung völlig überraschend, ein Tor durch Scholz. Jetzt scheint es schlimm zu werden. Die 09 sacken immer mehr weg. Nur noch ‚Tute‘ (Lehmann) ist quicklebendig und will es wissen.“

Wer mehr über die Duelle der Friedrichshagener Kicker erfahren möchte und einen genaueren Blick werfen auf Dinge, die mehr sind als die schönste Nebensache der Welt, der schaue demnächst an gleicher Stelle und unter:Marcel Piethe: Lederleidenschaft vorm Weltstadttor, Hundert Jahre Fußball in Friedrichshagen.
1. Auflage 2012, 160 Seiten,
zahlreiche historische und rezente Fotos, 14,8 x 21,0 cm, gebunden, Euro 16.80 €
Hendrik Bäßler verlag · berlin
ISBN 978-3-930388-71-4
Onlineverlosung ab 19.03.

Feierlichkeiten im Jubiläumsspiel:
12. Mai 2012: Freundschaftsspiel gegen 1. FC Union Berlin
3. Oktober 2012: Festakt im Kino Union
Mehr Informationen: www.fsv1912.de



Marcel Piethe
Ein Beitrag von

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“


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