Chinareise, Berge, Hütte

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30 Tage  im Reich der Mitte unterwegs

Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Ich hatte mich entschieden den heiligen Tai Shan in der Provinz Shandong, den bedeutendsten der fünf taoistischen Berge Chinas zu erklimmen, und ich wusste bis dato nicht, dass Bergbesteigungen hier in der Regel des Nachts unternommen werden. Erst 14 Tage zuvor war ich aus Köpenick ins aufregende Asien gestartet, um nach dem Abschluss des Grundstudiums ein neues und völlig anderes Abenteuer zu beginnen. Monatelang wollte ich gemeinsam mit meinem Freund meinen chinesischen, japanischen und südostasiatischen Horizont erweitern.

Mit ihrer Nähe zum Himmel haben Berge als heilige Stätten in China eine lange Tradition. Im Taoismus werden die fünf Heiligsten nicht nur mit den vier Himmelsrichtungen oder den fünf Elementen assoziiert, sondern stehen als Kopf und Gliedmaßen des ersten Lebewesens auf Erden, dem Pangu, auch in enger Verbindung mit dem taoistischen Schöpfungsmythos. Der Tai Shan als Berg des Ostens kontrolliert die Lebensdauer aller Erdlinge und unterscheidet zwischen Gut und Böse.

Vom geschichtsträchtigen Peking über heilige Berge, vorbei an Tonsoldaten, Buddhas und monochromen Teddys bis in die bunte Metropole Shanghai sollte ich ein komplett gegensätzliches China erleben. Bereits die Reiseplanung vor Ort gestaltete sich aufgrund von Internetzensur und Sprachbarrieren als echte Herausforderung. Versehentlich gebuchte turbulente Flüge zum zehnthöchsten Flughafen der Welt oder ewige Fahrten in überfüllten Bummelzügen waren die Folge. Umso erleichterter war ich, als ich im komfortablen Hochgeschwindigkeitszug gen Tai Shan die zunehmende Urbanisierung beobachten und per Übersetzungs-App alle Sprachprobleme beim Check-In am Fuße des Berges überwinden konnte.

Ein bunter, lauter Zug tanzt auf den Gipfel

Trotz meiner nur mäßigen bergsteigerischen Erfahrung aus Müggel- und Püttbergen erhoben sich zwischen der chinesischen und meiner Vorstellung einer nächtlichen Bergbesteigung ganze Gebirge. Mit Taschenlampe, Proviant und festem Schuhwerk war ich perfekt wie so ein Reinhold Messner für einen langen, beschwerlichen Aufstieg auf den 1545m hohen Gipfel vorbereitet.

Es erwartete mich jedoch ein breiter, gepflasterter, bequemer Weg mit über 6000 Stufen und beleuchteten Ständen. Beim Blick auf die anderen Nachtwandler wurde mir dann klar, warum mich das Hostelpersonal so zeitig losgeschickt hatte. Leicht bekleidet und bunt leuchtend spazierten sie in Turnschuhen die Stufen hinauf, wobei mir von jeder Wandergruppe Popmusik aus Handylautsprechern ins Ohr drang.

Und schnell löste sich meine Idee von einer spirituellen Wanderung in der kühlen Nachtluft auf. Mein Gefühl der Andersartigkeit unter den unzähligen chinesischen Tai-Shan-Touristen verschluckte die Dunkelheit. Und mit unseren wärmenden Militärjacken wurden wir zu einer homogenen, grünen Masse, die sich zunehmend erschöpft, müde und fröstelnd gen Ziel schob.

Überwältigt von einer dreitausendjährigen Geschichte

Dieses erreichte ich gegen 4:00 Uhr und damit noch deutlich vor Sonnenaufgang. Ladenbesitzer machten auch hier die Nacht zum Tag. Ich aber suchte vor Erschöpfung vollkommen unberührt vom Erfolg des Aufstiegs nur nach einem warmen Plätzchen. Bei einer heißen Suppe schweifte ich gedanklich zu den 72 Kaisern ab, die den Berg ebenso bestiegen haben sollen.

