Koste es was es wolle!

Im Zuge der geplanten Einsparungen in den Berliner Bezirken soll die Zweigstelle der Joseph-Schmidt-Musikschule in der Friedrichshagener Straße zum 1. Januar 2013 geschlossen werden. Dies wurde den Eltern und Schülern in einem Informationsbrief durch den Bezirksstadtrat Svend Simdorn formlos mitgeteilt. Von der Maßnahme sind 850 Schüler betroffen. Ein belastbares Konzept zur Sicherung des Musikunterrichts und der Ensembletätigkeit über 2012 hinaus fehlt bislang.

Das Musikschulangebot wolle man trotzdem nicht aufgeben, heißt es auf Seiten des Bezirksamtes. Die bisher zentral stattfindenden Unterrichtsstunden sollen an verschiedene Schulen und zu einem kleinen Teil auch an den Adlershofer Standort verlegt werden. Man könne durch diese Dezentralisierung nicht nur die bisherigen Angebote erhalten, sondern auch neue Schülerinnen und Schüler gewinnen, glaubt Svend Simdorn. Seine Vorstellung ist die einer in die Ganztagsschule integrierten Musikschule. Das klingt beim ersten Hinsehen plausibel. Der Vorteil für die Schüler, an deren Schulen das Musikschulangebot ausgelagert wird, scheint auf der Hand zu liegen. Für sie sind die Wege kurz, der zusätzliche Musikunterricht wäre eine echte Bereicherung. Auch die Schulen könnten dabei ihr Profil schärfen und stehen damit auf der Gewinnerseite.

Warum jedoch ein zentraler Standort unerlässlich ist, erläutert Doris Müller, die 40 Jahre an der Musikschule in Friedrichshagen unterrichtet hat, als Fachberaterin für Violine und Kammermusik tätig war und jetzt dem Förderverein der Musikschule angehört. Dezentralisierung bedeutet, dass die Lehrer mehr Zeit als bisher für logistische Aufgaben verwenden müssen. Ein Notenschrank steht an normalen Schulen ebensowenig zur Verfügung wie ein Instrumentarium. Lagerräume, in denen Instrumente verwahrt werden können, fehlen. Schließfächer helfen kaum weiter, eine Tuba bleibt eine Tuba. Es wäre damit Lehreraufgabe, Noten und Instrumente zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben. Die Wartung der Leihinstrumente ist nicht gesichert. Wenn eine Saite reißt, ist die Unterrichtsstunde beendet – es sei denn, der Lehrer kümmert sich auch darum und stimmt anschließend das Instrument. Oder er hat Ersatz dabei. Wie viele Cellos passen in einen Kofferraum?

Der Theorieunterricht, der instrumentenübergreifend und damit zentral erfolgt, zöge in jedem Fall Mehraufwand nach sich, wenn man ihn aufrechterhalten will. Entweder führt man ihn in mehreren Kursen an mehreren Schulen durch oder man mutet den Schülern zusätzliche Wege zu. Generell beschränkt die Dezentralisierung die Wahlfreiheit der Schüler auf die Instrumente, die an der jeweiligen Schule eben zur Verfügung stehen. Konzertflügel wären wohl nicht darunter. Auch der fachliche Austausch unter den Lehrern wird bei dezentralisiertem Unterricht minimiert. Selbst wenn an allgemeinbildenden Schulen mehrere Honorarkräfte unterrichten – mit Arbeitszeiten von 6-12 Stunden in der Woche würden sie sich doch nur selten begegnen. Noch heftiger sind diese Einschnitte für Ensemble-Musiker, die sowohl einzeln als auch in der Gruppe üben und Theorieunterricht erhalten.

Einen Rückschritt in die 50er Jahre nennt Doris Müller dieses dezentrale System. Von kurzen Wegen für die bestehende Schülerschaft kann nicht die Rede sein. Zudem seien die meisten Schulräume für Musikunterricht nicht geeignet, meint Doris Müller. Es probt sich nicht gut zwischen kreideverschmierten Schulbänken bei hochgestellten Stühlen, von der Akustik ganz zu schweigen. Es ist nicht die Aufrechterhaltung des bisherigen Musikschulunterrichts, die das Bezirksamt anstrebt, sondern ein inhaltlich komplett anders ausgerichtetes Angebot. Der Unterricht, den man dezentral anbieten kann, unterscheidet sich in Qualität und Intensität grundlegend vom Angebot einer Musikschule. Die Verlagerung an die allgemeinbildenden Schulen bedeutet, dass einer größeren Anzahl von Kindern Zugang zum Erlernen eines Instruments ermöglicht werden kann. Daran ist nichts auszusetzen. Problematisch ist das erst, wenn sich ein Kind als begabt erweist. Seine Förderungsmöglichkeiten tendieren bei Wegfall der Musikschule gegen Null. Die Musikschule als Institution ist das Verbindungsstück zwischen Schule und Hochschule. Sie bereitet auf Eignungstests vor, sie stellt den Orchesternachwuchs. Eine vergleichbare Eliteförderung ist außerhalb der Möglichkeiten dezentralen Musikunterrichts, insbesondere, wenn er in Gruppen durchgeführt wird.

Greift man auf die Erfahrungswerte in den Westberliner Bezirken zurück, die seit langem mit einem dezentralen System arbeiten, lässt sich feststellen, dass es sich nicht bewährt hat. Es waren bisher regelmäßig die Köpenicker, die die Musikwettbewerbe gewonnen haben. Es würde also Qualität durch Quantität ersetzt werden. Das Vertrauen in die Musikschulleitung und das zuständige Bezirksamt ist erschüttert. Eine gemeinsame Suche nach Möglichkeiten, die Musikschule in Köpenick zu erhalten, habe vollkommen gefehlt, bestätigt Doris Müller.

Die Eltern, deren Kinder die Friedrichshagener Musikschule besuchen, sind nicht gewillt, die Schließung ihres Standortes hinzunehmen. Sie arbeiten gemeinsam mit dem Förderverein daran, das Thema erneut in die Bezirksverordnetenversammlung einzubringen. Auf ihrer Webseite www.promsk.wordpress. com bitten sie um Unterstützung und informieren über den aktuellen Verfahrensstand.

Der Bezirk räumt ein, dass es bisher überhaupt kein Konzept gibt, auf welche Weise die Musikschulangebote gesichert werden sollen. Dennoch hält Svend Simdorn die Schließung für notwendig. Sie wäre nur bei einer völlig kostenlosen Nutzung des Gebäudes zu vermeiden, glaubt er. „Dazu müsste ein bezirksamtsexterner Träger als Eigentümer dauerhaft für alle Gebäudekosten aufkommen, und der Bezirk gestaltet das Musikschulangebot. Der Bezirk brächte dann die Personalkosten auf und vereinnahmt die Musikschulentgelte.“ Der Förderverein ist deshalb jetzt auf der Suche nach geeigneten Sponsoren.

Beide Seiten haben trotz der verfahrenen Situation Gesprächsbereitschaft signalisiert. Die Hoffnungen der Eltern ruhen zunächst auf der Bezirksverordnetenversammlung und der sachlichen Auseinandersetzung mit Bezirksstadtrat Simdorn.

 

Was soll gespart werden?

900.000 EUR Investitionsbedarf – Soviel müsste man in Renovierung und Instandsetzung, energetische Sanierung, Brandschutz, Schaffung eines zweiten baulichen Rettungswegs und die behindertengerechte Erschließung investieren.

141.000 EUR Gebäudekosten – Soviel hat das gesamte Haus im Durchschnitt der letzten 4 Jahre gekostet.

33.000 EUR entfallen davon auf die Bewirtschaftung.

Im Berlinvergleich hat der Flächenbezirk Treptow/Köpenick die höchste Anzahl eigener Räume. Dadurch laufen in der Summe hohe Produktkosten auf, die verminderte Finanzzuweisungen zur Folge haben. Man hofft nun, durch Gebäudeschließungen im gesamten Bezirk die Produktkosten zu senken.


Stefanie Fiebrig

Ein Beitrag von Stefanie Fiebrig

schreibt, fotografiert und designt. Von Zeit zu Zeit hat sie eine Idee. Angeblich war auch schon mal was Gutes dabei! Zitat: „Ich geh jetzt in mein Stadion.“