Gestärkt, aber immer noch auf der Suche nach Wärme und Licht, bahnte ich mir meinen Weg zu einem gigantischen Feuer. Obwohl mir ihre Abläufe und Inhalte vollkommen unverständlich blieben, zogen mich die zelebrierten taoistischen Gebetsrituale, getragen von der Magie des roten Flammenmeers, in ihren Bann. Je mehr im Feuer verschwindende Opfergaben ich betrachtete, desto bewusster wurde mir die dreitausendjährige Tradition der heiligen Bergbesteigung. Endlich stellte sich das vermisste Gefühl der Spiritualität ein und die im Reiseführer aufgeschnappte Volksweisheit ging mir nicht mehr aus dem Kopf: Wer den Tai Shan besteige, lebe zu 100 Prozent, auch wenn er das Gefühle habe, vor Erschöpfung zu sterben.

Mit Sonnenaufgang, sehnlichst zwischen dünnen Schleierwolken und hunderten Bergsteigern von mir erwartet, und erstem Blick auf die bisher in Finsternis gehüllte Landschaft, erschloss sich mir Konfuzius‘ Weisheit zum Tai Shan sofort: „Die Welt ist klein.“ Der überwältigende Ausblick raubte mir den letzten vom mühsamen Aufstieg verbliebenen Atem und alles andere erschien nichtig.

Zwei Weltern prallen auf einander

Erst beim Abstieg mit müden Gliedern und neu erwachtem Geist erwuchs das UNESCO-Weltkulturerbe zu voller Größe. Die religiöse Pilgerstätte mit ihren unzähligen Unterkünften, Restaurants und einer Gondelbahn wurde sichtbar und damit die Tatsache, dass hier jährlich mehr als 6 Millionen Besucher den Tai Shan zu einem der meistbestiegenen Berge der Welt machen. Auf dem Gipfel und am Wegesrand erschienen wie von Zauberhand Tempel, Torbögen, Steintafeln und -inschriften, die mich bis ins Tal begleiten sollten.

Im anbrechenden Tageslicht konnte auch ich mich nicht mehr in der Dunkelheit verstecken. Die gerade noch den Sonnenaufgang aufnehmenden Handykameras wurden prompt auf die ausländische Touristin gerichtet und mit jedem Blitzlicht verpuffte die mystisch-magische Stimmung der Nacht ein bisschen mehr.
Vermutlich wäre diese aber auch spätestens mit dem Blick auf die Müllberge, die sich ebenso zahlreich wie die taoistischen Monumente am Weg häuften, verschwunden. Trotz hunderter Abfalleimer und Hinweisschilder mussten nun emsige Aufräumer das Chaos, was die Massenveranstaltung „Nachtwanderung auf den Tai Shan“ hinterlassen hatte, beseitigen.

In mir hinterließ der Aufstieg jedoch eine tiefe Zerrissenheit. Immer wieder begegnete ich einem großen, modernen und wirtschaftlich aufstrebenden Volk, das der jahrtausendealten Kultur, Tradition und Religion konträr gegenübersteht. Ob in Pekings verbotener Stadt, bei der weltberühmten Terracotta-Armee oder beim großen Buddha von Leshan: Überall lachte mir die Modernität am Selfie-Stick entgegen und zerstörte jede historische Atmosphäre.

Für den chinesischen Massentourismus werden nicht nur in den Metropolen ganze Wohn- und Hotelburgen hochgezogen. Jeder Fleck mit einem heiligen Hauch oder einem spektakulären Fotospot wird mit rasanter Geschwindigkeit erobert. Leidtragende sind vor allem die unvergleichliche Natur und sekundär meine Nerven.

Ein Blick über den Horizont hinaus kann so vieles bewirken. In China ließ er mich begreifen, was es auf unserer Mutter Erde zu schützen gilt und dass sich niemand hinter den vielen anderen verstecken sollte. Erstaunlicherweise fühlte ich ausgerechnet zwischen dem großen, chinesischen Volk, dass jeder Einzelne etwas verändern und bewegen kann.

Foto: Johannes Hackethal


Josephine Kuban

Ein Beitrag von Josephine Kuban

Geschichts- und Archäologiestudentin auf der Suche nach ihrem Traumberuf, die momentan Museum gegen Maulbeerblatt und Schaufel gegen Stift tauscht.